Ein Fußballer hat einen Ball auf dem Fuß (Quelle: imago images/Sebastian Wells)
Bild: imago images/Sebastian Wells

Unterschiedliche Trainingsbedingungen - Warum es Berliner Amateurfußballer nach Brandenburg zieht

Berlins Amateurfußballer sind verärgert. Während sie immer noch nur eingeschränkt trainieren dürfen, sind in Brandenburg sogar schon wieder Spiele vor Zuschauern erlaubt. Und auch innerhalb Berlins fühlen sich die Hobbykicker benachteiligt.

Eigentlich kann Gerd Thomas nicht mehr viel überraschen im Amateurfußball. Seit über 15 Jahren ist er bei seinem Verein FC Internationale, inzwischen als Vorsitzender. Und doch passieren in der Welt der Hobby-Kicker derzeit Dinge, die in Prä-Corona-Zeiten wohl niemand für möglich gehalten hätte. Denn während - oder besser weil - auf den sonst aus allen Nähten platzenden Berliner Fußballplätzen noch immer nur eingeschränkt trainiert werden darf, strömen die Amateurfußballer aktuell nach Brandenburg.

"Das Absurdeste, was ich in dieser Woche gehört habe, war, dass zwei Berliner Vereine gegeneinander spielen wollten. Der eine Berliner Verein hat den anderen angerufen und gefragt: 'Du wohnst doch ganz in der Nähe von Brandenburg, kannst du da nicht einen Platz besorgen?'", berichtet Thomas. Denn in Brandenburg ist der Trainingsbetrieb wieder normal erlaubt, auch Spiele dürfen stattfinden. "Wenn ich mir überlege, dass Hertha 03 Zehlendorf nicht trainieren darf, aber Babelsberg schon. Da sind zwei Kilometer Luftlinie dazwischen, das ist dann schwer nachzuvollziehen."

BFV-Antrag auf Rückkehr zum normalen Trainings- und Spielbetrieb stieß auf Ablehnung beim Senat

Um auch in der Hauptstadt nachzuziehen, wollte Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußball-Verbandes (BFV), eine Genehmigung einholen. "Wir haben konkret einen Antrag gestellt, das Training und den Spielbetrieb im Land Berlin für alle Mannschaften wieder zuzulassen." Doch die Reaktion war ernüchternd.

"Der Senat hat bis jetzt sehr zurückhaltend oder auch ablehnend darauf reagiert und auch sehr schnell, nachdem wir die Unterlagen eingereicht haben, sodass wir fordern, dass das ganze intensiver geprüft wird", erklärt Schultz. "Wir haben deshalb einmal direkt den Senator Herrn Geisel eingeschaltet aber auch den Regierenden Bürgermeister Michael Müller, weil wir glauben, es bedarf sehr kurzfristig dieser Änderung der Vorschriftenlage."

Denn um den Trainings- und Spielbetrieb auch in Berlin wieder mit Körperkontakt zuzulassen, müsste das Kontaktverbot auf den Sportplätzen aufgehoben werden. Abseits des Platzes würde die Infektionsschutzverordnung weiterhin gelten. Es wäre eine wichtige Maßnahme - vor allem mit Blick auf die Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Denn weil Berlin derzeit das einzige Bundesland ist, in dem beim Sport noch Abstandsregeln gelten, hätten überregional spielende Teams derzeit einen klaren Wettbewerbsnachteil.

Ausnahmen innerhalb Berlins

Gerd Thomas stört aber eine ganz andere Sache noch viel mehr. "Es werden in Berlin Ausnahmen gemacht für bestimmte Mannschaften und das ist nicht nachvollziehbar", kritisiert er. So dürften neben den Profiteams von Hertha und Union zum Beispiel Jugend-Bundesligateams trainieren. "Jetzt soll mir mal jemand erklären, warum das Infektionsrisiko bei 17-Jährigen in Lichterfelde oder im Olympiastadion geringer ist, als bei den Frauen vom FC Internationale."

Um auf diese Ungleichbehandlung aufmerksam zu machen, hat Thomas am vergangenen Wochenende einen Offenen Brief an Sportsenator Andreas Geisel (SPD) und BVF-Präsident Schultz geschrieben. Nach 24 Stunden hatten diesen bereits 1.000 Leute unterschrieben. "Der Brief scheint wirklich komplett den Nerv getroffen zu haben", sagt der Vorsitzende des FC Internationale.

Kritik an Senat und BFV

"Im Moment wirkt es so, dass dem Senat der Profifußball wichtiger ist als der Breitensport. Darüber bin ich schon sehr ärgerlich." Aber auch den Berliner Fußball-Verband kritisiert Thomas. "Herr Schultz muss sich natürlich auch fragen, warum er so spät reagiert hat", sagt er. Denn erst zwei Tage nach dem Offenen Brief hat der Verband beim Senat den Antrag eingereicht, indem sie die Aufhebung des Kontaktverbots auf den Plätzen fordern. Insgesamt fühlten sich viele Amateurkicker vom BFV "schlecht vertreten".

Gerd Thomas kritisiert vor allem, dass niemand ihm und den anderen Amateursportlern die Gründe für die unterschiedlichen Trainingsbedingungen nennt. "Das Schlimme ist nicht die Entscheidung an sich, sondern diese Null-Kommunikation und dass man uns im Regen stehen lässt." Die Hoffnung wird er dennoch nicht aufgeben - auf eine positive Überraschung und die Rückkehr des Berliner Amateurfußballs in den normalen Trainings- und Spielbetrieb.

Sendung: Inforadio, 11.07.2020, 17:10 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Das gilt natürlich nicht nur für den Fußball, sondern für alle Sportarten in Berlin.
    UND
    Jeder Bezirk handelt hier anderes. Ich vermisse hier teilweise auch das Lösungsengagement der Sportämter bzw. Facilitymanagements. Es gibt Sporthallen die geschlossen bleiben, nur weil diese eine spezielle Lüftungsanlage besitzten. Keiner kommt auf die Idee diese Anlagen während der Nutzungszeit von Schule und Vereinen auszuschalten und über die Fenster und Außentüren eine Querlüftung zu ermöglichen - so wie in allen anderen Sporthallen auch.

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