Alba-Kapitän Patrick Femerling stemmt 2008 die Meister-Trophäe in die Höhe. / imago images/Wolter
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Interview | Albas Meister-Kapitän Patrick Femerling - "Das Ding am Ende zu krönen, war Wahnsinn"

Als Alba Berlin 2008 das letzte Mal Meister wurde, war Patrick Femerling der Kapitän. Nun ist der nächste Triumph zum Greifen nah. Der heutige Jugendtrainer spricht über den Gegner Ludwigsburg, Alba-Trainer Aito - und die Zukunft des deutschen Basketballs.

rbb|24: Alba Berlin kann zum ersten Mal seit 2008 wieder Meister werden. Nach der Serie, die sie beim Finalturnier hingelegt haben, sind sie gegen Ludwigsburg der Favorit. Wie sehen Sie die Qualität dieser Mannschaft - was macht ihre Stärken aus?

Patrick Femerling: Ein Schlüssel ist die Kontinuität. Man hat die Mannschaft längerfristig zusammengehalten - gerade Luke Sikma ist eine Personalie, die das zeigt. Auf der anderen Seite hat man über die Jahre viele junge Spieler eingebaut. Das muss man Aito (Anm. d. Red.: Alba-Coach Aito Garcia Reneses) zugute halten. Das ist sein Plan und war immer auch seine Schule, sie mit ins Team zu holen, sie relativ früh mit Verantwortung auszustatten und daran wachsen zu lassen. Ich glaube, diese Mischung zwischen souveränen älteren Spielern - die auch alle nicht alt sind, denn es ist ja immer noch eine relativ junge Mannschaft - und jungen Leuten, die wollen, das ist so das Erfolgsgeheimnis.

Sie haben den Trainer Aito Garcia Reneses angesprochen. Der kann sich nach dem Finalturnier ja praktisch selbst entscheiden, wie er weitermacht. Es könnte eine Ära enden und er mit einem Titel sagen: Meine Mission ist erfüllt. Alba hatte viele Kult-Trainer. Allen voran vielleicht Svetislav Pesic. Wo würden Sie Aito sehen?

Die Parallelen zwischen Aito und Pesic sind sportlich schon vorhanden. Auch Pesic hat auf die Jugend gesetzt. Er hat viele Leute bei TuSLi (Anm. d. Red.: TuS Lichterfelde) installiert, was damals die Alba-Jugend war. Die konnten sich dort entwickeln - teils von außerhalb geholt, teils eigene Jungs. Alexander Frisch, Jörg Lütcke, Mithat Demirel, Stipo Papic, Jan Jagla und wie sie alle hießen. Das haben Pesic und Aito gemeinsam. Es sind zwei komplett unterschiedliche Trainer-Philosophien, aber beide haben dieses Faible für junge Leute.

Wie wichtig ist es für Alba, dass er weitermacht?

Ich hoffe nicht, dass die Ära endet. Denn mit einem neuen Trainer kommt eine neue Struktur - egal, ob der dieselbe Schule durchlaufen hat wie Aito oder nicht. Das Problem bei Aito ist natürlich, dass ihm egal ist, ob er gefeuert wird. Der hat alles gemacht, alles gewonnen - und hat Erfolg. Wenn er mal vier Spiele verliert, spürt er - denke ich mal - keinen Druck. So coacht er, so setzt er die Leute ein und so gewinnt und verliert er manchmal auch Spiele, weil ihm das große Ganze am Wichtigsten ist. Wenn er geht, wäre das natürlich schade und einen adäquaten Ersatz zu finden, der auch mit so einer Ruhe und Entspannung alles leitet, ist natürlich nicht so einfach.

Gegen den Finalgegner hat Alba in der Gruppenphase schon einmal gespielt. Es war ein enges Duell. Viele sagen, Ludwigsburg sei eine Mannschaft, gegen die man nicht spielen will, weil sie viel zerstören. Was für zwei Duelle erwarten Sie?

Sehr umkämpft. Ich glaube, die Finalduelle gegen Bayern haben in den vergangenen Jahren gezeigt: Je physischer der Gegner ist, desto schwieriger ist es für Alba, ihr Spiel aufzuziehen - auch wenn sie in den vergangenen Wochen bewiesen haben, dass es trotz der Spielpause auch in diesem Jahr eine große Entwicklung gab. Sie spielen sehr souverän und gehen gut mit Physis um. Alba ist bestimmt der Favorit, aber Ludwigsburg ist eine unfassbar gefährliche Mannschaft, die nie aufsteckt. Ich glaube nicht, dass man diesen Charakter brechen kann, aber man kann ihn bekämpfen. Und dazu müssen die Jungs von Alba schon bereit sein.

Alba ist wahrscheinlich ausgeruhter. Sie konnten auch überragende Spieler zwischendurch einfach mal für ein Spiel schonen - eigentlich hat jeder mal seine Pause bekommen. Ist das vielleicht am Ende ein Trumph, dass Alba die längere Bank hat?

Kann sein, muss es aber nicht. Ich glaube, dass Spielrhythmus auch immer ein Faktor ist. Das heißt, wenn man eben keine Pause hat, sondern seine Minuten bekommt - und dann gerade in so einem kurzen Zeitraum, in dem man jetzt spielen muss, die besseren Leistungen bringt. Auf der anderen Seite ist Ermüdung natürlich ein Faktor. Aber Ludwigsburg ist als Mannschaft tough. Die müssen jetzt zwangsläufig auch die jungen Leute einsetzen und profitieren davon sehr, was mich als Jugendtrainer natürlich glücklich macht. Es kann so sein, dass Alba ab Minute 33, 34, 35 ein bisschen frischer ist. Aber Ludwigsburg wird niemals aufgeben.

2008 ist Alba Berlin zum bislang letzten Mal Meister geworden. Sie waren damals ihr Kapitän. Was hat die Mannschaft damals ausgemacht? Es war ja keine einfache Saison, wenn ich mich zurückerinnere.

Es war schon eine turbulent. Die Trennung von Dijon Thompson. Goran Jeretin, der als erster Point Guard geholt wurde und sich am letzten Tag der Vorbereitung das Kreuzband riss. Dann kamen neue Spieler mit Aleksandar Nadfeji und Immanuel McElroy als Verstärkung. Das war schon eine wilde Saison. Die Mannschaft war natürlich auf Erfolg ausgelegt und Luka (Anm. d. Red.: Pavicevic) als Trainer sehr akribisch und strikt. Umso schöner war es am Ende nach einer Saison mit sehr vielen Höhen und Tiefen, das Ding zu krönen. Das war Wahnsinn. Mit dem Brett (Anm. d. Red: Form der damaligen Meistertrophäe), das gefühlte 400 Kilogramm wiegt, wenn man es hochhebt. Man denkt, dass sei so ein Pressspan-Ding, aber das ist schon solide.

Was braucht eine Meistermannschaft, sprich: Was ist wichtig in einem Team, damit man sich am Ende wirklich durchsetzt?

Ich glaube, dass eine Hierarchie wichtig ist. Das heißt nicht, dass es einen Chef gibt und alle anderen sind darunter. Aber es braucht Leute, die den Mund aufmachen und auf dem Feld und auch im Training was sagen. Der Trainer hat nur eine gewisse Reichweite. Der kann vorbereiten - aber im Spiel selbst müssen die Spieler das richten, die Entscheidungen treffen und spontan reagieren. Dafür sind Spieler nötig, die das Standing haben und so in den entscheidenden Momenten noch mehr Zuversicht, noch mehr Wille und noch das Tickchen mehr Energie herausgekitzelt wird. Alle müssen auf demselben Nenner sein und für das gemeinsame Ziel arbeiten.

Patrick Femerling bei der WM 2019 mit Alba Berlins Johannes Thiemann. / picture alliance/Swen Pförtner/dpaPatrick Femerling bei der WM 2019 mit Alba Berlins Johannes Thiemann.

Wie werden Sie das diesjährige Finale verfolgen?

Ich habe das ganze Turnier unterschiedlich geguckt. Ein Spiel habe ich mit Alex Frisch gesehen, der ein Freund von mir ist, eins zuhause, eins im Café mit anderen Basketball-Leuten. Beim Finale hängt das ein bisschen von meinen Kindern ab. (lacht) Wenn die mich rauslassen, darf ich auch nochmal woanders hingehen und das schauen. Wenn sie sagen: 'Papa, wir möchten, dass du hier bliebst!', dann gucken wir das eben zusammen zuhause.

Sie sind immer noch die ganze Zeit mit dem Basketball verbunden. Inzwischen als Trainer des U18-Nachwuchses beim Deutschen Basketball Bund. Wie läuft das zurzeit in der Corona-Krise - da können ja auch Sie wahrscheinlich nur bedingt Ihrer Tätigkeit nachgehen.

Das ist eine schwierige Situation. Man möchte ja mit den Spielern arbeiten und den Vereinen Unterstützung oder auch nur eine Meinung anbieten und Kontakte knüpfen. All diese Dinge sind nicht möglich. In diesem Sommer sind alle Jugend-Europameisterschaften gecancelt. Olympia ist gecancelt. Eigentlich ist alles gecancelt. Ich würde jetzt in der Halle stehen und versuchen, eine Mannschaft zusammenzustellen, die hoffentlich bei der U18-EM in der Türkei eine gute Rolle spielt. Ich hatte auch einen schönen talentierten Jahrgang mit den 2002ern und ein paar ganz guten 2003ern dazu. Das ist schon sehr schade.

Wie nutzen Sie die ungewollten Freiräume?

Man nimmt sich die Zeit für andere Dinge - etwa um ein Konzept zu erarbeiten, wie man Jugendliche vielleicht anders ausbildet. Also nicht ich alleine. Wir sind ja vier Jugend-Bundestrainer. Es geht darum, zusammen Ideen zu entwickeln, die womöglich die Zukunft noch ein bisschen mehr beeinflussen können. Ob das klappt, wissen wir nicht. Das ist ja immer eine Frage, die in fünf oder zehn Jahren beantwortet werden muss. Aber ich glaube, da gibt es noch viel Handlungsbedarf, Ideen und Möglichkeiten, die wir noch nicht ausgeschöpft haben oder die wir einfach anzapfen müssen.

Wo sehen Sie den deutschen Basketball aktuell?

Wenn man jetzt damit zufrieden ist, dass man ein paar Jungs in der NBA hat, dass man zwei Euroleague-Plätze hat und dass all diese Sachen so laufen, wie sie laufen, ist das der falsche Weg. Aber wir sind auf einem sehr guten Weg. Wir haben viele Talente. Viele junge Spieler, die hochkommen wollen - und das auch tun. Durch kleine Vereine, die gute Jugendarbeit an der Grasnarbe machen und die ganz jungen Kids gut ausbilden. Und durch größere Programme, die Leute zusammenziehen und mit betreutem Wohnen und idealen Trainingsinfrastrukturen arbeiten können. Das zahlt sich aus. Die ersten Generationen kommen jetzt und das sieht man. Es wäre schade, wenn das durch etwaige Regularien wieder in die Tonne gehauen wird. Denn die BBL-Bestimmungen mit den Jugendtrainern, mit Mindest-Etat und nur sechs Spielern, die einen nichtdeutschen Pass haben - das sind alles Dinge, die geholfen haben, zu motivieren und Jungs auszubilden. Sie haben das Job-Profil Basketball-Profi interessanter gemacht. Davon hat die Liga hundertprozentig profitiert. Aktuell bei dem Turnier sieht man, was für eine Rolle die jungen Spieler haben. Wenn man das nicht weiterverfolgen sollte, wäre das - glaube ich - ein großer Fehler und das würde uns in drei, vier, fünf Jahren richtig auf die Füße fallen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jörg Klawitter, rbb Sport.

Sendung: rbb UM6, 27.06.2020, 18:15 Uhr

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