Der Berliner Bundesliga-Schiedsrichter Daniel Siebert (imago images)
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Schiedsrichter Daniel Siebert über Geisterspiele - "Je lauter das Foul, desto schlimmer war es auch"

Die Geisterspiele in der Bundesliga sind für alle Beteiligten gewöhnungsbedürftig. Auch für die Unparteiischen, sagt der Berliner Bundesliga-Schiedsrichter Daniel Siebert. Im Interview spricht er über die neue Akustik und Insel-Gefühle.

rbb|24: Daniel Siebert, bei Geisterspielen ist zumindest auf dem Platz jedes Wort zu hören. Reden Sie als Schiedsrichter deswegen plötzlich anders?

Daniel Siebert: Auf jeden Fall. Mit den Assistenten an der Seitenlinie, vor allem aber auch mit dem Video-Assistenten. Wenn der mit im Boot ist, dann wissen die Spieler sofort, dass es sich um eine spielentscheidende Situation handelt. Und dann hören sie natürlich neugierig zu und versuchen, Einfluss zu nehmen.

Sie müssen also aufpassen, was Sie sagen?

Vor allem muss ich darauf achten, dass ich nicht zu laut rede. Normalerweise muss ich schon energisch sprechen, damit meine Kollegen mich über Funk hören. Jetzt ist es von der Akustik her eher so, als wäre ich in einem kleinen Zimmer. Wenn ich da rumschreie und jeder auf dem Feld hört, dass ich gerade mit dem Video-Assistenten spreche, dann nutzt der eine oder andere die Gunst der Stunde vielleicht, um zu sagen: Ja, ja, geh mal raus, schau es Dir mal ruhig an!

Versuchen Sie, sich Entscheidungszweifel und Unsicherheiten im Gespräch mit den Kollegen zu verkneifen, weil die Spieler das mitbekommen könnten?

Es geht dabei nur um die Lautstärke. Ansonsten versuche ich genauso zu agieren wie vorher auch. Die Wortwahl etwa - das ist alles über Jahre hinweg automatisiert, als dass sich etwas an den Schlüsselwörtern, in denen wir reden, verändert. Das würde auch nicht von heute auf morgen klappen, das rufen wir einfach intuitiv so ab.

Sie haben schon vor dem Neustart vermutet, die Spiele seien nun leichter zu leiten, auch wegen der veränderten Akustik im Stadion.

Ich habe am vergangenen Wochenende ein gutes Beispiel erlebt (Anm. d. Red.: Beim Zweitligaspiel zwischen Erzgebirge Aue und dem Karlsruher SC). Da gab es einen Torschuss und manchmal stellt sich dann die Frage: Hat der Ball jetzt noch ganz leicht die Latte berührt oder war der Torwart noch mit den Fingerspitzen dran? Dabei hat man manchmal eine Flugkurve, die suggeriert einem: Da war keiner dran! Jetzt aber höre ich das ganz einfach, auch wenn so einen Schuss nur minimal abgefälscht wird. Das ist so ein dumpfes Geräusch, und ich weiß: Da war jemand dran. Bei einem normalen Spiel, mit Zuschauerkulisse, kann man das nicht hören. Da muss ich es sehen. Und wenn ich es nicht gesehen habe, hat es hoffentlich einer meiner Assistenten gesehen.

Gilt das auch für andere Spielsituationen?

Da ist es genauso. Ich habe das inzwischen schon ein paar Mal erlebt: Alles ist still, alles konzentriert sich auf die Spielsituation. Kein Geschrei, keine Kommandos auf dem Platz. Und auf einmal fällt ein Spieler nach einem Zweikampf hin. Ohne, dass ich einen Laut gehört habe, obwohl ich nah dran stand. Und dann weiß ich: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit kann da nichts vorgelegen haben. Sonst hätte ich irgendetwas hören müssen, irgendein Klappern. Falls nicht, ist die Wahrscheinlichkeit schon sehr hoch, dass der Spieler von alleine gefallen ist. Weil man immer etwas hört, bei jedem Foul. Und man kann schon als Faustregel festhalten: Je lauter das Foul ist, desto intensiver und schlimmer war es wahrscheinlich auch.

Schade, dass es "Wetten, dass..?!" nicht mehr gibt.

(lacht) Das ist kein Alleinstellungsmerkmal nur von mir allein, das haben andere Schiedsrichter auch drauf, aber das wäre eine lustige Wette: "Wir haben 100 Spielgeräusche gesammelt und der Siebert muss jetzt mal alle richtig benennen."

Was hat sich bei Ihrer Arbeit auf dem Feld konkret verändert?

Allein schon, dass man wegen des Hygienekonzepts Spielertrauben vermeiden soll. Insgesamt suchen viel weniger Spieler den direkten Kontakt zu mir. Sie belagern mich weniger, halten Abstand. Ich bin vielmehr meine eigene Insel und um mich herum ist keiner, der mich verbal attackiert. Ich kann meinen Job machen, wirklich bei mir selbst sein.

Und bei den Mannschaften?

Das ist relativ gleich. Ich war skeptisch, was die Intensität der Spiele betrifft, bin aber erstaunt, wie lebhaft, wie intensiv sie geführt werden. Ich dachte, nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen der komplizierten Vorbereitung, dass sich die Spieler ein bisschen mehr zurücknehmen in den Zweikämpfen, auch aufgrund der Verletzungsgefahr. Aber dem ist nicht so. Auch die Laufwerte, wie zum Beispiel der Rekord von Vladimir Darida - bemerkenswert.

Die Statistiken weisen aus, dass die Schiedsrichter in den bisherigen Geisterspielen der Bundesliga 0,5 weniger gelbe Karten für Auswärtsteams zeigten als zuvor.

Als Sportwissenschaftler muss ich natürlich antworten: Fünf Spiele reichen als Betrachtungszeitraum nicht aus. Das kann auch einfach Zufall sein. 

Was ist die größte Schwierigkeit bei Geisterspielen?

Einige Kollegen sagen, dass es ihnen ohne Publikum schwerer fällt, sich zu motivieren, da ohne Fans das "Gepusht-werden" von außen fehlt. Bei mir ist das nicht so, einfach weil ich nicht einen Tag später wegen eines Fehlers in der Zeitung stehen will. Aber es ist natürlich schon so, dass Derbys wie zwischen Hertha und Union oder entscheidende Spiele im Saisonendspurt nochmal ganz anders elektrisieren würden, wenn Fans im Stadion wären. Das macht dann einfach mehr Spaß. Motiviert bin ich trotzdem. Aber die Stimmung rund ums Spiel, die Euphorie, die Gesänge - das vermisst man als Schiri schon.

Denken Sie auch mal während einer Partie: Krass, Geisterspiel?!

Eigentlich nicht, da bin ich im Tunnel. Das findet eher in der Nachbetrachtung statt. Beispiel Video-Assistent: Wenn ich in die Review-Area gehe, habe ich jetzt weniger Druck. Ich gehe einfach rein und niemand stört mich im Prozess. Aber das merke ich nicht in dem Moment, sondern dann, wenn ich nach Hause fahre oder wenn wir jetzt darüber reden, dass die Aufenthalte in der Review-Area im Vergleich zu den On-Field-Reviews vor dem Corona-Break ziemlich entspannt waren.

Schiedsrichter müssten Geisterspiele ja eigentlich auch deshalb super finden, weil niemand mehr ruft, er wisse wo ihr Auto steht …

Dass es keine Beleidigungen oder Pfiffe gegen uns und unsere Entscheidungen zu hören gibt, ist natürlich angenehm. Aber wir alle haben uns längst daran gewöhnt, dass die Fans ein elementarer Bestandteil des ganzen Fußballs sind, dass das über allem steht, oder zumindest über unseren Empfindungen als Schiedsrichter. Ich kann mich als Einzelperson ja auch nicht wichtiger nehmen als die breite Fußballmasse. Deswegen kommt so ein Gedanke gar nicht auf, weil Fußball ohne Fans auf Dauer nicht darstellbar ist.

Normalerweise pfeifen Sie vor einer Bundesliga-Saison immer ein paar Testmatches, um wieder das Gefühl für die Spielleitung zu bekommen. Daran war beim Neustart nicht zu denken.

Für mich hat Schiedsrichterei viel mit Selbstbewusstsein zu tun. Und es geht auch darum, in einen Flow zu kommen, während eines Spiels und während einer Saison. Da gibt es irgendwann drei, vier Spiele am Stück, da ist jeder Pfiff berechtigt, alle folgen Dir. Aber diesen Flow, den muss man sich durch richtige Entscheidungen erarbeiten. Das ist ein Sicherheitsgefühl, das man erlangt. Und das kann man nicht haben, wenn man zwei Monate Sommer- oder Corona-Pause hatte. Und dann brauche ich mal zehn bis 15 superstarke Minuten oder auch mal ein komplettes Spiel und dann weiß ich, ok, ich hab's wieder drauf, ich hab's mir bewiesen, alles ist wieder wie vorher, ich kann jetzt meine Leistung abrufen.

Also ist der Start in ein Spiel für Schiedsrichter genauso wichtig wie für die Spieler?

Trainer sagen es zu ihren Mannschaften und so ist es bei uns Schiedsrichtern zuweilen auch, dass man die erste Viertelstunde überstehen muss. Man muss gut ins Spiel reinkommen, man muss ein hohes Maß an Akzeptanz gewinnen. Das ist ja nicht von vornherein geschenkt, außer bei ein paar Schiedsrichterkoryphäen. Bei uns jüngeren ist das noch nicht so. Das muss man sich erarbeiten und wenn das getan ist, hat man diesen Flow und dann läuft das Spiel auch mal von allein.

Sind die obligatorischen Corona-Tests vor jedem weiteren Spiel eigentlich unangenehm?

Nur, weil ich jetzt manchmal um 6 Uhr morgens zum Test muss. (lacht) Das hatte man vorher nicht, da konnte man schön ausschlafen. Überhaupt muss ich jetzt früher aufstehen, weil wir erst am Spieltag anreisen und nicht wie zuvor bequem im Hotel schlafen können. Aber auch wir Schiedsrichter sind in allererster Linie froh, motiviert und dankbar, dass wir wieder auf dem Platz stehen dürfen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ilja Behnisch, rbb Sport.

Beitrag von Ilja Behnisch

3 Kommentare

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  1. 3.

    Ich verstehe Daniel Siebert so, dass er nicht die Lautstärke des Schreis, sondern des Körperkontakts (oder Schienbeinschoner, o.ä.) meinte. Dann ergibt das absolut Sinn!

  2. 2.

    Sie Haben das wohl falsch verstanden, was Herr Siebert damit meinte...
    Es geht nicht um die Lautstärke des Geschreis des Spielers, sondern darum, dass der Kontakt des Foulspiels an sich zu hören ist...

  3. 1.

    Grade das mit dem Foul, finde ich als Äußerung von dem Schiedsrichter erbärmlich, den diese Fußballer müssen zusätzlich noch eine Schauspielerausbildung genossen haben und eine im Chor, was die schreien können und wie sie sich bei einer kleinen Berührung auf dem Boden drehen können, Wahnsinn!
    Ich bin auch Schiedsrichter, aber meistens ist es genau das Gegenteil der Fall, nicht um so lauter, vollkommen falsch!
    Aber wie soll man entscheiden, wenn alle im Fußball viel zu viel Geld bekommen!
    Ein Ärgernis für alle die zuschauen und den Sport mögen!

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