Ein Mann schaut am 07.01.2012 in seiner Wohnung in Hannover ein Fußballspiel auf seinem Laptop. (Quelle: dpa/Kai Remmers)
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Fußball-Blogger - Wie Geisterspiele die Diskussionskultur verändern

In Zeiten von Geisterspielen fehlt vielen Fans nicht nur das Stadionerlebnis, sondern auch der Austausch mit anderen. Diskussionen rund um Fußball finden jetzt erst recht im Netz statt. Dabei werden die Fans auch kreativ, um den Stammtisch virtuell zu ersetzen. Von Lisa Surkamp

Sonntagnachmittag in Pankow. Während auf dem Fernseher im Wohnzimmer das Spiel zwischen Union und Schalke über den Bildschirm flimmert, hat sich Union-Blogger Sebastian Fiebrig in die Küche zurückgezogen. Statt seinem Team beim Kampf um den Klassenerhalt zuzusehen, lässt er sich von Virologe Christian Drosten in dessen Podcast [ndr.de] die neuesten Erkenntnisse rund um das Coronavirus erklären. Anders, so erzählt er, halte er die Anspannung einfach nicht aus.

Doch ganz lösen kann er sich nicht, alle fünf Minuten geht es doch für einen kurzen Blick ins Wohnzimmer. Dann die Erlösung. "JAAAAAAAAAAAAA" twittert er um 15:47 Uhr erleichtert, als Robert Andrich die Eisernen in Führung schießt. Wären wir nicht in 2020, wäre er wohl seinem Nebenmann im Stadion An der Alten Försterei um den Hals gefallen. Denn da ist der 40-Jährige sonst bei jedem Heimspiel und tauscht sich nach Abpfiff mit anderen über das Spiel aus. In Zeiten von Corona und Geisterspielen bietet das Netz noch mehr als vorher eine Plattform für die Fans. "Ich finde die Bewertung am Tag nach dem Spiel wahnsinnig spannend. Da lese ich viel und diskutiere auch gerne", erzählt Fiebrig.

Taktikanalyse auf Twitter

Zu diesem Zeitpunkt hat Marc Schwitzky schon den meterlangen Feed zum Spieltagshashtag #bvbbsc durchgeschaut. Der Hertha-Blogger studiert in Greifswald und schaffte es auch in Vor-Corona-Zeiten nur gelegentlich ins Olympiastadion. In den sozialen Medien ist der Berliner dafür umso aktiver. "Ich bin viel auf Twitter unterwegs, um mich mit anderen auszutauschen und meine Gedanken zu den Spielen loszuwerden", erklärt er.

"Bei Twitter kann man sich seine eigene Blase bauen, hat aber trotzdem die Möglichkeit, mit seinen Tweets über die Hashtags die öffentliche Masse zu erreichen." Dem Studenten folgen immerhin 2.800 Menschen bei dem Kurznachrichtendienst. Und die werden schon während des Spiels mit seinen Gedanken und Analysen versorgt.

"In WhatsApp-Gruppen geht es emotionaler zu"

Der Vorteil vor dem heimischen Doppel-Bildschirm: "Bei Twitter bekommt man ja Zahlen und Statistiken, die das Spiel unterlegen. All das hat man im Stadion nicht. Beispielsweise auch keine Wiederholungen. Deswegen ist es auf jeden Fall eine andere Diskussionskultur", so Schwitzky. 

Der Blogger von der "Hertha Base" will im Sportjournalismus Fuß fassen. Seine Tweets kommen deshalb eher analytisch und sachlich daher. "In WhatsApp-Gruppen wie beispielsweise unserer Redaktionsgruppe vom Blog geht es natürlich emotionaler zu", berichtet er. "Ich glaube, dieser Stadionton findet sich eher bei WhatsApp wieder als bei Twitter."

Online-Stammtisch und Audio-Diskussionforen

So gut er den schnellen und unkomplizierten Austausch mit anderen Fußballfans über das Netz auch findet: Nachteile gegenüber einem Stammtisch-Gespräch hat er trotzdem. "Zum einen ist es, glaube ich, bei Diskussionen immer so, dass sie produktiver sind, wenn man sie von Angesicht zu Angesicht führt. Wenn du es schriftlich machst, kommen gewisse Emotionen vielleicht nicht rüber, es gibt Missverständnisse", sagt der gebürtige Berliner. "Ich glaube auch, wenn du etwas schriftlich formulierst, wird es gleichzeitig auch nüchterner, weil du länger darüber nachdenkst, wie du einen Satz formulierst, als wenn du das einfach im Stadion emotionsgeladen vor dich hin brüllst."

Auch Union-Fan Sebastian Fiebrig vom "Textilvergehen" sieht das so. "Im Gespräch können sich Sachen entwickeln. Geschrieben ist irgendwie immer so ein bisschen für ewig. Das bleibt dann da stehen und einen Tag später guckt sich das jemand an und man hat seine Meinung vielleicht schon geändert, weil man ganz andere Perspektiven bekommen hat", erklärt er.

Neben dem Austausch in den sozialen Netzwerken haben die Anhänger der Eisernen daher auch einen Discord-Chanel aufgemacht, in dem die Fans online mündlich diskutieren können. Auch Hertha-Fans können sich über Zoom online zum Stammtisch treffen und gleichzeitig Hertha-Kneipen finanziell unterstützen.

"Es ist auf jeden Fall besser, eine Stimme zu hören statt keine Stimme zu hören", findet Fiebrig. Aber in der Halbzeitpause am Bratwurststand mit anderen zu diskutieren, sich nach dem Spiel in der Kneipe auszutauschen - da sind sich alle einig: "Das ist ein Erlebnis, was nicht zu ersetzen ist."

Beitrag von Lisa Surkamp

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