Jahnsportpark (imago images/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 25.06.2020 | Stephanie Baczyk | Bild: imago images/Matthias Koch

Streit um geplanten Neubau - Abriss des Jahn-Stadions - übertrieben oder unabdingbar?

Dass der Friedrich-Ludwig-Jahnsportpark neu gestaltet werden soll, steht seit Jahren fest - umstritten ist das Wie. Der größte Streitpunkt ist der geplante Abriss der Stadions. Bald könnte eine Entscheidung fallen. Von Stephanie Baczyk

Für Christoph Pisarz hat der Weg ins weite Rund des Jahn-Stadions Workout-Charakter. Er führt über die steile Feuerwehrauffahrt zwischen Tribüne und Max-Schmeling-Halle. "Da musst Du ordentlich frühstücken", scherzt er, oben an Rängen angekommen. "Die Rampe muss überstanden werden." Allzu oft kommt Pisarz nicht her, obwohl er nebenan bei Pfeffersport e.V., dem größten Kinder- und Inklusionsverein Berlins, arbeitet. Sein Fernbleiben hat Gründe: Der junge Mann mit den dunkelblonden, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren sitzt im Rollstuhl - und das Stadion ist nicht barrierefrei.

Pisarz hat an diesem sonnigen Junivormittag eine Mission, ist zusammen mit anderen Sportlerinnen und Sportlern ins marode Stadion gekommen, um auf die Missstände hier aufmerksam zu machen.

Christoph Pisarz im Jahn-Sportpark (Foto: rbb / Stephanie Baczyk
Christoph Pisarz im Jahn-Stadion | Bild: rbb / Stephanie Baczyk

"Gucke ich unten durch oder oben drüber?"

"Jeder Rollstuhlfahrer kann hier hochkommen und sich quasi hinstellen, wo er will", erklärt Pisarz. "Aber er hat eben nicht den Zugang zu den Tribünen, wo Freunde oder Familie sitzen." Rolli-Fahrer müssen sich oberhalb des Sitzbereichs hinstellen, hinter die metallenen Wellenbrecher. "Dieser weiße Balken, dieser Fallschutz hat immer so um die 1, 1,20 Meter Höhe - und das ist exakt auf Augenhöhe, egal wie hoch man im Rollstuhl sitzt. Da muss man sich immer entscheiden: Gucke ich unten durch oder oben drüber?"

Die kurzfristig veranstaltete "Tour de Barriere" - zusammen mit einer fix ins Leben gerufenen Online-Petition vom Landessportbund Berlin, von Vereinen und mehreren Sportverbänden – soll die Dringlichkeit eines lange angedachten Projekts verdeutlichen. Das Gelände des Sportparks soll für 195 Millionen Euro zum Vorzeige-Inklusions-Standort werden, Abriss und Neuaufbau des Jahnstadions inklusive. Die Pläne gibt es schon lange – Ende 2020, Anfang 2021 sollen die Bagger kommen. Aber noch hat der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses sein "Go" und die Gelder in Höhe von 14 Millionen für den geplanten Abriss nicht freigegeben.

Menschen vor dem Jahn-Stadion (rbb / Stephanie Baczyk)
Die "Tour de Barriere" | Bild: rbb / Stephanie Baczyk

Keine Ausschreibung, kein Gestaltungswettbewerb

"Ich hoffe, dass das spätestens jetzt nach der Sommerpause endgültig erfolgt", sagt Thomas Härtel, der Präsident des Landessportbundes Berlin. "Das wäre jetzt ein Zeichen und das erwarten wir auch. Deshalb auch noch mal die Online-Petition. Wir wollen dort deutlich machen: Liebe Leute, es ist jetzt Zeit." Die Betriebsgenehmigung - gleichzeitig eine Ausnahmegenehmigung für das Stadion - läuft Ende des Jahres aus. Sie ist laut Härtel daran gekoppelt, dass der Plan mit dem Ersatzneubau aufgeht. Der sei "alternativlos", sagt auch Sportstaatssekretär Aleksander Dzembritzki. Der Plan sei geprüft vom Senat für Stadtentwicklung.

Philipp Dittrich ist da anderer Meinung. Er ist Architekt, Teil der Bürgerinitiative Jahnsportpark – und die sieht die Herangehensweise mehr als kritisch. "Aus unserer Sicht ist die ganze Reihenfolge des Vorgehens grundfalsch", so der 53-Jährige. "Es gibt noch keinen Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan, den man hier braucht, keinen Entwurf für die Gestaltung des Gesamtgeländes – im Zuge dessen würde man den Entwurf für das Stadion entwickeln. Für diese Entwurfsaufgabe braucht es aus unserer Sicht unbedingt einen Gestaltungswettbewerb – interdisziplinär für Landschaftsarchitekten und Architekten – das alles braucht sicherlich zwei Jahre." Erst dann wisse man, was man abreißen muss.

Ohne Blitzschutz geht nichts

Das Jahn-Stadion hat viel gesehen und erlebt: So die fasziniert gefeierten Radprofis der internationalen Friedenfahrt. Einen Speerwurf-Weltrekord für die Ewigkeit, als Uwe Hohn vom ASK Vorwärts Potsdam - gedopt, wie später rauskommt - 1984 im blauen Einteiler über dem weißen Shirt mit 104,80 Meter alles vorher Dagewesene pulverisiert. Und laue Fußball-Europapokalabende mit dem von Stasi-Minister Erich Mielke protegierten Rekordmeister der DDR-Oberliga, dem BFC Dynamo. Der trägt seine Heimspiele, mittlerweile in der Regionalliga Nordost, seit einigen Jahren wieder in dem Stadion aus, ebenso wie die VSG Altglienicke.

Das weite Rund zählt zu den meistbespielten der Hauptstadt, aber es ist marode, in vielerlei Hinsicht nicht mehr auf dem heutigen Stand der Sicherheit. 2018, während der Para-Leichtathletik-Europameisterschaften muss Klaas Brose, der Geschäftsführer des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes Berlin schlucken: Ein Gewitter zieht auf, es wird ungemütlich - aber die Athletinnen und Athleten dürfen nicht ins Gebäude auf der Haupttribüne. Der Blitzschutz ist veraltet. In einem Antwortschreiben von Aleksander Dzembritzki an den Grünen-Abgeordneten Andreas Otto heißt es, die Spannung werde über das Stahlskelett des Gebäudes und damit verbundene Teile (z.B. Geländer) abgeleitet.

Die lange Liste des inklusiven Stadions

"Ich kann mir nicht vorstellen, dieses riesige Stadion so umzubauen, dass es zukünftig verkehrssicher ist und uns vor Blitzeinschlägen schützt", so Brose. "Außerdem brauchen wir viele Elemente, die dem Inklusionssport zugutekommen, wie zum Beispiel Induktionsschleifen, Leitwege oder einen Eingang für alle." Brose hat gemeinsam mit anderen eine Liste erarbeitet, auf der unter anderem auch die zu kleinen und nicht ausreichend vorhandenen sanitären Anlagen aufgezählt sind. Es gäbe zudem keine Fahrstühle, kaum Lagermöglichkeiten für die verschiedenen Sportarten und die Umkleidekabinen seien nicht barrierefrei.

Brose ist für den Neubau - und mit ihm zig andere Vereine und Sportverbände. Deshalb auch die Online-Petition - um auf die Dringlichkeit der Sache hinzuweisen.

Philipp Dittrich vor dem Jahn-Sportpark (Foto: rbb / Stephanie Baczyk)Philipp Dittrich ist gegen einen Neubau

60.000 Kubikmeter Trümmerschutt

Den Blitzschutz könne man nachrüsten, sagt Philipp Dittrich. Die Bürgerinitiative stehe hinter der Inklusions-Idee, befürworte sie, wolle aber anstelle eines Komplettabrisses möglichst viel erhalten. Es geht den Vertretern um den baukulturellen Hintergrund, um Ressourcenschonung. "Das sind eben diese Ressourcen, die hier verbaut sind und die sich nach 33 Jahren energetisch auf keinen Fall amortisiert haben", so Dittrich. "Und: Berlin hat ja auch eine ganz ambitionierte Regelung zur Abfallvermeidung – Bauabfälle sind das größte Problem in der ganzen Abfallwirtschaft."

Auf eine schriftliche Anfrage des Linken-Abgeordneten Michail Nelken nach der Menge an Trümmerschutt aus dem zweiten Weltkrieg, die beim Abriss und Umbau des Jahn-Stadions - speziell beim Rückbau der Stadionwälle und dem Abtragen weiterer Aufschüttungen im Bereich des Sportsparks - voraussichtlich anfallen würden, heißt es von Seiten des Senats: "Gemäß geprüftem Bedarfsprogramm vom 08.10.2019 wird beim Rückbau der Stadionwälle von ca. 60.000 Kubikmetern ausgegangen."

Erhalten statt Abreißen

Die Kritiker um Philipp Dittrich, Architektenverbände und einige Politiker, werfen den Verantwortlichen vor, entsprechende Alternativen zum Totalabriss nicht ausreichend geprüft zu haben. "In der Vergleichsübersicht steht eben 'Sanierung'", sagt Dittrich - gerade mit Blick auf die asbestbelastete Haupttribüne. "Und da gebe ich vollkommen Recht: Mit einer Sanierung ist dem nicht beizukommen. Das Gebäude hat ganz sicher enorme Defizite in der Barrierefreiheit, da ist völlig klar, dass die unteren beiden Geschosse sehr stark angefasst werden müssen. Da muss eine ganz große Betonsäge ran."

Mit einem ausgeschriebenen Wettbewerb ließe sich da einiges rausholen, so Dittrich. Man könne beispielweise das Tribünengebäude abreißen, dafür aber die Wälle und Flutlichtmasten erhalten. "Wir haben uns einfach gefragt: warum muss man ein Stadion mit 20.000 Plätzen abreißen, um ein Stadion mit 20.000 Plätzen an genau derselben Stelle zu errichten?" Dazu käme der architektonische Aspekt, aktuell harmoniere das Jahn-Stadion optisch mit der Max-Schmeling-Halle nebenan – wie das Gesamtbild mit einem Neubau aussehen soll, wisse man gerade faktisch noch nicht.

Ein geschlossenes Dach und Photovoltaik

Fest steht: Das neue Stadion soll komplett überdacht werden. "Der Abschluss zwischen den Tribünen und dem Dach, der ist geschlossen", so Dzembritzki. "Das heißt, es dringt weniger Lärm nach draußen. Die Beleuchtung kommt in die Dachkonstruktion und wir werden gucken, dass da Photovoltaik unterkommt, so dass wir hier ökologisch rangehen." Für den Sport-Staatssekretär ist die Mängelliste am Stadion lang: Die verblichenen, bunten Sitzschalen seien leicht entflammbar, "die Reihen so eng aneinander sind, dass die Entfluchtung aus diesen Reihen heraus nach heutigen Sicherheitsstandards nicht funktioniert". Und über allem schwebe die nicht vorhandene Barrierefreiheit.

Zu viele Mängel aus Sicht des Senats, nicht genug aus Sicht der Bürgerinitiative.

"Jetzt besteht überhaupt kein Zeitdruck mehr!"

Was dem Senat und den Unterstützern des Projekts Ersatzneubau Sorgen bereitet: Sollte es keine Einigung geben, würde die Betriebserlaubnis erlöschen und man müsste wieder von vorne anfangen - das Stadion stünde im schlimmsten Fall leer. Stand jetzt soll es 2025 fertig sein, ursprünglich war von 2023 zu den Special-Olympics die Rede. Philipp Dittrich hält dagegen. "Da hätte die Senatsverwaltung schon vor Jahren mit dem Bebauungsplan anfangen und einen Wettbewerb durchführen müssen - ca. 2017, drei Jahre nach der Machbarkeitsstudie", so der Architekt. "Jetzt besteht überhaupt kein Zeitdruck mehr, denn weder 2023 noch 2024 wird dort ein betriebsbereites Stadion stehen, weder mit Neu- noch mit Umbau."

Die überarbeitete Machbarkeitsstudie soll noch im Juli fertig sein, die Befürworterinnen und Befürworter des Abrisses hoffen auf das "Ja" und die Freigabe der Gelder für den Abriss durch den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses nach der Sommerpause. Bis mindestens dahin kämpfen die Gegnerinnen und Gegner - um das jetzige Jahn-Stadion und seinen Erhalt.

Sendung: rbb Inforadio, 25.06.2020

Beitrag von Stephanie Baczyk

12 Kommentare

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  1. 12.
    Antwort auf [Alexandra Strittmatter] vom 04.09.2020 um 10:04

    Interessant das genau jemand, der dem DDR-Meister (Mielkes Lieblingsclub) huldigte jetzt einen Zusammenhang von SPD und Faschisten herstellen möchte. Genau dem Club wo die Nazis so richtig schön immer wieder Ihr Gesicht zeigen. Das Ding gehört einfach abgerissen!

  2. 11.

    Wir müssen jetzt mal endlich anfangen, Klimaschutz und Nachhaltigkeit umzusetzen. 60 000 Kubikmetern Betonschutt per LKW abzufahren sind eine immense Verkehrsbelastung. Und der neue Beton erst - Zementwerke sind zu 6 % für den deutschen CO2-Ausstoss verantwortlich.
    Geschickte Planer+innen können die vorhandene Substanz ertüchtigen und regelkonform erneuern. Die muss man halt finden und beauftragen ... ein (bewusstes?) Versäumnis der Senatsbehörden?

  3. 10.

    Wen meinen Sie jetzt genau? Den Sportsenator? Die Stadtentwicklungssenatorin? Geht ja immerhin um eine Sportanlage. Ja, echte böse Wessis, gell? Ach Mist, sind ja keine... Merkwürdig. Könnten wir einfach mal dieses OstWestDenken Sole lassen bitte? Danke.

  4. 9.

    Je mehr "DDR" Architektur in die Tonne kommt, um so besser.
    Kann weg das Teil.

  5. 8.

    Ein Abriss wäre übertrieben.

  6. 7.

    An dieser Stelle möchte ich mich recht herzlich bei allen bedanken, die den Ostteil 1990 übernommen haben. Danke das ihr bis heute nicht den Tierpark und den Fernsehturm abgerissen habt. Oder wurde das nur vergessen?

  7. 6.

    Man sollte sich die Zeit nehmen und erstmal die Planung und Bebauungsplan für den Jahn-Sportpark fertigstellen, bevor man anfängt, in's Blaue hinein Gebäude abzureissen. Ich würde gerne wissen, wessen Interessen hier im Hintergrund dafür richtungsweisend sinn, schon mal "Tatsachen" schaffen zu wollen, ohne dass die spätere Nutzung festgeschrieben ist.

  8. 5.

    Klar ist es nicht gut, wenn man alles resolut abreisst, aber was du an dem ollen Ding schätzenswert findest, kannst du mir bestimmt nicht erklären.
    Wie oft warst Du denn selbst in den, sagen wir mal letzten 10 Jahren drin?
    Null mal? Ein mal?
    Ich glaube, du machst dir da selber etwas vor.
    Diese Stadion war zu keiner Zeit hübsch oder interessant.
    Na ja, der Fakeclub war da zu hause. Toll. Und sonst?
    Früher war halt immer alles besser.
    Das Herthastadion musste übrigens auch weichen.
    Das Poststadion war und ist nicht schön. Könnte man auch platt machen.
    Und in der Wuhlheide sieht es doch erst seid dem Umbau gut aus, oder fandest
    du ernsthaft die vergammelte Klamotte davor besser?
    Schönen Tag noch und nichts für ungut. ;-)

  9. 4.

    Es ist wirklich unerträglich, dass diese Stadt kein Projekt mehr hinbekommt.

  10. 3.

    Das wird es sein. Es gibt ja sonst keine Bauten aus DDR-Zeiten mehr. Das Union-Stadion entstand erst 1990?

  11. 2.

    Abriss ist wohl das allerliebste "Projekt" dieses Landes nach 1990. Der Jahn-Sportpark ist ein Traditionsstadion der DDR. Ob das der Grund für den geplanten Abriss ist? Das Plattmachen wird wohl weitergehen. Bis Niemand mehr da ist, der sich daran erinnert, welche historische Bedeutung der jeweilige Bau einmal hatte.

  12. 1.

    Die Petition des Berliner Sports für den #SportparkFürALLE kann hier unterschrieben werden: change.org/InklusionsSportpark. JEDE Stimme zählt! Danke.

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