Union-Trainer Urs Fischer (imago images/Bernd König)
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Audio: Inforadio | 28.06.2020 | Jakob Rüger | Bild: imago images/Bernd König

Rückblick auf Unions Bundesliga-Premierensaison - Schlussendlich Klassenerhalt

Abgestempelt als Abstiegskandidat fightet sich der 1. FC Union zum Klassenerhalt, bleibt auch bei Niederlagen-Serien unter der Saison gelassen. Das ist vor allen Dingen der Verdienst von Trainer Urs Fischer und seiner Schweizer Unaufgeregtheit. Von Stephanie Baczyk

Christopher Trimmel verteilt am Samstagabend nach dem letzten Saisonspiel gegen Fortuna Düsseldorf virtuell Liebe. "Ich bedanke mich herzlich bei meinen Beinen", setzt der Kapitän des 1. FC Union auf der Social-Media-Plattform Instagram unter ein Foto von sich. Darauf zu sehen: er selbst, easy im schwarzen Shirt - in der einen Hand ein Kaltgetränk. Ein Bild samt Text, symbolisch für das erste Bundesliga-Jahr der Eisernen. Trimmel grüßt noch die Fans, na klar, und endet mit den Worten: "Das Kapitel "Underdog" dürfte somit auch abgeschlossen sein. Bleibt gesund, euer Capitano."

Urs Fischer aka Mister Unaufgeregt

Union ist drin geblieben in der Liga - als Aufsteiger. 41 Punkte, Platz 11 - Zahlen, mit denen sie in Köpenick nicht unbedingt gerechnet haben. "Ich glaube, schlussendlich kann man sicherlich dann auch schon sagen, dass es eine sehr sehr schöne, sehr sehr erfolgreiche Saison ist", fasst Manager Oliver Ruhnert die vergangenen Monate gelöst im Urs-Fischer-Style zusammen. Der Schweizer Coach hat das Wörtchen "Schlussendlich" im Berliner Südosten etabliert, kein Wunder, dass der Klub den Slogan "Schlussendlich Klassenerhalt" für die Nicht-Abstiegsshirts gewählt hat.

Der steht für Wertschätzung. Bei Union feiern sie Fischers Ruhe, er moderiert, trifft die richtigen Töne. "Alle sind mit den Ergebnissen seiner Arbeit hoch zufrieden, dem Unaufgeregten", schwärmt Ruhnert. Die Art des Trainers ist eine der Erfolgskomponenten. Sie hat geholfen, gleich zu Beginn der Spielzeit.

Schlüsselspiele und Emotionen

August 2019, der Auftakt gegen RB Leipzig ist berührend anders. Fans und Verantwortliche halten vor dem Anpfiff Plakate mit den Gesichtern verstorbener Unioner hoch, um zu zeigen: Ihr seid dabei, wenn unser Klub zum ersten Mal Bundesliga spielt. Auf den Gänsehautmoment folgt der Cool Down: ein 0:4 gegen die Leipziger. Fischer analysiert trocken, dass seine Mannschaft "zu viele Geschenke verteilt" habe. Und bleibt gelassen.

Am dritten Spieltag schlüpft Flügelspieler Marius Bülter zum ersten Mal in sein imaginäres Super-Sonic-Kostüm. Im Comic-Helden-Style explodiert der abseits des Platzes eher zurückhaltende Profi nach seinen beiden Toren gegen den BVB, Union gewinnt das Duell im Stadion An der Alten Försterei mit 3:1. Der erste Bundesliga-Dreier. Innenverteidiger Neven Subotic, vor der Saison von Saint-Étienne verpflichtet, spricht von "einem Schlüsselspiel. Seitdem sind wir richtig in der Liga angekommen."

Eisern geblieben

Stadtmeister Union

Die vier Niederlagen hintereinander steckt Union weg. Es habe ihn geprägt, dieses "gemeinsame Dazulernen", sagt Urs Fischer hinterher. Beim 1:2 zu Hause gegen Bremen fehlt den Köpenickern noch die Coolness, ab Mitte Oktober läuft’s besser. Das eiserne Repertoire kommt an - eklig sein, fighten, den Gegner nerven. Und im richtigen Moment vorne da sein. Die langen und hohen Bälle auf Sebastian Andersson sind eine Waffe, der großgewachsene, blonde Schwede gewinnt mühelos seine Kopfballduelle, macht die Dinger vorne fest – und trifft. 13 Mal in 36 Pflichtspielen.

Anfang November krönt sich Union zum Stadtmeister - gewinnt das Duell gegen Hertha BSC. Das vor Emotionen überbordende Spiel im Stadion An der Alten Försterei wird mehrfach unterbrochen wegen hässlicher Szenen auf und von den Rängen. Aus dem Gästeblock fliegen Leuchtraketen auf Platz und Tribüne, als Reaktion darauf stürmen Union-Anhänger nach Abpfiff den Platz. Die Eisernen gewinnen höchstdramatisch mit 1:0 - dank Elfmeterbude in der Nachspielzeit, Sebastian Polter trifft, stürmt Richtung Kurve und schreit den Moment glückstrunken raus. Fotograf Sebastian Wells hält die Szene fest – das Bild wird zum Sportfoto des Jahres 2019 gekürt.

Der Mut nach Corona

Nach 17 Spielen ist Union auf Klassenerhalts-Kurs, Elfter mit 20 Punkten auf dem Konto. Urs Fischer macht regelmäßig den Rechenmeister, mahnt von Woche zu Woche davor, abzubauen. Der Schweizer schärft den Fokus. Dann kommt Corona und die Eisernen müssen wie der Rest der Liga ohne Fans klarkommen – sie tun sich schwer. Das zweite Geister-Match steigt im leeren Olympiastadion – und dieses Mal ist Hertha wacher, besser, entschlossener. Macht im Mix mit individuellen Fehlern ein 0:4 aus Union-Sicht.

Die Fußball-Zeit nach Corona wird zur Geduldsprobe, Fischer Truppe findet die Frische, den Mut erst peu à peu wieder, tut sich schwer im Spiel nach vorne, gerade ohne die langen Bälle. Trotzdem: das Team beißt sich rein, belohnt sich nach sieben Bundesligaspielen ohne Sieg mit dem wichtigen 2:1 in Köln, Marvin Friedrich und Christian Gentner treffen. Der starke 'Gente', wie er genannt wird, bringt gerade in dieser Phase der Saison die nötige Ruhe rein, lenkt im Mittelfeld – und soll trotz auslaufenden Vertrags in Köpenick bleiben. Nach Köln kommt Paderborn. Gegen die Ostwestfalen macht Union den Verbleib in der Liga klar.

"Das ist schon außergewöhnlich!"

Nach dem 1:0-Erfolg feiern sie an der Einfahrt zum Stadion, einige Meter davor die Fans, zurückgehalten von einer Kette aus Ordnern. Kapitän Christopher Trimmel ist der erste, der draußen ist, umarmt die rot-weißen Anhänger, hüpft happy und lösgelöst mit ihnen im Kreis – in Corona-Zeiten ein No-Go – und entschuldigt sich anschließend dafür. Und dann fasst er das Gefühl zusammen.

"Man muss immer wieder betonen, wir waren vor der Saison Abstiegskandidat Nummer eins", so der Österreicher. "Keine Erfahrung in der Bundesliga, obwohl wie ein, zwei Spieler geholt haben, die Erfahrung haben – und wie die Saison dann gemeistert haben, das ist schon wirklich außergewöhnlich." Schlussendlich ja.

Sendung: rbb24, 28.06.2020, 21:45 Uhr

Beitrag von Stephanie Baczyk

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20 Kommentare

  1. 20.

    Zingler als Stasimitarbeiter zu bezeichnen ist unredlich, Micha. Ja, er hat beim Wachregiment "Feliks Dzier­zynski" seinen Wehrdienst abgeleistet und währenddessen das Regie­rungs­kran­ken­haus Buch bewacht - aber das wars auch schon.

    Hier mal ein ganz gutes Interview, das Zingler dem Magazin 11FREUNDE gegeben hat:

    https://11freunde.de/artikel/ich-habe-nie-leute-bespitzelt/576604

  2. 19.

    Das sich die Mitgliederzahlen quasi täglich ändern, ist mir bewusst. 35.000 ist meine letztbekannte Zahl.

    @Micha/OHV, ich schrieb von Kommerz an erster Stelle und nicht, das gar kein Kommerz vorhanden ist.

    Aber es hält sich zumindest noch im Rahmen.

    Kein Stadionsnamenverkauf, keine Spieltagspräsentation, keine Sponsoren für gelbe Karten, Eckstöße etc.pp.

    Wie ist das bei Hertha? ;-)

  3. 17.

    Hallo RBB, nach meinem Empfinden heißt der Stadtmeister eindeutig Hertha BSC!
    Und zu Union:
    Herzlichen Glückwunsch zum Klassenerhalt!
    Warten wir mal die zweite Saison ab.
    Als Underdog fliegen einen zuerst immer die Sympathien zu.
    Das dürfte sich in der nächsten Saison ändern :)
    Ha Ho He
    der Stadtmeister

  4. 15.

    Zitat: ". . . und den 35 000 Mitgliedern den Spaß zu lassen."

    Der FCU hat laut Stand vom 31.03.20 sogar 36.957 Mitglieder - es könnten mittlerweile aber auch schon wieder einige mehr sein -, und ist damit der mitgliederstärkste Berliner Fussballverein, MausBinB. ;-)

  5. 14.

    Der User Nomen ist aber schlecht gelaunt.
    Kommt da eine gewisse Abneigung gegen den Ostteil zum Vorschein? Wie hätten denn die Unioner ihrer Meinung nach reagieren müssen in der Saison?
    Fischer entlassen, Spielern Prügel androhen? Unruhe reinbringen und in Aktionismus verfallen? Das hat Hertha diese Saison vorzüglich gemacht und glücklicherweise ist Union nicht Dynamo Dresden wo mal schnell Gräber ausgehoben werden oder die Mannschaft eine Stunde Zeit hat die Stadt zu verlassen.

    Waren Sie mal bei einem Spiel im Stadion und haben die Atmosphäre erlebt und dieses Wir-Gefühl?

    Das bei Union noch nicht der Kommerz an erster Stelle steht, sondern oft das drumherum sollte normalerweise jedem Fußballfan gefallen, wenn man aber denkt das alle Verbrecher sind oder sich Köpenick nicht antut, verbreitet man halt lieber schlechte Laune.
    Das akzeptiere ich und bitte sie, diese zu bewahren und den 35 000 Mitgliedern den Spaß zu lassen. Besten Dank.

  6. 13.

    Danke Urs,
    wer im letzten Spiel Reichel,Kroos,Mees,Ujah bringt und das Spiel gewinnt,weiß welcher Geist in der Mannschaft herrschte.
    Danke an die von 14-20 im Kader
    U.N.V.E.U.

  7. 12.

    Und mich bestärkt Ihre Antwort darin, dass Sie unsachlich argumentieren. Und leider ist auch festzustellen, dass Sie nicht so gut mit Kritik umgehen können, Nomen. Sie werfen mir Engstirnigkeit vor - aufgrund wessen eigentlich? -, scheren aber alle Union Fans über einen Ihnen unsympathischen Kamm. Kennen Sie überhaupt auch nur einen FCU Fan persönlich, oder begründet Ihre Meinung dazu einzig aus irgendwelchen Internetkommentaren, die Ihnen warum auch immer nicht gefallen?

  8. 11.

    Endlich Schluss

  9. 10.

    Sie haben nun Ihren Senf dazu gegeben, prima. Bestärkt mich in der Meinung über die Unioner. Erinnert an Wadenbeißer... So, da Sie fast in jedem Forum das letzte Wort haben wollen, können Sie gerne etwas erwidern, ich werde nicht darauf eingehen, da Sie mir sehr engstirnig vorkommen.

  10. 9.

    Der Kern Ihrer Aussage besteht leider darin, dass Ihnen die Redewendung: 'Er, sie, es krönt sich da- oder dazu' scheinbar nicht geläufig ist, Nomen. Das hat nichts mit einer Zeremonie o. ä. zu tun, sondern bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich, dass etwas zum Ziel gesetztes abgeschlossen wurde. Und das Ziel war, das Spiel gegen Hertha zu gewinnen. Was Ihnen daran nun besonders unsympathisch erscheint, erschliesst sich mir nicht. Aber Sie werden schon Ihre Gründe dafür haben, nehme ich an.

  11. 8.

    Sie haben ja nicht mal den Kern erfasst ... au weia. Aber das ist eben das Niveau, welches bei Union so vorherrscht. Deswegen ist mir dieser Verein so unsympathisch. Mit der Hertha habe ich übrigens nichts am Hut.

  12. 5.

    Der (!) 1.FC Union war Stadtmeister 2019. Punkt. (kein Mensch sagt "die Union" - Man sagt sagt ja auch nicht "der Hertha" oder gar "Hertha BSC Berlin")

  13. 4.

    Bei aller Würdigung des Verdienstes, wieso „als einziger der drei Aufsteiger“? Köln ist ebenfalls oben geblieben, abgestiegen von den Aufsteigern des letzten jahres ist einzig Paderborn.

  14. 3.

    "Union ist drin geblieben in der Liga, als einziger der drei Aufsteiger." - Müsste es hier nicht eher heißen: "Union ist drin geblieben in der Liga, was nicht jedem der drei Aufsteiger gelang."? Nur Paderborn durfte "den Fahrstuhl" nicht verlassen und fährt wieder runter in die Liga 2. Der Effzeh ist "dem Fahrstuhl" oben in der Liga 1 neben Union auch entstiegen.

  15. 2.

    Ja super, Eisern Union! Kleine Bemerkung an die Redaktion. Auch Köln ist als Aufsteiger drin geblieben.

  16. 1.

    „ Anfang November krönt sich Union zum Stadtmeister – im Duell mit Hertha BSC“... das sagt alles über die Union aus. Danke rbb für diese Feststellung.

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