Philipp Lahm mit dem "Austria"-Los bei der EM-Auslosung
Bild: dpa/Christian Charisius

Dank Hertha und Union ins Endspiel von Wembley - Wie das EM-Finale (vielleicht) gelaufen wäre

Lothar Matthäus würde womöglich sagen: "Wäre, wäre Fahrradkette!" Trotzdem: Heute wäre das Finale der Euro2020 gewesen. Wer es bestritten hätte? Wer gewonnen hätte? Ilja Behnisch wagt eine Prognose.

Berlin würde johlen und Österreich brodeln bei dieser Frage: Wie sie wohl ausgegangen wäre, die Fußball-Europameisterschaft 2020? Also wenn es Corona nicht gegeben hätte, wenn einfach am 12. Juli der Anpfiff ertönt wäre zu diesem Turnier, das ausnahmsweise nicht nur einen Gastgeber kennen sollte, sondern das in zwölf verschiedenen Ländern und Stadien zugleich hätte stattfinden sollen.

Was ja ein schöner Gedanke ist, eigentlich, aber eigentlich auch Quatsch, denn wenn die europäische Idee die einer Gemeinschaft ist, warum dann noch in ihr zusammengefasste Nationalstaaten gegeneinander antreten lassen? Und wenn wir eines Tages nicht mehr sagen, wir seien Deutsche, Italiener oder Franzosen, sondern Europäer, dann sind wir eh alle immer Europameister. Gut, nach dem Brexit gäbe es da noch die Engländer als Gegner. Aber seit wann gewinnen die im Fußball?

Fortführung des Berliner Stadtderbys

Ins EM-Finale 2020 hätten es die "Three Lions" jedenfalls auch nicht geschafft. Ausgeschlossen. In Gruppe D hätten schließlich Vizeweltmeister Kroatien, Tschechien und "Playoff-Sieger Weg C" auf die Mannschaft von Nationaltrainer Gareth Southgate gewartet. Und auch wenn die Engländer bei der WM 2018 bewiesen haben, tatsächlich Elfmeterschießen zu können (4:3 nach Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen Kolumbien): Irgendwas ist immer und an "Playoff-Sieger Weg C" haben sich schon ganz andere die Kronjuwelen gebeutelt.

Wer aber hätte es an diesem 12. Juli 2020 stattdessen in das Finale von London schaffen können? Weltmeister Frankreich? Zu satt und ohnehin chancenlos in einer Gruppe mit Portugal (Titelverteidiger!) und Deutschland (Deutschland!). Spanien, Niederlande, Italien, Belgien? Alle gut, aber ebenso chancenlos.

Denn die Europameisterschaft 2020, sie wäre nichts anderes geworden als die Fortführung des Berliner Stadtderbys mit anderen Mitteln. Angeführt von zwei Herthanern (Niklas Stark, Marvin Plattenhardt) auf der einen und einem Unioner (Christopher Trimmel) auf der anderen Seite hätte das Endspiel nur Deutschland - Österreich lauten können. Wer das Gegenteil beweisen kann, starte das erste Facebook-Live.

Matchplan à la Thomas Bernhard

Gut, die DFB-Elf von Jogi Löw, deren Social-Media-Claim nach dem triumphalen Triple-Gewinn der Münchner Bayern in "Mia san die Mannschaft" geändert wurde, zählt eh immer zu den Titel-Favoriten. Aber Österreich? Das bei Europameisterschaften noch nie über die Vorrunde hinaus gekommen war? Dessen heimischer Liga auch trotz RB Salzburg keine Flügel wachsen? Wo sie "Outwachler" für Schiedsrichterassistent sagen?

Aber ja, freilich, denn wenn ein Land den passenden Humor für ein Jahr wie 2020 hätt’, dann doch Österreich, die Heimat von Josef Hader, Wolfgang Ambros und Thomas Bernhard. Dessen berühmtester Titel ganz gut passen tät zum Matchplan à la Austria: "Holzfällen". Aber gut, warum auch nicht, Nati-Trainer Franco Foda hat’s halt aufmerksam Buli geschaut in dieser Saison und entdeckt, wie es gehen kann als Außenseiter, als Union Berlin. Und also frei auf und Felix Austria! Eckball Trimmel, Kopfball, Tor. Wieder und wieder. Bis ins Finale. Da wirst narrisch.

Matchwinner Plattenhardt

Und die Piefkes? Die Deutschen? Marschieren durch diese Europameisterschaft, dass die britischen Boulevard-Blätter gar nicht mehr hinterherkommen mit den NS-Witzen von "Bombs" und "Krauts". Ehe endlich klar ist, wie die Pointe zu Monty Pythons "tödlichstem Witz der Welt" geht. Dem Witz, der so todkomisch ist, dass er es bis in die Armee schaffte, denn wer ihn liest, fällt auf der Stelle Tod um vor Lachen. So wie Deutschlands Halbfinal-Gegner, nachdem ausgerechnet Herthas Marvin Plattenhardt den entscheidenden 1:0 Siegtreffer erzielte, so kurz vor Schluss.

Der Mann, der bei der WM 2018 zwar im Spielbericht auftauchte zwischen Deutschland und Mexiko, der von seinen Mannschaftskollegen in diesen 79 Minuten allerdings derart gemieden wurde, dass von "Mitspielen" kaum die Rede sein konnte. Und nun stand er da so herum im EM-Halbfinale 2020, eingewechselt, weil der Jogi Löw halt noch immer einen besonderen Riecher hat. Und weil seine Mitspieler ihn aus guter alter Gepflogenheit ignorierten, ignorierten ihn auch die Gegner und dann war er plötzlich frei vor dem Tor und vor ihm durch puren Zufall (Fehlpass) der Ball und der Rest ist Jubel, Trubel, Finale.

Eine Grundsatzfrage

Deutschland gegen Österreich. Was für Erinnerungen da wach werden! Die Neuauflage des Hallenhockey-Endspiels aus dem Januar (6:3 für Deutschland)! Die Neuauflage des GNTM-Finals 2020 (Sieg Deutschland)! Die Neuauflage großer Grundsatzfragen: Klaus und Klaus oder Falco? Til Schweiger oder Michael Haneke? Döner oder Wiener Schnitzel?

Und also: DFB oder ÖFB? Und dann: Christopher Trimmel auf Niklas Stark (EM-Debüt im Finale, Herr Löw hatte so einen Riecher) und - Tor? Eigentor? Wer weiß das schon. Klar ist: Berlin johlt und Österreich müsste brodeln. So oder so. Was für ein Turnier das gewesen wäre. 2020 gönnt einem aber auch gar nichts.

Sendung: Inforadio, 12.07.2020

Beitrag von Ilja Behnisch

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1 Kommentar

  1. 1.

    Wie das EM-Finale (vielleicht) gelaufen wäre? Ich dachte die EM wird 2021 nachgeholt. Dann gibt es doch ein Finale.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Europameisterschaft_2021

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