Der Berliner Moritz Wagner dunkt in der NBA im Trikot der Washington Wizards. / picture alliance / AP Images
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Interview | Berliner NBA-Profi Moritz Wagner in Corona-Isolation - "Erst hatte ich keine Lust zu spielen, weil ich total Angst hatte"

Die NBA-Stars sind in der Isolation. Auf dem Disney-Gelände in Florida soll die Saison der weltbesten Basketball-Liga beendet werden. Der Berliner Moritz Wagner ist mittendrin. Mit rbb|24 spricht er über das Leben in der Blase, Corona in den USA - und "Black Lives Matter".

Der Berliner Moritz "Moe" Wagner befindet sich seit einigen Tagen in der Isolation - mitsamt dem ganzen NBA-Tross. 22 Teams der besten und schillerndsten Basketball-Liga der Welt haben auf dem Disney-Gelände in Florida Quartier bezogen. Dort wollen sie in dem Bundesstaat, der sich zum Corona-Hotspot Nummer eins in den USA entwickelt hat, ab dem 30. Juli die Saison zu Ende bringen, die wegen der Pandemie unterbrochen worden war.

Die Washington Wizards - der Klub, bei dem Wagner, der bei Alba Berlin das Basketballspielen lernte, inzwischen unter Vertrag steht - sind klarer Außenseiter. Doch im rbb|24-Interview mit dem 23-Jährigen geht es um weit mehr als die sportliche Situation. Der Berliner kritisiert den politischen Umgang mit der Corona-Krise in den USA - und berichtet, warum er sich so klar zu "Black Lives Matter" positioniert.

rbb|24: Sie befinden sich gerade schon in der - wie die Amerikaner sagen - bubble. 1.500 Leute an einem Ort. Für diejenigen, die sich das nicht vorstellen können: Erklären Sie mal, wie es dort aussieht und abläuft?

Moritz Wagner: Man ist in einem Hotel, man ist viel mit dem Team zusammen und man hat viel Zeit. Das ist so ähnlich wie bei allen Basketball-Reisen, die ich in meinem Leben hatte. Sehr spektakulär sind die Möglichkeiten, die hier binnen kürzester Zeit geschaffen wurden, und die Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Zum Beispiel gibt es an jedem Tag einen Corona-Test. Die Zahl der Leute, die hier herumrennen und einfach nur für uns arbeiten - das ist unglaublich. Es ist alles sehr reglementiert und organisiert.

Sie sprechen die Corona-Tests an. Die gibt es wirklich jeden Tag für jeden Sportler?

Ja, jeden Tag gibt es eine Stunde, in der man hingehen muss. Aber das ist auch ganz entspannt. Das ist ein riesiger Raum in unserem Hotel. Da gibt es dann vier Testing-Stationen mit jeweils vier Testern. Da läufst du durch - und wenn du es schlau machst, ist da niemand und du wartest nicht mal fünf Minuten. Es tut ja auch nicht weh.

Was dürfen Sie denn und was dürfen Sie nicht tun?

Das ist eine gute Frage und so ganz sicher bin ich mir da auch nicht. Wir waren jetzt die ersten beiden Tage unter Quarantäne. Heute (Anm. d. Red.: Das Interview wurde am Samstag, 11. Juli geführt.) war unser dritter Trainingstag, an dem wir auch raus aus dem Zimmer durften und richtig trainiert haben. Jetzt ist so ein bisschen Trainingscamp-Stimmung, das heißt, der Fokus liegt auf Trainieren und Pause Machen. Das ist auch echt geil, weil man keine Familie hat, die zu Hause rumsitzt und auf einen wartet, oder nichts anderes, das man machen muss.

Und den Rest des Tages?

Da kümmere ich mich nur um meinen Körper. Das ist also eigentlich ganz entspannt für einen 23-Jährigen. (lacht) Natürlich sieht das anders aus, wenn man älter ist und Familie hat. Ich habe auch schon verrückte Storys gehört. Dass ein Spieler zum Beispiel zu weit gefahren ist und nun wieder unter Quarantäne steht. Es gibt abgefahrene Sachen. Ich bin auch ein bisschen vorsichtig mit Spaziergängen und muss die ersten zwei Wochen erst einmal so ein bisschen herausfinden, was man genau machen kann. Ich habe nämlich keine Lust, wieder maximal eingesperrt zu sein.

Können Sie denn das Gelände verlassen oder sich nur in diesem Disney Park bewegen?

Ich wusste vorher gar nicht, was Disney Park ist. Bei bubble denkt man, das sei so ein Campus - wie in Michigan (Anm. d. Red.: An der dortigen Universität studierte Wagner und spielte für das College-Team.), wo alles klein war ohne riesige Straßen. Aber wir fahren schon zehn, 15 Minuten zum Training. Das ist schon wie eine kleine Stadt und es sind drei große Hotels. Das ist die bubble. Es ist nicht so, dass man hier jetzt frei herumrennt. Aber die haben hier alles aufgebaut. Ich habe aus meinem Zimmer Blick auf den Pool. Es gibt 1.000 Seen. Man kann fischen gehen. Es gibt Boote. Man kann sich also nicht beklagen.

Wie funktioniert denn die Versorgung: Wenn Sie mal etwas brauchen - gibt es Leute, die sich darum kümmern, oder machen Sie das selbst?

In der NBA wird man ja bei Reisen, Hotels und solchen Sachen sehr verwöhnt. Weil jetzt in so kurzer Zeit für so viele Leute so viel generiert werden musste, ist das jetzt ein bisschen weniger als normalerweise. Es ist schon anders als normalerweise und der Durchschnitts-NBA-Spieler reagiert darauf vielleicht ein bisschen anders als ich. (lacht) Ich persönlich laufe in der NBA eh rum wie so ein kleines Kind an einem Ort, an dem alles aus Honig ist. Das ist unglaublich. Ich brauche eigentlich ein Bett und das war's. Vielleicht noch einen Fernseher. Ich bin - was das betrifft - ziemlich selbstständig. Ich habe halt viel gepackt und alle Sachen mitgenommen, die ich so täglich brauche. Auch ein bisschen was zu essen. Das ist hier alles in Papptellern und Plastik eingepackt. Ich habe mein eigenes Besteck mitgenommen.

Es gab ja auch in den sozialen Netzwerken die Bilder von den ersten Mahlzeiten. Alles abgepackt - das sah ein bisschen so aus wie im Flugzeug.

Erstens kann ich nicht besser kochen. Das Essen ist auch sonst sehr gut. Ich probiere seit ein paar Monaten eine Nur-Fisch-Diät aus. Das habe ich hier auch angeklickt. Es ist jetzt nicht so, dass man sich jeden Tag tausend Essen aussuchen kann. Man bekommt ein oder zwei Optionen und dann nimmt man sich das halt. Weil es alles auf Papptellern und in Pappboxen ist oder Plastik eingepackt, sieht das vielleicht ein bisschen aus wie Flugzeug-Essen. Aber ich finde die Kritik ein bisschen übertrieben. Hier versuchen wirklich so viele Leute, sich zu kümmern. Sie geben sich halt Mühe, dass niemand sich infiziert und versuchen, es so sicher wie möglich zu machen. Das finde ich auch gut in diesen Zeiten hier in den Staaten. Es ist ein bisschen paradox, dass die einen Leute sagen, es sei verrückt, was hier in Amerika passiert, und zur gleichen Zeit rumweinen, weil sie Plastikteller haben. Es ist, was es ist. Und wir sind hier zum Basketball spielen.

Wenn es wirklich die ganz große Überraschung geben sollte und Sie mit den Washington Wizards ins Finale einzögen, würden Sie bis Mitte Oktober in dieser bubble bleiben. Das ist ja ein wahnsinniger Zeitraum. Droht da nicht doch irgendwann der totale Lagerkoller?

Da bin ich auch mal gespannt. In der ersten Woche ist das alles noch cool und schön. Ich glaube, in der zweiten geht es auch noch, aber spätestens ab der dritten wird es dann interessant. Was den Unterschied machen kann, sind dann die Spiele (Anm. d. Red.: Ab dem 30. Juli soll das Turnier gespielt werden). Das ist dann vermutlich noch einmal ein ganz anderer Vibe in den Hotels. Jetzt ist es - wie gesagt - eher so ein bisschen wie ein Trainingscamp. Ein bisschen Kienbaum-mäßig (Anm. d. Red.: Olympisches Trainingszentrum in Brandenburg). So habe ich es meinen Eltern beschrieben. Wie wenn man eben mit der Nationalmannschaft nach Kienbaum fährt, mit dem Team trainiert und sonst nur in seinem Raum chillt und schläft, so viel es geht. Aber es ist dann doch anders. Die NBA weiß schon, was sie macht. Wenn die Spiele dann losgehen, ist man mental noch ein bisschen mehr beansprucht. Ich persönlich freue mich drauf. Ich kann mich so krass auf Basketball konzentrieren. Das ist für mich als Sportler perfekt. Wir trainieren einmal pro Tag und abends gibt es immer so zwei Stunden die Möglichkeit, zu werfen. Ich genieße das sehr hier.

Florida ist in aller Munde. Die Zahl der Corona-Infizierten steigt massiv. Das war zu der Zeit, zu der der Spielort festgelegt wurde, natürlich nicht abzusehen. Aber nun spielt die NBA ausgerechnet dort. Wie bewerten Sie für sich persönlich, dass draußen die Pandemie wütet und Sie müssen back to business?

Es ist eine ganz gute Ablenkung. Man ist halt auch mental ein bisschen in einer bubble. Ich sehe halt keinen anderen Menschen außer die NBA-Leute. Von denen weiß ich, dass sie jeden Tag getestet sind. Ich fühle mich hier am sichersten. Sicherer habe ich mich in den vergangenen vier Monaten noch nicht gefühlt. Das heißt, wenn ich nicht nach Deutschland kann, ist es die beste Alternative. Man hat extrem investiert, das abzugrenzen. Hier kommt glaube ich keiner und nichts rein, das nicht negativ auf Corona getestet ist. Da ich gleichzeitig noch Basketball spielen kann, kann ich mich überhaupt nicht beklagen.

Und die politisch-gesellschaftliche Situation?

Das ist noch einmal eine ganz andere Diskussion. Was das betrifft, hat sich Amerika bislang nicht mit Ruhm bekleckert. Da gibt es natürlich auch teamintern viele Diskussionen. Amerikaner sind schon echt krass drauf. Für mich persönlich ist das jetzt manchmal auch ein bisschen viel. Ich bin das nicht gewohnt. Deutschland ist da ein bisschen anders. Damit muss ich mich nun nicht mehr so auseinandersetzen, weil ich einfach Basketball spielen kann. Aber es ist trotzdem nicht so, dass mir das einfach egal ist. Mir ist schon bewusst, wie es mir damit geht - und dass mir das nicht gefällt. Ich finde in Amerika schwierig, dass die Staaten so ein wenig gegeneinander buhlen. Jeder Staat macht es irgendwie anders. Es hat viel mit Republikanern und Demokraten zu tun - und jeder hat seine eigene Agenda. In Deutschland hat mir immer sehr gut gefallen, dass es dieses nationale Gefühl gibt: 'Wir müssen zusammen eine Lösung finden!' Da ist mir aufgefallen, dass das hier in den USA gar nicht so ist. Es ist schon teilweise echt eine ganz schöne Freak-Show.

Lange waren Sie in dieser schwierigen Gemengelage zur Basketball-Pause verdammt. Wie ist es Ihnen in dieser Zeit ergangen?

Für mich war es physisch gar nicht so eine Herausforderung, sondern eher mental. Einfach nicht zu wissen, was jetzt Sache ist - ob wir spielen oder nicht. Am Anfang hatte ich gar keine Lust zu spielen, weil ich total Angst hatte. Ich konnte mir kein Szenario vorstellen, in dem das irgendwie Sinn macht. Und ich wusste auch nicht, was für finanzielle Auswirkungen es hätte, nicht zu spielen. Die ersten Monate hatte ich einfach keinen Bock. Da hatte ich andere Sachen im Kopf. Die Meinung hat sich dann geändert - und irgendwann wusste ich ja auch, woran ich bin und konnte mich darauf mental vorbereiten.

Ein anderes großes Thema der vergangenen Wochen und Monate ist die "Black Lives Matter"-Bewegung. Ich habe mal ein bisschen auf Ihrem Instagram-Account geschaut. Sie haben sich da ja schon klar positioniert.

Ja, das finde ich auch ziemlich wichtig. Ich habe in dieser Thematik echt viel gelernt in den vergangenen Wochen. Gerade als weißer Mensch sollte man sich - auch in Deutschland - bewusst sein, dass gewisse Sachen und Aktionen, die man auch unbewusst macht, rassistisch sind. Weiße Menschen sind sehr sensibel, wenn man ihnen das sagt. Dann werden Sachen gesagt wie: Ich habe schwarze Freunde. Oder: Ich habe jahrelang mit schwarzen Basketballern zusammengespielt. Das ist in dem Moment aber irrelevant, weil es darum nicht geht. Solche Sachen habe ich aber jetzt auch erst gelernt. Es ist schade, dass das hier nicht mehr thematisiert wird. Ich hoffe, da wird nicht der Fuß vom Gaspedal genommen.

Sie waren auch selbst protestieren.

Ja. Ich komme aus Berlin. Das ist unsere Kultur. Jeder geht auf die Straße, wenn er keinen Bock auf irgendetwas hat. Das macht man einfach so. Hier war das irgendwie Thema. Das war echt schwierig für mich zu verstehen.

Was haben Sie und die Washington Wizards vielleicht in Planung, damit das Thema eben nicht wieder so ein bisschen unter den Teppich gekehrt wird?

Wir waren eines der Teams, das wirklich zusammen auf die Straße gegangen ist. Wir haben zusammen einen Marsch durch D.C. organisiert und da waren auch alle dabei. Das war auch echt cool, hat großen Spaß gemacht und war auch powerful. Wenn man das als Team macht ist das noch einmal etwas ganz anderes und hat eine andere Wirkung. Natürlich ist es ein Unterschied, dass man in dem Moment die Polizei hat, die einen beschützt, anstatt gegen sie zu demonstrieren. Das ist dann nicht richtig der Punkt. Aber man muss irgendwo anfangen. Als Washington Wizards ist das jetzt die goldene Frage. Wir haben genug Zeit um hier darüber zu reden, was man machen kann. Die kleinen Sachen wie Namen auf den Jerseys sind alle gut und schön. Aber das sollte eigentlich nur die Kirsche auf der Torte sein. Und die Torte gibt es halt noch nicht. Da muss man sich echt überlegen, was man da für systematische Änderungen macht. Ich glaube, Leute sollten sich auch mehr mit dem Thema auseinandersetzen und lesen. Es gibt ganz viele, die es auch einfach unter den Teppich kehren, weil sie es nicht angenehm finden, sich darüber zu unterhalten.

Zum Abschluss noch einmal der sportliche Blick nach Berlin zu Ihrem Heimatklub. Die haben ja so eine Art Quarantäne-Situation beim Turnier in München schon hinter sich - und den Titel gewonnen. Haben Sie das verfolgt?

Ich habe natürlich jedes Alba-Duell geguckt - außer das Bamberg-Spiel, das habe ich leider verpasst. Für Franz (Anm. d. Red.: Wagners jüngerer Bruder, auch Ex-Albatros, spielt jetzt am College.) und mich war das fast so ein WM-Feeling. Es war mittags, wir haben uns vor den Fernseher gesetzt, nach drei Wochen war alles vorbei und sie haben die Meisterschaft gewonnen. Das war schön, das so zu sehen, weil man sich ja irgendwie auch immer als Teil dieses Klubs fühlt. Ich freue mich für die Jungs. Das haben sie mehr als verdient. Ich hoffe, sie haben ordentlich gefeiert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jakob Rüger, rbb Sport.

Sendung: Inforadio, 15.07.2020, 08:15 Uhr

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