Union-Trainer Urs Fischer mit dem Berliner Nicht-Abstiegs-Trikot
Video: rbb|24 | 17.06.2020 | Material: TeleNewsNetwork | Bild: imago images / Bernd König

Mit den Union-Tugenden ans Ziel - Mit aller Gewalt gelingt der Klassenerhalt

Der 1. FC Union Berlin gewinnt ein hart umkämpftes Spiel gegen den SC Paderborn mit 1:0 und schafft nun auch rechnerisch den Klassenerhalt. Das ist verdient, die Mannschaft von Urs Fischer hat viele Stärken. Von Till Oppermann

Als der Klassenerhalt in Sack und Tüten ist, lassen es sich am Dienstagabend einige doch nicht nehmen, vor dem Stadion zu feiern. Dutzende versammeln sich am Parkplatztor des Stadion An der Alten Försterei. Das wollen sich auch die Spieler nicht entgehen lassen. Schließlich sei es im Stadion ganz ohne Glücksgefühle von außen schon komisch gewesen, sagt Robert Andrich. Und so ist Kapitän Christopher Trimmel zwar der erste Profi, der sich an die Straße An der Wuhlheide wagt, bleibt aber längst nicht der einzige Spieler auf der Zufahrt. 

Urs Fischer wird gefeiert – ihm ist der Rummel unangenehm

Als schlussendlich – wie er es vielleicht formulieren würde – sogar Trainer Urs Fischer vor die Fans tritt, unterbrechen die Fans ihre Gesänge. Stattdessen huldigen sie dem Architekten des Klassenerhalts mit "Fischer, Fischer"-Rufen. Verlegen antwortet der "Singt weiter, Singt weiter" und verbeugt sich vor seinen Anhängern. Dem bescheidenen Schweizer ist der Rummel um seine Person sichtlich unangenehm. Besonders weil schon das Mottoshirt der Spieler eine Hommage an ihn ist. "Schlussendlich Klassenerhalt" heißt es da. Ein Adverb, das eigentlich in keinem Satz des Zürchers fehlt. Sicher kein Zufall, dass er bei den Interviews nach dem Spiel trotz aller Freude darauf achtet, es zu ersetzen: "Wir haben gelitten und uns zum Schluss belohnt."

Das Spiel ist sinnbildlich für die Saison

Ein Satz, der zwar auch zur kräftezehrenden Saison der Köpenicker passt, sich in diesem Moment aber auf das Spiel gegen Paderborn bezieht. Tatsächlich lässt die Mannschaft von Steffen Baumgart Union leiden. Trimmel spricht später von einem "Kraftakt". Besonders in einer "schweren zweiten Halbzeit", so Fischer. Doch seine Mannschaft hält dagegen und zeigt all die Stärken, die sie in der ersten Bundesliga-Spielzeit der Vereinsgeschichte zu einem sehr unangenehmen Gegner gemacht hat. Eine nennt Fischer: "Wir haben großen Aufwand betrieben, sind 126 Kilometer gelaufen." Insgesamt haben seine Spieler nun 3785,7 Kilometer zurückgelegt. Das ist Ligaspitze. Zum Vergleich: Alternativ hätten sie auch von Berlin nach Moskau joggen können – und zurück. "So gewinnen wir Spiele", erklärt Trimmel. Die Mannschaft lebe den Kampf und den Mut. Das habe man das ganze Jahr bewiesen.

Union bleibt bei den Grundtugenden

Recht so. Zu den "Grundtugenden", wie Trimmel sie nennt, gehört auch Unions Zweikampfhärte. Frei nach einem alten Motto der Fans, "Mit aller Gewalt Klassenerhalt", beeindruckte Union im Kampf gegen den Abstieg mit physischer Härte. Mit 1010 gewonnenen Kopfballduellen führt man wie bei der Laufdistanz die Liga an. Außerdem begeht die Mannschaft die meisten Fouls am Gegner. Schon vor dem Spiel mahnte Fischer, man dürfe Paderborn nicht in den Fluss kommen lassen. Tatsächlich pressen die erneut mit einer Viererkette beginnenden Unioner von Anfang an selbst den Paderborner Torwart Zingerle. Anders als gegen Köln erspielen sich die Gastgeber von Beginn an mehrere gute Chancen. Der Siegtreffer fällt trotzdem nach einem Trimmel-Freistoß. Der 33-Jährige Rechtsverteidiger hat nun elf Tore von Union vorbereitet. Damit ist er einer der torgefährlichsten Abwehrspieler in ganz Europa. "Ich werde hart arbeiten, um das in der nächsten Saison zu bestätigen." In dieser Saison ist er mit seinen Flanken elementar für die Stärke seiner Mannschaft beim ruhenden Ball. Union hat nun die Hälfte der 38 Tore nach Standards erzielt. Die 19 Treffer nach Ecken, Freistößen und Elfmetern sind ein weiterer Ligahöchstwert.

Paderborn ist zu harmlos

Nach dem Seitenwechsel gibt es dann Gegenwehr von Paderborn. Vor dem Spiel hatte deren Trainer Steffen Baumgart - als aktiver Spieler Publikumsliebling bei Union - gefordert, seine Mannschaft müsse alles raushauen. Eine vielbemühte Phrase, bei Paderborn aber Programm: Mit mutigem Offensivfußball, flachen Kombinationen, schnellem Umschaltspiel und vielen Sprints verschafften sich Baumgarts Spieler Respekt. "Wir stehen trotzdem bei 20 Punkten und steigen deshalb verdient ab", meint der Trainer. Das wird am Dienstag deutlich. Der SCP zwingt Union mit vielen Fouls und Sprints in ein ruppiges Spiel. Trotz des hohen Pressings der Eisernen versuchen die Paderborner meist, von hinten flach herauszuspielen. Immer wieder kombinieren sie sich flink in die Hälfte der Rot-Weißen. Doch spätestens am letzten Drittel ist Schluss. Gute Chancen für die Gäste entstehen keine. Union stellt die beste Defensive aller Clubs in der unteren Hälfte der Tabellenhälfte. "Wir hatten die ganze Zeit das Gefühl, dass wir kein Tor kassieren", sagt Robert Andrich.

Union hat bessere Arbeit gemacht

"Es hat immer etwas gefehlt", kommentiert Gäste-Kapitän Christian Strohdiek den Abstieg. Neben der Qualität der Einzelspieler auch an der nötigen Erfahrung. Während Paderborn vor der Saison mehrere Leistungsträger aus der Aufstiegssaison abgab und gleichzeitig keinen Spieler mit redenswerter Bundesligaerfahrung verpflichtete, war Union-Manager Oliver Ruhnert sehr aktiv und zog unter anderem Anthony Ujah, Christian Gentner und Neven Subotic an Land. Deren Routine habe der Aufstiegsmannschaft gefehlt, sagt Trimmel und: "Ohne Erfahrung wird es ganz schwer in dieser Liga." Der FC Union hat vor der Saison eindeutig bessere Arbeit gemacht, nachdem man letzte Saison noch hinter den Paderbornern auf dem dritten Platz landete und sich durch die Relegation zittern musste.

Clever zum Klassenerhalt

In dieser Saison war Union von Anfang an die reifere Mannschaft als der Mitaufsteiger. Eine weitere Statistik beweist das. Obwohl Union 82 mehr Fouls als Paderborn beging, sammelten die Ostwestfalen 15 gelbe Karten mehr als die Berliner. Ein klares Indiz dafür, dass Union clever spielt. Das gilt auch für die taktische Variabilität der Mannschaft. Die "Grundtugenden" stehen fest, auf ihrer Basis passt Urs Fischer den Spielplan immer wieder minutiös auf den Gegner an, egal ob mit verschiedenen Formationen, Akteuren oder indem durch eine Spiegelung der Aufstellung die zahlreiche Mann-gegen-Mann-Duelle forciert wurden. Paderborn geht mit wehenden Fahnen und viel Lob unter, womöglich hätte Baumgart sich aber ein Beispiel an Fischer nehmen müssen und beispielsweise das riskante Aufbauspiel anpassen sollen. 

Als die Busse der Gäste den Parkplatz verlassen, verabschieden die feiernden Unioner Paderborn mit einem verdienten Applaus aus der Bundesliga. Manager Ruhnert und Trainer Fischer machen sich an die Planung für die nächste Saison. Und obwohl Robert Andrich das wegen des Spiels am Samstag selbst nicht erwartet, gibt der Schweizer seinen Spielern morgen frei. Christopher Trimmel sagt: "Wir feiern mit ein paar Bier" und freut sich schon auf die nächste Party, wenn alle Fans wieder ins Stadion dürfen. "Dann holen wir die Feierlichkeiten nach." Dann könnte sich auch Urs Fischer in der Menge verstecken und seinen Erfolg genießen, ohne dass ihm die volle Aufmerksamkeit gilt. 

Sendung: rbb24, 17.06.2020, 21.45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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26 Kommentare

  1. 26.

    Sie scheinen nicht verstehen zu wollen, dass ich keine "kindischen" Vergleiche anstelle, sondern diese Foulstatistik ins Verhältnis setze. Also nochmal ganz anschaulich dargestellt: Nach 32 Spieltagen ergibt sich ein Durschschnittswert, der wie folgt aussieht:

    Union 14,9 Fouls/Spiel
    Köln 13,9
    Wolfsburg 13,4
    Mainz 13,1
    Hertha 12,9
    usw.

    Also ist dieses permanente rekurrieren darauf, dass Union Berlin einen ach so unfairen Fussball spielt, und nur mit Foulspiel glänzt, unzutreffend, Rat.

    Ich wüsste auch nicht, dass der "Rest der Liga" gegen das Union Spiel irgendwo mal Beschwerde eingelegt hätte. Im Gegenteil: Christian Streich meinte z. B.: "Da ist eine Power, eine Körperlichkeit, eine Einstellung - das ist extrem schwer, gegen Union zu spielen." Das klingt für mich eher nach einer anerkennenden Aussage vom immerhin dienstältesten Trainer in der Bundesliga.

  2. 25.

    Hab Ihnen an anderer Stelle dazu geantwortet, Sie scheinen hier omnipräsent zu sein. Lassen Sie einfach diese „Vergleiche“, mit denen Sie vom Thema ablenken wollen bzw, wie ein Kind erklären, dass andere das und das gemacht haben, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Ihre „Fanscheuklappen“scheinen die Sicht extrem zu behindern. Für Asien sind Fouls offenbar nur solche, die zu Karten führen, die restlichen Fouls verharmlosen Sie unter „Härte“. Aber genau das ist der Unterschied zwischen Bundesliga und den Ligen darunter. Daher „Rumpelfussball“. Das bedeutet, fehlende Klasse durch unfaires Spiel ausgleichen. Fouls gehen über Härte hinaus. Der britische Fußball ist zB hart, aber dennoch fair.

  3. 24.

    So so, mit "Rumpelfussball" hat der 1. FC Union Ihrer Meinung nach also also die Klasse in einer der besten Ligen der Welt bereits zwei Spieltage vor Saisonende gehalten?! Wenn dem so wäre, könnte man wirklich von einer "SUPERSENSATION" sprechen. Zumal bspw. der SC Paderborn, der ja für sein unbedingtes Offensivspiel allenthalten gelobt wird, laut "kicker" 15 gelbe Karten mehr kassiert, dabei aber weniger Tore erzielt hat. Würden Sie die Baumgart Truppe demnach auch als "Treter-Mannschaft" bezeichen, Rat?

  4. 22.

    Was reden Sie so verschwurbelt und im Konjunktiv? Wenn hier behauptet wird, mehr Fouls, aber wenigen Karten seien clever gespielt, dann ist das eine Verharmlosung von Rumpelfussball. Union kann spielerisch nicht mithalten und verlegt sich daher auf eine harte, aber eben auch foulträchtige Spielweise. Kann man akzeptieren, muss es aber nicht noch positiv herausheben.

  5. 21.

    Wenn ich Ihnen stichhaltige Informationen liefere, die zu einer differenzierteren Betrachtung Ihrere bisherigen Annahme führen könnten, wenn Sie es denn mögen wollen würden, sollte mir das warum peinlich sein, König? Sie können anhand der Statistiken doch ablesen, dass Ihr "Die Schiri müssen wohl mehr auf Union achten." jeglicher Grundlage entbehrt.

  6. 19.

    Ach.. Sie wieder. Egal, Sie sind Hardcorefan. Immer diese "die anderen sind auch böse" und "guck mal, der macht das und das". Ist Ihnen das nicht langsam peinlich?

  7. 18.

    Fouls gehören zum Fussball dazu und werden von jeder Mannschaft begangen. Es geht doch nicht ums "Umtreten", sondern um gesunde Zweikampfhärte, die 'kleine' Clubs gegen Größere an den Tage legen müssen, um diese nicht 'ins Spiel' kommen zu lassen.

    Und wenn Sie sich mal die Gelbe-Karten-Statistik (s. u.) anschauen, stehen dort viele Mannschaften vor bzw. hinter Union.

    Union 62
    Hoffenheim 63
    Wolfsburg 63
    Frankfurt 65
    Hertha 67
    Gladbach 68
    Mainz 68
    Bremen 68
    Köln 74
    Düsseldorf 76
    Paderborn 77

    Und auch im "kicker" Ranking, das alle Karten zusammenfasst und nach dem Schema: gelbe Karte=1 Punkt; gelb/rot=3 Punkte; rot= 5 Punkte funktioniert, steht der FCU noch vor (bzw. hinter) Frankfurt, Hertha, Paderborn und Köln, die alle mehr 'auf der Uhr' haben. Man muss diese reine Foul-Statistik also schon etwas differenzierter betrachten.

  8. 17.

    Union ist ja auch okay, nur die Fans empfinde ich leider - zumindest hier im Forum - echt unfair und gehässig. Falls jetzt wieder eine auf die hieseigen Herthaner verweist; bei denen fällt es mir hier im Forum auch auf. Hertha ist auch okay. Bin kein Fan einer Berliner Mannschaft; vlt fällt es mir nur deswegen auf, wie hier so jenseits der sportlichen Rivalität gezofft wird.

  9. 16.

    "Außerdem begeht die Mannschaft die meisten Fouls am Gegner." Soll das postiv sein? Wird ja in der Liste der postiven Leistungen erwähnt. Die Schiri müssen wohl mehr auf Union achten.

  10. 14.

    Herzlichen Glückwunsch zu dem hart erarbeiteten und deshalb nicht unverdienten Klassenerhalt. Wir freuen uns, dass unser Enkel einen offenbar nicht unwesentlichen Beitrag dazu geleistet hat. Wir werden mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen die weitere Entwicklung der sog. Eisernen verfolgen.

  11. 13.

    Bernd W. meint wohl diesen Spruch der Union Fans irgendwie mit den hohlen Parolen der damaligen SED-Führung gleichsetzen zu müssen, die überall in der DDR plakatiert waren. Ganz schwache Leistung!

  12. 12.

    Warum? Ist Ihnen der Begriff nicht geläufig? Sie haben ihn doch selbst genannt. Ich komme aus dem Osten; dort gab es ja allehand bescheuerte und unfreiwillig lustige Parolen; diese jedoch nicht.

  13. 11.

    Nichts ist dem hinzufügen.36Pkt. waren vor der Serie mein Wunsch.Danke, wie in der Zone,Plan übererfüllt.
    Gegen Fortuna bin ich dann da.Macht die Bierstände auf,es gibt was zu feiern
    U.N.V.E.U.

  14. 9.

    Grüße in die Schweiz - und Danke nochmal für den tollen Export! . . . und Urs ist natürlich gemeint. ;-)

  15. 8.

    Herzlichen Glückwunsch!

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