Keven Schlotterbeck und Rafal Gikiewicz von Union Berlin (imago images)
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Kaderplanung bei Union Berlin - Alarmstufe Abwehr

Niemand weiß, wie sich der Transfermarkt inmitten der Coronakrise entwickeln wird. Gesichert ist dagegen, dass Union einige Baustellen zu schließen hat, damit es auch nach der zweiten Bundesliga-Saison lautet: "schlussendlich Klassenerhalt". Von Ilja Behnisch

Dass sich die Coronakrise auf den Fußball auswirkt, ist wohl unbestritten. Wie sich fehlende Zuschauereinnahmen und ausbleibende Sponsorengelder auf die Ablösesummen und Gehälter der Profis niederschlagen werden, ob die Sommer-Transferperiode besonders ruhig oder gerade stürmisch wird, steht allerdings noch in den Sternen. Ebenso wie die Anzahl und Namen der Neuzugänge bei Union. Dass Bedarf besteht, zeigt der folgende Überblick nach Spielpositionen:

Torhüter

Mit dem Abgang von Rafal Gikiewicz steht Union vor einem gehörigen Problem. Ersatztorhüter Moritz Nicolas gilt als große Nachwuchshoffnung, ist von Borussia Mönchengladbach allerdings nur ausgeliehen. Eine Verlängerung der Leihe ist im Gespräch, wird von den Borussen aber wohl nur dann endgültig befürwortet, wenn Nicolas auch regelmäßig Spielpraxis erhält. Schließlich traut man Nicolas am Niederrhein langfristig die Nachfolge der derzeitigen Nummer eins Yann Sommer zu.

Doch wagt es Union im schwierigen zweiten Erstliga-Jahr tatsächlich, auf ein 22-jähriges Talent zu setzen, das noch ohne Bundesligaeinsatz ist? Gut möglich also, dass die Köpenicker einen erfahrenen Schlussmann holen, der bereits nachgewiesen hat, Woche für Woche Leistung abrufen zu können. Sollte Nicolas den Verein zum Saisonende verlassen, stünde mit Jakob Busk ein verlässlicher zweiter Mann bereit, der seinen Vertrag erst unlängst verlängert hat.

Innenverteidigung

Auch im Abwehrzentrum verliert Union mit Keven Schlotterbeck einen absoluten Leistungsträger. Zumindest vorerst. Die 23-jährige Leihgabe des SC Freiburg kehrt zurück zu seinem Stammverein. Aktuell gibt es wohl keine Chance, den U21-Nationalspieler weiter zu verpflichten.

Sollten sich die Freiburger noch für die Europa League qualifizieren, könnten sie einen auch auf der Außenverteidiger-Position einsetzbaren Linksfuß mit nun Bundesliga-Erfahrung gut gebrauchen. Bei Union bestünde dann dringender Handlungsbedarf. Auch, weil Neven Subotic im Endspurt der Saison sowohl in der Spieleröffnung als auch im Zweikampf-Timing ungewohnte Schwächen offenbarte. Ein Innenverteidiger, der nicht nur zerstören kann, sondern auch sauber von hinten herausspielen, wäre also unbedingt angebracht. Am besten ein Linksfuß, einer wie Freiburgs Keven Schlotterbeck vielleicht …

Außenverteidigung

Wenn der etatmäßige Rechtsverteidiger nicht nur Kapitän, sondern dank seiner Standard- und Flankenstärke auch noch an gut der Hälfte aller Bundesliga-Tore Unions beteiligt ist, gibt es an dieser Position wenig zu rütteln. Kurzum: Christopher Trimmel ist eine Bank. Und da auch sein Back-up, Julien Ryerson, in der abgelaufenen Saison bewiesen hat, Bundesliga-Format zu besitzen, muss man sich zumindest auf der rechten Abwehrseite Unions keine Sorgen machen.

Anders sieht es da auf links aus. Zwar hat auch Christopher Lenz eine gute Spielzeit absolviert - fällt der Kilometerfresser allerdings aus, wird es heikel. Ob der 33-jährige Ken Reichel auf Dauer eine hinreichende Alternative ist, darf zumindest bezweifelt werden. Nicht umsonst hat Trainer Urs Fischer auch schon Marius Bülter auf der defensiveren Außenposition eingesetzt. Sollte sich die Chance ergeben, einen Spieler mit Entwicklungspotential zu verpflichten, könnte Union hier zuschlagen.

Zentrales Mittelfeld

Als Abräumer und Bindeglied zwischen Verteidigung und Angriff sind die defensiven Mittelfeldspieler ein elementar wichtiger Bestandteil im Mannschaftsgefüge. Dass Union hier bereits gut aufgestellt ist, ist auch ein Geheimnis des letztlich souveränen Klassenerhalts gewesen. Grischa Prömel und Robert Andrich haben bewiesen, dass sie zwar bereits über die nötige Qualität verfügen, sich trotzdem noch stetig verbessern.

Dazu gesellte sich mit Christian Gentner, der Königstransfer der letzten Sommertransferperiode, ein idealer Baustein, der die ganze Klaviatur eines Mittelfeldspielers beherrscht und seine altersbedingten Defizite in Sachen Schnelligkeit und Dynamik durch Erfahrung und Spielverständnis aufwiegen konnte. Immer vorausgesetzt, Gentner verlängert seinen auslaufenden Vertrag, was sich dem Vernehmen nach beide Vertragsseiten gut vorstellen können. Die Arbeitspapiere von Felix Kroos und Manuel Schmiedebach, beide ebenfalls auf der Position im defensiven Mittelfeld angesiedelt, laufen in diesem Sommer aus.

Offensives Mittelfeld

DEN Spielmacher gab es zu Saisonbeginn weder im System noch im Kader von Urs Fischer. Winter-Leihgabe Yunus Malli sollte dieses Vakuum füllen, auch weil den Verantwortlichen wohl klar war, dass Union schon in der Rückrunde immer häufiger in immer mehr Ballbesitzphasen gezwungen werden würde. Die bis dahin so erfolgreiche Taktik, sich tief in die eigene Hälfte zurückfallen zu lassen, aggressiv zu verteidigen und mit langen Bällen auf den Zielspieler Sebastian Andersson Konter zu fahren, nutzte sich zusehends ab.

Nun ist Yunus Malli zwar einer der elegantesten Spieler der ganzen Liga, an seine Glanzzeiten im Trikot von Mainz 05 konnte der 28-Jährige allerdings auch bei Union nicht wirklich anknüpfen. Jörg Schmadtke, Geschäftsführer des VfL Wolfsburg, von wo Malli ausgeliehen ist, bestätigte zuletzt, dass die Leihe planmäßig enden werde. Die Alternativen wie Julius Kade (21) oder Laurenz Dehl (18) sind mit der Bürde der Aufgabe (noch) überfordert, Aushilfsspielmacher Marcus Ingvartsen ist auf dem Flügel besser aufgehoben. Ein kreativer Mittelfeldspieler, einer, der mit nur einem Pass ungeahnte Räume öffnen, oder sie mit einem Dribbling schaffen kann, stünde der Mannschaft also gut zu Gesicht. Leider gilt das für die meisten Bundesliga-Vereine.

Offensive Flügelspieler

Dass es nicht immer namhafte Neuzugänge sein müssen, bewies in der aktuellen Spielzeit Marius Bülter: der Mann, der vor zwei Jahren noch beim SV Rödinghausen in der vierten Liga spielte und vor der Saison von Drittligist Magdeburg an die Alte Försterei kam. Sieben Tore (und eine Torvorlage) später lässt sich konstatieren: An Bülter führt kein Weg vorbei. Zug zum Tor, stark im Abschluss und im Duell eins gegen eins - Bülter ist der Prototyp des Außenbahnspielers und damit leider recht konkurrenzlos bei Union. Sein Pendant auf der rechten Seite, Marcus Ingvartsen, kommt zwar auf stolze acht Scorer-Punkte (fünf Tore, drei Torvorlagen) bisher, ihm mangelt es allerdings an der nötigen Dynamik und dem Überraschungsmoment für die Position.

Suleiman Abdullahi und Akaki Gogia hatten große Teile der Saison mit Verletzungen zu kämpfen und entziehen sich dadurch einer objektiven Bewertung. Wobei ihr Tempo (Abdullahi) und Esprit (Gogia) durchaus eine Bereicherung darstellen könnten im zweiten Bundesligajahr Unions. Sheraldo Becker hingegen hat zwar jede Menge Geschwindigkeit, ist in seinem Spiel auf Dauer aber zu ungenau. Sollte sich die Möglichkeit ergeben, hier nachzulegen, könnte Union womöglich zuschlagen. Besonders dann, wenn die seltene Spezies Fummelkutte auf den Transfermarkt geschwemmt wird.

Sturmzentrum

Zumindest statistisch ist Sebastian Andersson einer der besten Kopfballspieler der Bundesliga. 252 Kopfballduelle hat der Schwede nach 32 Spielen für sich entscheiden können - 102 mehr als der Zweitplatzierte, Sven Bender von Bayer Leverkusen. Dass er auch die meisten Zweikämpfe aller Bundesliga-Spieler für sich entscheiden konnte (490) und trotzdem noch die Kraft und Ruhe vor dem Tor hatte, um bis dato zwölf Treffer zu erzielen, zeugt von seiner Klasse.

Mit Anthony Ujah hat Union ein nahezu kompletter Stürmer in der Hinterhand, der nichts herausragend, aber alles ziemlich gut beherrscht und auch auf dem Flügel einsetzbar ist. Klingt eigentlich ziemlich gut, doch aufgrund der Trennung von Sebastian Polter sollte der Klub auf dieser Position nachlegen. Nicht unbedingt mit einem Stürmer-Typ, der vermeintlich 15 Saisontore garantiert (und für Union kaum bezahlbar sein dürfte), dafür aber mit einer Nachwuchskraft, die die Fantasie weckt, zu einem solchen Stürmer heranwachsen zu können.

Sendung: rbb24, 19.06.2020, 16:00

Beitrag von Ilja Behnisch

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4 Kommentare

  1. 2.

    Bei Hertha steht auch "Kader", ist das weniger "ostig"?

  2. 1.

    Kader? Klingt ostig....

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