Die Ruderer Rene Schmela und Anton Braun (Foto: rbb)
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Audio: Inforadio | 11.06.2020 | 11:15 Uhr | Jonas Schützeberg | Bild: rbb

Vom Verband aussortiert - Zwei Berliner Ruder-Rebellen kämpfen für Olympia

Sie gehörten zum Team Deutschland-Achter, doch im vergangenen Jahr wurden beide rausgeschmissen. Anton Braun und René Schmela vom Berliner Ruder-Club kämpfen weiter für Olympia 2021 – fernab der deutschen Nationalmannschaft. Von Jonas Schützeberg

Langsam knarzend öffnet sich das graue, schwere Holztor. Oben auf der Turmspitze leuchtet ein roter Stern, daneben weht die Vereinsflagge im Wind. Wie eine kleine Festung sieht das alte Gebäude des Berliner Ruder-Clubs aus.

Weiß blitzt die Bootsspitze aus der dunklen Halle, während Anton Braun und René Schmela ihren Zweier zum Steg tragen. Es ist 9 Uhr, die erste von drei Trainingseinheiten steht auf dem Plan.

Der Ruderer Anton Braun (Foto: imago images / Sven Simon)
Anton Braun | Bild: imago images / Sven Simon

"Zu schlecht und zu alt"

"Fertig machen – stößt ab", gibt René Schmela das Kommando - und mit einem großen Schritt schieben die beiden Topathleten das Boot vom Steg und steigen ein. Dass Anton Braun heute noch über die Havel und den Wannsee rudern würde, war lange Zeit unklar.

Der 30-Jährige startete schon schon zwei Mal bei den Olympischen Spielen, in London und in Rio de Janeiro, und gewann WM-Medaillen mit dem Deutschland-Achter. Doch der Cheftrainer hatte ihn wegen fehlender Perspektive 2019 vom Bundesstützpunkt in Dortmund aussortiert.

"Mir wurde gesagt, ich sei zu schlecht und zu alt", erinnert sich der 30-Jährige. "Das war einfach unbefriedigend, die Karriere beendet zu bekommen. Ich wollte mit dem Rudern aufhören, wenn ich damit fertig bin und nicht, wenn es der Trainer sagt. Ich war selten so motiviert das nächste Jahr noch durch zu ziehen."

"Meine Leistung hat völlig stagniert"

Braun hat seinen eigenen Kopf. Er sei untrainierbar, hatte ihm einst ein Trainer gesagt. "Die Frage, warum ich da so angeeckt bin, stelle ich mir manchmal selbst", sagt er. "Wenn ich das Training nicht für gut befunden habe, hatte ich immer Probleme, das auch zu 100 Prozent durchzuziehen. Das wurde oft als faul deklariert, ich sehe mich aber gar nicht als faul, deswegen denke ich, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen."

Seit 2018 trainieren die meisten männlichen Riemen-Ruderer im Zuge der Leistungssportreform in Dortmund. Die Idee stammt vom Deutschen Olympischen Sportbund. Es soll starke Athleten an einem Ort binden. Mit diesem Konzept konnte Anton Braun sich nie anfreunden. "Das individuelle Arbeiten geht in der Zentralisierung unter, gerade bei älteren Sportlern wie mir, wo irgendwann ein neuer Reiz nötig ist, um weiter zu kommen", sagt er. "Meine Leistung hat in Dortmund völlig stagniert."

"Rudern war nur noch ein nerviger Beruf"

Sein Bootspartner René Schmela kam oft zu spät zum Training, die Probleme häuften sich. "Ich habe da schon einiges gemacht, worauf ich nicht stolz bin. Aber ich war gerade 19, als ich an den Bundesstützpunkt kam und wollte etwas vom Leben haben. Die Strichliste wurde länger und länger." Rausgeschmissen wurde Schmela nach der Silvesternacht 2019, in der er im Trainingslager erst spät nach Hause kam.

Beim zentralisierten Training in Dortmund, wo der Deutschland-Achter geformt wird, hatte der 22-Jährige das Gefühl unterzugehen, wie er berichtet. "Dortmund ist für mich eine Massenabfertigung, wie ein Fließband. Für den Achter und Vierer ist das gut, aber für mich war Rudern kein Hobby mehr, sondern nur noch ein nerviger Beruf", sagt der ehemalige Sportsoldat.

"Selten so eine Genugtuung erfahren“

Der Juniorenweltmeister warf alles hin, begann zu reisen, mit Van und Surfboard Richtung Afrika, als plötzlich das Handy klingelte - es war Anton Braun. Beide Athleten wurden sich schnell einig, wollten doch noch einmal angreifen, so wie das kleine gallische Dorf gegen die römische Übermacht. Fernab der Nationalmannschaft trainierten sie - jeden Tag, bis zu einem Ausscheid im März gegen die Dortmunder Zweier, mit Erfolg.

"Das war ein Wahnsinnsgefühl. Ich habe selten so eine Genugtuung erfahren", sagt Anton Braun. "Sich einfach darüber hinweg zu setzen, dass man rausgeschmissen und für nicht mehr gut genug befunden wurde, sich dagegen zu wehren, war schon etwas Besonderes." Braun und Schmela gewannen den nationalen Wettkampf.

Der Ruderer Rene Schmela (Foto: imago images / Sven Simon)Rene Schmela

Europameisterschaft als Zwischenziel

Im Oktober sind Ruder-Europameisterschaften in Polen geplant. Finden diese statt, werden die beiden Berliner für Deutschland starten, doch die Probleme dauern an: Finanziell werden sie vom Ruderverband nicht wie andere Athleten gefördert.

"Wenn man so ein Rebellenprojekt beginnt, muss man sich schon im Klaren sein, dass es finanziell keine große Nummer wird. Aber wir sind der nominierte deutsche Zweier, da würde ich mich schon über Unterstützung freuen." René Schmela lebt vom Kindergeld, bekommt 250 Euro von der Sporthilfe, mit 300 Euro unterstützt ihn der Berliner Ruder-Club. Nicht viel, um davon zu leben.

Das Rebellenprojekt ist noch lang nicht beendet

Anton Braun war lange Zeit Sportsoldat und konnte etwas Geld zurücklegen, von dem er jetzt zehrt. Beide hoffen, zurück in die Bundeswehr zu kommen. Das kann allein der deutsche Ruder-Verband entscheiden.

Das selbst ernannte Rebellenduo lässt sich nicht aufhalten. Seit ein paar Tagen sind sie im Trainingslager in Kärnten, wo aktuell auch die österreichische Nationalmannschaft trainiert. Die Berliner kämpfen weiter. Sie wollen im nächsten Jahr nach Tokio. Auch wenn es noch ein langer Weg ist.

Sendung: Inforadio, 11.06.2020, 11:15 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    Jungs weiter so................. ich drücke Euch die Daumen. Bleibt gesund, gebt Euer bestes und fahrt die Konkurrenz in Grund und Boden ! ! ! Ich warte gespannt auf die Ruder-EM in Polen.......... Toi, toi, toi ! ! !

  2. 1.

    Ja die Rebellen! ;-) Toller Bericht weiter so und hoffentlich findet ihr einen Sponsor in der schwierigen Zeit und zeigt es dem Bundesstützpunkt!

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