Auf Groundhopping Tour in der zweiten tschechischen Liga in Prag. / privat
Audio: Inforadio | 05.07.2020 | Tabea Kunze | Bild: privat

"Groundhopper" in der Corona-Krise - Die Sehnsucht eines Sportverrückten nach dem Spiel

Denis Roters liebt den Sport. Zwei bis drei Spiele pro Woche schaut er sich live an und entdeckt neue Sportplätze und -stadien. Corona hat den Berliner "Groundhopper" ausgebremst - langsam findet er aber kreative Lösungen, um seine Leidenschaft wieder auszuleben.

Ein paar Tagen ist es her, da saß Denis Roters wieder auf der Tribüne eines Fußballstadions - und setzte einen Tweet ab. "Freude! Endlich wieder Livefußball! Mein erstes Spiel seit Ende Februar führt mich nach Prag zu Viktoria Zizkov, die SK Prostejov empfangen", postete er. Dazu schrieb er einen Hashtag, der erahnen lässt, was ihm dieser Moment in der eFotbal Aréna mitten von Wohnhäusern der tschechischen Hauptstadt bedeutete: #wurdejaauchzeit.

Monatelang hatte der 44-jährige IT-Fachmann aus Berlin zuvor gelitten - weil er in der Corona-Krise das, was er eigentlich immer tut, plötzlich nicht mehr machen konnte. Monatelang kein Live-Sport, sprich: kein Stadion, keine Tribüne, noch nicht mal einen Dorfsportplatz. Die Orte, die normalerweise sein Leben und seine Liebe sind. Das - leicht kuriose - Ersatzprogramm: "Ich habe mir dann damit beholfen, dass ich die erste Fußball-Liga aus Nicaragua im Fernsehen geschaut habe. Aber natürlich fehlt vor allem der Besuch auf den Sportplätzen", sagt er.

Der Berliner Groundhopper Denis Roters. / privat
Der Berliner Groundhopper Denis Roters. | Bild: privat

"Riesige Umstellung im Leben"

Pro Woche besucht er normalerweise mindestens zwei bis drei Sportevents. Direkt vor Ort, versteht sich. Roters ist ein Groundhopper, wie er im Buche steht - immer und immer wieder auf sportlicher Entdeckungsreise. Nicht nur Fußball schaut er sich dabei an, sondern ganz gerne auch mal Basketball, Eishockey oder Tennis. "Wenn das alles wegfällt, weil jetzt Pandemie herrscht, dann ist das natürlich eine riesige Umstellung im Leben, wenn man so sehr auf Sportgucken fixiert ist wie ich", sagt er. Einfach ausgebremst. Ein Zustand, den in der Krise viele allzu bitter kennenlernen mussten.

Mitte Juni kam dann der erste Lichtblick. Es ging tief in den Westen nach Neuss. Dort erlaubte das Gesundheitsamt bei der German Pro Series - einem Tennisturnier, das den Spielern die Möglichkeit geben soll, auch in der Corona-Krise Spielpraxis zu sammeln - wieder hundert Zuschauer. Und Roters reiste an. Was auch sonst, wenn die Chance auf Live-Sport und ganz nebenbei noch ein neuer Ground auf der Liste winkt. "Mir war es geglückt, eine Karte zu bekommen, wobei es letztendlich gar nicht ausverkauft war", sagt der 44-Jährige.

Er erlebte, wie das Dasein als Zuschauer in diesen Zeiten aussieht. "Ich habe schon sehr viele Hygienemaßnahmen erlebt", sagt er. Alle paar Meter ein Desinfektionsmittelspender. Aufgezeichnete Wege mit Richtungssystem, um Begegnungen zu verhindern. Und, und, und. "Ich fand, das hat auch sehr gut funktioniert. Ich denke, das Risiko, sich mit irgendetwas infizieren zu können, war deshalb auch quasi bei null", sagt Roters.

Auf nach Tschechien

Denn so sehr er das Stadion vermisst - eines ist klar: "Man muss sich bei aller Fußballsucht natürlich auch an die Regularien halten." Bei allem Groundhopper-Herzschmerz geht die Gesundheit vor. Eine Tour in ein voll besetztes Stadion ohne Hygienemaßnahmen kommt für Roters nicht in Frage. "Ich würde zum Beispiel nicht nach Serbien fahren, wo ja die Fußballstadien normal mit Zuschauern gefüllt sind, als wäre nichts gewesen. Viele haben ja in den Medien auch die entsprechenden Videobilder dazu gesehen", sagt er.

Gelegenheiten nutzen? Ja. Risiko eingehen? Nein. Diese Devise führte Roters zuletzt auch in besagte eFotbal Aréna nach Prag zu Viktoria Zizkov. Weil im Nachbarland schon einige Wochen wieder Zuschauer erlaubt sind, ist es das Ziel für hunderte deutsche Hopper. "Ich denke schon, dass Tschechien sehr stark im Trend liegt. Man kommt in der zweiten Liga auch verhältnismäßig gut an Karten, wenn man sich durch die tschechischen Webseiten wühlt", sagt Roters.

Das Glück ist wieder ganz nah

Maximal 5.000 Fans dürfen aktuell in die tschechischen Stadien der ersten und zweiten Liga. Beim Besuch in Prag erlebte der erfahrene Hopper ausreichend Abstand um sich herum. "Drei Plätze rechts und links von meinem Sitzplatz saß niemand. Ich konnte mich also da ziemlich sicher fühlen. Vor dem Eingang wurde Fieber gemessen, so wie man das auch aus der Fußball-Bundesliga kennt. Hätte ich eine zu hohe Temperatur gehabt, hätte man mich nicht reingelassen", sagt er. Vielleicht ein Vorbild, wie Sicherheit und Sehnsucht zusammenpassen könnten.

Just als die letzten Zeilen dieses Textes entstehen, twittert Roters erneut. Und wieder ist es Freude, die er mit seinen Followern teilt. In Wernsdorf, südöstlich von Berlin am Oder-Spree-Kanal, spielt der heimische Brandenburg-Liga-Aufsteiger SV Frankonia ein Testspiel gegen den MSV Zossen. Erst seit ein paar Tagen sind Training und Wettkampf unter freiem Himmel wieder erlaubt. "Auf dem Weg zum ersten Kick in der Region seit etlichen Monaten. Kann es nicht erwarten!", schreibt er. Denn sein großes Glück ist plötzlich wieder ganz nah.

Sendung: Inforadio, 05.07.2020, 17:15 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ein schöner Bericht.
    Ich lese immer wieder gerne Berichte über Groundhopper bzw. von diesen, z.B. im Magazin "11 Freunde".
    Ein tolles Hobby - oder eher Leidenschaft - einer Schar im besten Sinne maximal Verrückter! ;-)

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