Die deutsche Nationalmannschaft mit Thomas Häßler (ganz rechts) feiert 1990 mit dem WM-Pokal. / imago images/Sportfoto Rudel
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Interview | Thomas Häßler über den WM-Triumph 1990 - "Wir waren ein ganzer Haufen voller toller Charaktere"

Es war der 8. Juli 1990, als der Berliner Thomas Häßler im Olympiastadion in Rom den größten Tag seiner Karriere erlebte. Mit Deutschland wurde er vor dreißig Jahren durch einen 1:0-Sieg gegen Argentinien Weltmeister. Der heutige Trainer des BFC Preussen erinnert sich.

rbb|24: Herr Häßler, 30 Jahre ist das Endspiel bei der WM 1990 in Italien nun her. Welche Erinnerungen haben Sie?

Thomas Häßler: Es ist wirklich so, dass man denkt: Mein Gott, 30 Jahre ist das schon her? Es ist unfassbar, wie schnell die Zeit vergangen ist. Ich habe mir das Spiel vor zwei Monaten nochmal angeschaut - einfach aus Langeweile, weil man nichts zu tun hatte. Da kam alles so ein bisschen zurück. Es war für mich in meiner Zeit als Aktiver das schönste Turnier und das schönste Erlebnis, das man als Fußballer jemals haben konnte.

Was für Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie an den Finaltag denken?

Natürlich die Szenen nach dem Abpfiff, als klar war, dass wir gewonnen haben und Weltmeister geworden sind. Aber du kapierst das erst später. Wir sind dann ja am nächsten Tag nach Deutschland geflogen und dort war auch riesiger Trubel. Das haben wir natürlich mitgenommen. Es kommt erst richtig an, wenn du mal zur Ruhe gekommen bist, zwei, drei Tage nichts über Fußball gehört hast und vielleicht sogar schon im Urlaub bist. Dann schnallst du: Du selbst und wir als deutsche Nationalmannschaft haben etwas ganz Großes geleistet. Du kapierst, was überhaupt passiert ist. Man arbeitet das alles ein wenig auf.

Und begreift, wie dieser Triumph gelingen konnte?

Wir waren zehn Wochen zusammen mit den ganzen Jungs. Es gab keinen Stress und keine Unruhe. Wir hatten ein sensationelles Klima, das sich vom ersten Tag an bis zum Ende durchgezogen hat. Das hat uns wahrscheinlich auch die Kraft und das Selbstbewusstsein gegeben, so durch das Turnier zu gehen. Unsere große Stärke war, dass wir ein ganzer Haufen voller toller Charaktere waren, die aber dem Erfolg alles untergeordnet haben.

War es der größte Tag Ihrer fußballerischen Karriere?

Das kann ich sofort mit Ja beantworten - auch wenn ich zum Beispiel 1996 noch Europameister geworden bin, was auch ein sehr tolles Erlebnis war. Aber bei der WM 1990 mit so Größen wie Völler, Klinsmann, Littbarski oder Buchwald ein solches Turnier mitzuspielen, das macht mich auch noch heute ganz schön stolz. Das sind damals auch für mich große Stars und Vorbilder gewesen.

Da sind die Bilder der Pokalübergabe: Die Trophäe wird natürlich vom Kapitän Lothar Matthäus hochgereckt. Dahinter kommen Klinsmann, Brehme, Buchwald und Littbarski. Dann sieht man Sie in der Reihe und Bodo Illgner schiebt Sie so ein wenig nach vorne. Es hat glaube ich gedauert, bis Sie die Hand an den Pokal heben durften. Spiegelt das auch ein bisschen die Hierarchie in der damaligen Mannschaft wider?

(lächelt) Ach, das würde ich jetzt nicht sagen. Das war vielleicht ein Spaß vom Bodo gewesen, dass er mich einfach vorschiebt - und ich überhaupt nicht an den Pokal rankomme. Das gehörte mit dazu, ein bisschen Spaß zu haben. Aber letztendlich war das unter dem Strich - wie gesagt - eine Einheit, die ich in der Form sicherlich teilweise auch 1996 noch einmal wiedergefunden habe, aber danach nie wieder. Umso schöner ist es, dabei gewesen zu sein.

In Erinnerung geblieben ist auch das Bild von Franz Beckenbauer, der - während Sie und die Mannschaft in der Ehrenrunde Spektakel machen - ganz einsam über das Feld zieht. Welche Rolle spielte er als Trainer damals?

Ich glaube, Franz stand über allem. Er hat einen ganz großen Anteil. Dass ist ja das Schöne, wenn jemand selbst Fußball gespielt hat: Der weiß, wie das alles so läuft - und wo es vielleicht einmal anfangen könnte, mit der Harmonie zu bröckeln. Er war immer wieder da. Es gab aber in der Hinsicht überhaupt nichts zu kitten, weil es einfach harmonisch war. Viele Spieler waren schon an die 30 Jahre alt, wenn nicht sogar älter. Für einige war das also das letzte große Turnier und da wollten sie noch einmal alles in die Waagschale schmeißen, um dieses Turnier zu gewinnen. Das hat man auch vom ersten Tag an gemerkt.

Thomas Häßler am Ball im WM-Finale 1990. / imago images/Laci PerenyiThomas "Icke" Häßler im WM-Finale 1990.

Bei besagter Ehrenrunde sind Sie Guido Buchwald auf den Rücken gesprungen. Waren Sie zu müde, zu faul - oder wollten Sie mehr sehen?

Vielleicht wollte ich wirklich mehr sehen und hatte so mehr Überblick - Guido ist ja auch 1,90 Meter groß. (lacht) Nein, das war einfach aus Spaß, feiern und sich freuen über das, was wir da erreicht haben. Das war ein Reflex und - glaube ich - unbedacht.

Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge haben damals kommentiert. Da fiel irgendwann auch der Vergleich, dass Sie am Finaltag eigentlich der Diego Maradona waren, denn beim Original auf argentinischer Seite klappte in diesem Endspiel wenig. Wie bewerten Sie selbst Ihre Leistung?

Sagen wir es mal so, wie man es als Berliner eben macht: Ich hatte einfach Bock gehabt. Ich war davor außer Gefecht gewesen und habe mit einer Zerrung im Adduktorenbereich drei Spiele nicht mitgemacht. Ich bin ja erst im Halbfinale gegen England wieder eingestiegen und habe da 55 oder 60 Minuten geschafft. Umso mehr habe ich mich auf das Endspiel gefreut und wollte natürlich alle geben, damit wir alle gemeinsam als Sieger vom Platz gehen. Seine eigene Leistung selbst zu beurteilen, ist immer schwierig. Was ich sagen kann: Ich bin zufrieden gewesen.

Mehr als 200 Tage vor dem großen Triumph haben Sie erst dafür gesorgt, dass sich Deutschland überhaupt für die WM qualifiziert hat. Am 15. November 1989 - sechs Tage nach dem Mauerfall - haben Sie gegen Wales das entscheidende Tor zum Sieg geschossen. War es der wichtigste Treffer Ihrer Karriere?

Ja, mit Abstand. Ansonsten wären wir nicht nach Italien gefahren. Wir waren gezwungen, das Spiel zu gewinnen, um mit dabei zu sein. Mein Tor (Anm. d. Red: zum Endstand von 2:1) fiel ja ganz am Anfang der zweiten Halbzeit. Wir mussten danach zwar nicht großartig zittern, aber die Waliser waren ja auch nicht ungefährlich. Ich glaube, unter dem Strich war es nach 90 Minuten verdient. Und mich macht es heute noch stolz, dass ich das entscheidende Tor gemacht habe, damit wir 1990 nach Italien fahren dürfen.

Und das mit dem falschen - Ihrem linken - Fuß. Was für Gedanken macht man sich da als Rechtsfüßler, wenn der Ball kommt? Fußballer fangen ja in solchen Situationen immer an zu denken.

Ich nicht. Ich habe nie gedacht. Immer drauf auf den Kasten. Dass ich den dann so optimal getroffen habe ist Glück, aber auch Talent und die feine Schusstechnik, bei der an dem Tag dann alles zusammengepasst hat. Das war dann halt Bombe. Das auch noch in Köln vor eigenem Publikum. Schöner kann es nicht sein.

Ihre Mitspieler von damals sind teilweise hochdotierte Trainer und Manager geworden - andere TV-Experten. Wir treffen uns hier beim BFC Preussen richtig an der Basis. Ist es das, was Sie gesucht haben und wo Sie Ihr Glück rausziehen?

Na ja, gut. Nach meiner Karriere war ich noch Techniktrainer in Köln. Da habe ich auch noch einmal fünf tolle Jahre erleben dürfen - mit der Jugend und auch mit den Profis. Dann gab es einen kleinen Knick. Ich habe gehofft, dass ich die Möglichkeit bekomme, irgendwo als Trainer oder Techniktrainer arbeiten zu können. Das war dann nicht der Fall. Ich bin in den Iran gegangen und habe dort ein Jahr gearbeitet. Mein Job hieß erst Technischer Dirketor, aber ich stand natürlich mehr auf dem Platz mit dem deutsch-iranischen Trainer Alireza Marzban. Das war noch einmal eine tolle Erfahrung.

Danach sind Sie zurück nach Deutschland gekommen.

Ich stand vor der privaten Entscheidung zwischen München oder Berlin. Damals habe ich das Angebot von Club Italia bekommen. Für mich war dann klar: Wenn ich nach Hause komme, meine ganzen Kumpels wiedersehe und als Cheftrainer irgendwo im Amateurbereich trainieren kann, gehe ich wieder nach Berlin. Das ist vier Jahre her. Ich bin rundum zufrieden. Mit Preussen habe ich jetzt wirklich einen duften Verein. Ich habe einen Fünf-Jahres-Vertrag bekommen, weil sie soweit mit uns zufrieden waren, dass sie gesagt haben: Wir wollen mit euch in die Zukunft. Es war ja hier alles so ein wenig Kuddelmuddel. Das ist nun alles in Einklang gekommen. Mein Ziel ist, dass man in ein paar Jahren mal sagt: Man hat seine eigenen Talente und muss nicht in der Weltgeschichte rumfahren, um da Spieler zu beobachten und zu holen. Dann hast du die nämlich in deinem eigenen Verein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Dietmar Teige.

Sendung: rbb24, 08.07.2020, 21:45 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    "In der Schule hatte ich Höhen und Tiefen.
    Die Höhen waren der Fußball."

    Thomas Häßler

  2. 3.

    Ich habe (fußballerisch) ebenfalls sehr schöne Erinnerungen an diese Zeit.
    Das entscheidende Spiel war allerdings nicht in Wales, sondern in Köln gewesen. Der 1.FC wurde in der Saison übrigens Vizemeister, aus heutiger Sicht auch nur noch schwer zu glauben. :-)

    Ich finde, dass man anlässlich dieses Jubiläums vielleicht auch einmal darüber nachdenken kann, wie man künftig von offizieller Seite aus mit Franz Beckenbauer umzugehen gedenkt.
    Der Mann wird geächtet als hätte er Kinder missbraucht oder noch schlimmeres.
    Ewig wird er nicht leben, Beckenbauer wird dieses Jahr 75. Ich halte es für angebracht, ihm sein Gemauschel rund um die Bewerbung Deutschlands als Ausrichter der WM 2006 zu vergeben. Der Mann ist sportlich eine Ikone für den deutschen Fußball, da kommt bislang kein anderer ran. Ihn seit Jahren einfach totzuschweigen halte ich für keine angemessene Vorgehensweise.

  3. 2.

    Ja, die schönen alten Zeiten. Man merkte auch schon vor der WM, dass die Stimmung in der Mannschaft gut war. Die WM hat mir viel Spaß gemacht als Zuschauer. Ickes Tor in Wales habe ich nachwievor vor Augen. Grüße an Thomas.

  4. 1.

    Ich habe an den Sieg noch gute Erinnerungen. Erst ist die Mauer gefallen und dann waren WIR Weltmeister. Schönes Interview!

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