Hertha-Manager Michael Preetz guckt auf sein Handy. Bild: imago-images/Poolfoto
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Fußball-Transfers nach Corona - Alter Markt, neue Regeln

In der nächsten Woche beginnt offiziell die Transferperiode in der Bundesliga. Wegen der Corona-Krise wird sie in diesem Jahr auch für Hertha BSC und den 1. FC Union länger und komplizierter. Vereine und Spielerberater erwarten ungewohnte Probleme. Von Simon Wenzel

Der deutsche Fußball hat den Totalschaden durch die Corona-Krise abgewendet, die Saison in den ersten drei Ligen konnte zuende gespielt werden, es gibt einen Deutschen Meister und Pokalsieger, Auf- und Absteiger und sogar einen neuen TV-Vertrag. Gemessen an den apokalyptischen Szenarien, die sich einige Verantwortliche noch Ende März ausgemalt hatten, geht es zumindest den Vereinen der ersten und zweiten Bundesliga also ganz gut, könnte man sagen.

Nun beginnt aber die Zeit, in der sich zeigt, wie finanzkräftig und mutig die Vereine nach der Corona-Krise tatsächlich noch sind: die Zeit der Geschäfte und Gerüchte bricht an, das sogenannte Transferfenster. In diesem Jahr geht der Spielerbasar sogar in die Verlängerung, denn wegen des chaotischen internationalen Spielplans und dem verspäteten Saisonstart wird der Transfermarkt in der Bundesliga vom 15. Juli bis zum 5. Oktober offen sein.

"So wenig Bewegung wie sonst im Oktober"

Genau genommen ist es sogar die zweite Transferperiode in diesem Sommer: Am 1. Juli wurde das Fenster nämlich schonmal für einen Tag geöffnet, um offiziell die Deals zu vollziehen, die bereits vor der Coronakrise ausgehandelt waren. Eine Art Schocklüften für die Kader, ein erster Windstoß neuer Spieler. Viele waren es aber nicht: 27 Neuzugänge stehen bisher für die 18 Teams der Bundesliga fest, mehr als die Hälfte von ihnen wechselte ablösefrei oder zur Leihe.

Zum Vergleich: Der 1. FC Union zum Beispiel hatte zu diesem Zeitpunkt des Vorjahres schon alle seine elf Neuzugänge für die Saison vorgestellt. Am 5. Juli 2019 waren die Köpenicker damals fertig mit Einkaufen. "Wir haben momentan so wenig Bewegung im Markt wie sonst im Oktober", sagte Unions Geschäftsführer Profifußball, Oliver Ruhnert bei einer Presserunde in der vergangenen Woche. Immerhin zwei Profis haben die Eisernen seitdem schon unter Vertrag genommen - Sebastian Griesbeck kam aus Heidenheim, Niko Gießelmann aus Düsseldorf, beide ablösefrei. Der Markt in diesem Jahr sei eine "Sondersituation", so Ruhnert.

Wer zu schnell investiert könnte der Verlierer sein

So sieht es auch Spielerberater Dirk Dufner. Der ehemalige Sportdirektor von 1860 München, dem SC Freiburg und Hannover 96 arbeitet mittlerweile für die Agentur "arena11sports". Er glaubt, dass der Markt noch eine Weile braucht, um in Schwung zu kommen. "Die meisten Vereine wollen in diesem Jahr erst Spieler abgeben bevor sie investieren. Wenn das aber alle sagen, dann wird es natürlich schwierig", erklärt Dufner das Dilemma.

"Der Markt regelt das" heißt es in der liberalen Wirtschaftspolitik gerne. Bezogen auf die Fußballbranche fragen sich allerdings gerade viele Akteure: Wann? Und wie sieht das dann aus? "Es ist kein normaler Markt mehr, weil man nicht weiß: Wie viel sind meine Spieler wert, was kann ich für einen Spieler ausgeben und was ist momentan ein realistisches Gehalt", beschreibt Dufner, "man kennt sich in seinem eigenen Markt nicht mehr aus."

Die Vereine, die sich jetzt zu schnell aus der Deckung wagen und einkaufen, könnten deshalb in zwei Monaten die großen Verlierer sein, wenn sie merken, dass sie zu viel ausgegeben haben oder ihre "Ladenhüter" nicht mehr loswerden. "Jeder wartet, wer zuerst zuckt", sagt Dufner.

Für Topspieler sitzt das Geld noch locker

Spitzenspieler freilich scheinen von der neuen finanziellen Zurückhaltung eher ausgenommen zu sein. Nationalspieler Timo Werner wechselte bereits für rund 53 Millionen Euro nach England zum FC Chelsea, das Leverkusener Top-Talent Kai Havertz könnte ihm noch für 100 Millionen Euro folgen. Leroy Sané ging für etwa 50 Millionen Euro aus Manchester zurück nach Deutschland und soll dem Vernehmen nach in Zukunft über 15 Millionen Euro im Jahr bei Bayern München verdienen.

"Der Markt für Topspieler wird sehr werthaltig bleiben, bei den Ablösesummen und bei den Gehältern", bestätigt Dirk Dufner. Ein Problem sieht er eher für durchschnittliche Bundesligaspieler. "Momentan ist das Ziel der meisten Vereine, ihre Kader zu verkleinern, und dann werden sie eben zuerst bei den durchschnittlichen Spielern verkleinern. Für diese Spieler könnte es schwerer werden, in der Bundesliga unterzukommen."

Dirk Dufner im Jahr 2016 bei einem Spiel des FSV Mainz 05. Bild: imago-images/Martin Hoffmann
Dirk Dufner im Jahr 2016 bei einem Spiel des FSV Mainz 05. | Bild: imago-images/Martin Hoffmann

"Durchschnittsspieler" in der Warteschleife - Chance für die Jugend?

Die Plätze für Ergänzungsspieler könnten in Zukunft verstärkt Talente einnehmen - zumindest in den Vereinen, die eine entsprechend hochwertige Jugendabteilung haben. Dazu werden viele Bundesligaklubs besonders bei vertragslosen Spielern ihr Interesse anmelden - und dann erstmal abwarten. "Kein Verein rennt gerade bei irgendwelchen Beratern Türen ein", berichtet Dufner.

Gut möglich, dass die Situation beim langjährigen Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic (der zwar von arena11sports, aber nicht von Dirk Dufner beraten wird) ähnlich sein wird. So jedenfalls könnte man die Aussagen von Michael Preetz interpretieren. Herthas Geschäftsführer Sport bestätigte im Fachmagazin "kicker" zwar, dass Ibisevic bisher kein neuer Vertrag angeboten wurde. Man wolle sich aber offen lassen, das noch nachzuholen. Gerade bei Hertha dürfte man derzeit gespannt darauf warten, wann die ersten Domino-Steine auf dem "normalen" Transfermarkt abseits der Mega-Stars fallen.

Sonderrolle: Hertha kann "zocken"

Denn durch die zusätzlichen Millionen von Investor Lars Windhorst ist Hertha auf diesem ungewöhnlichen Markt in einer besonderen Rolle unterwegs. "Hertha hat antizyklisch Geld", sagt Dufner. "Wo alle anderen sagen müssen: Ich kann erst investieren, wenn ich verkaufe, ist Hertha in der Lage zu investieren." Gleichzeitig wisse aber auch jeder, dass Hertha neureich daherkomme. Das mache die Verhandlungen nicht gerade leichter.

Preetz geht jedenfalls von einem "sehr langen Transfersommer" aus. "Es kann sein, dass dieses Karussell nicht so in Schwung kommt, wie man sich das gedacht hatte", so Dufner, "und dann kann Hertha hintenraus sogar noch echte Schnäppchen machen". Es gibt nicht wenige, die Hertha deshalb die Rolle des heimlichen Gewinners in diesem Sommer zutrauen. Gladbachs Manager Max Eberl unkte sogar schon, Hertha könne "zehn Jahre in einem Sommer" aufholen.

Beitrag von Simon Wenzel

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