Patrick Hausding mit Olympia-Bronze (imago images)
Audio: Inforadio | 15.07.2020 | Jonas Schützeberg | Bild: imago images

Patrick Hausdings verschobener Olympia-Abschied - Der letzte Sprung

Der Berliner Wasserspringer Patrick Hausding wollte in Tokio von der olympischen Bühne abtreten. An diesem Mittwoch wäre das Finale im 3-Meter-Synchron gewesen - der einzigen Disziplin, in der ihm die Olympiamedaille noch fehlt. Von Jonas Schützeberg

Er kaut auf einem Kugelschreiber, die Augen verfolgen den Bildschirm, während der Hund seiner Freundin mit einem rosafarbenen Quietschkissen durch die Wohnung springt. "That's a good point, Patrick", tönt es aus seinem Laptop. American Cultural Theory - so heißt der Kurs, den Patrick Hausding gerade belegt.

Online-Uni statt Olympischer Spiele, der Fokus des Berliners liegt momentan auf anderen Dingen. "Ich habe noch nie so viel für die Uni geschafft wie in diesem Semester", erklärt er. Hausding studiert Englisch und Sport auf Lehramt an der Humboldt-Universität.

Studium statt Schwimmbecken

"In normalen Semestern ist das nicht annähernd möglich, vor allem durch die Präsenz. Viele Kurse haben Anwesenheitspflicht, da kann ich nicht nur drei bis vier mal vorbeischneien, da muss man zu 80 Prozent da sein." Das ist unmöglich für Hausding, denn die Saison der Wasserspringer dauert fast das ganze Jahr über an. Mehr als 200 Tage sind sie durch Trainingslager und Wettkämpfe in der ganzen Welt unterwegs.

Durch Corona hat sich das alles verändert. Die gewonnene Zeit steckt der Sportsoldat in seine berufliche Zukunft: "Mein Hauptberuf ist der Sport, aber im Moment habe ich kein Ziel vor Augen. Es gibt dieses Jahr keine ganz großen Wettkämpfe mehr. Somit kann ich Kraft sparen und in die Uni investieren."

"Das Feuer brennt immer noch"

Mit den Gedanken ist er in der Klausurenphase dieser Tage aber oft am anderen Ende der Welt. Die coronabedingte Olympiaverschiebung war für Hausding, wie für viele Athleten, ein Schock. Doch aufgeben und alles hinschmeißen war nie ein Thema: "Ich will meine vierten Spiele sehen", sagt er entschlossen, seine Augen funkeln dabei. "Das Feuer brennt immer noch in mir und es wird auch noch bis Tokio brennen. Ob die Flamme danach erlischt, das kann ich jetzt noch nicht sagen."

Zumindest die olympische Karriere sollte in Japan zu Ende gehen. Zwei Medaillen hat er in seiner Karriere schon vom größten Sportereignis der Welt mit nach Hause genommen. Er hat fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt - nur der Olympiasieg blieb ihm verwehrt.

Der Mann der Rekorde

Patrick Hausding setzte immer wieder neue Bestmarken in der Geschichte des deutschen Wasserspringens. Mit 19 Jahren gewann der Berliner Silber bei seiner Olympischen Premiere 2008 in Peking. Bei den Europameisterschaften 2010 in Budapest sprang er zu fünf Medaillen, so viel Edelmetall hat noch kein Wasserspringer bei einer Großveranstaltung zuvor gewonnen.

2013 in Barcelona wurde Hausding erster deutscher Weltmeister überhaupt. Unvergessen bleiben die Bilder mit Partner Sascha Klein vom 10-Meter-Turm über der spanischen Metropole. Seinen letzten ganz großen Triumph feierte der erfolgreichste deutsche Wasserspringer 2016 in Rio de Janeiro. Hausding durchbrach die chinesisch-amerikanische Phalanx und gewann mit Bronze die erste deutsche Medaille vom 3-Meter Brett in der Olympiageschichte.

Patrick Hausding und Sascha Klein vor der Kulisse von Barcelona 2013
Patrick Hausding und Sascha Klein vor der Kulisse von Barcelona 2013 | Bild: imago images

"Es vergeht selten ein Tag, an dem nichts weh tut"

Patrick Hausding kämpft weiter für den großen Traum. Doch die Jahre in der absoluten Weltspitze machen sich bemerkbar. Die Olympiaverschiebung tut auch weh. Ein Meniskus-Schaden im rechten Knie bremst den 31-Jährigen manchmal aus: "Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich morgens aufwache, ohne dass etwas weh tut oder ich Muskelkater habe", sagt Hausding. "Aber im Leistungssport muss man sich durchkämpfen, das gehört dazu. Wir streben nach Höchstleistung, da muss man sich überwinden."

Nach dem Wassertraining in der Landsberger Allee fährt Hausding zum Berliner Olympiastützpunkt. Extra-Training auf der Slackline steht auf dem Plan - für sein angeschlagenes Knie: "Wir sind eine Sportart, in der es auf zwei Sekunden ankommt. Alles muss genau passen, das macht diesen Sport so unvorhersehbar. Ich muss mich auf den Moment konzentrieren, sonst verlierst du in der Luft schnell mal die Orientierung, da muss der Absprung auch zu 100 Prozent passen."

Mit der Freundin zu den Olympischen Spielen

Unterstützt wird er von seiner Freundin Marcela. Sie ist kroatische Wasserspringerin, beide leben den Olympia-Traum. Während Hausding sein Ticket für Tokio schon sicher hat, muss sich seine Freundin noch qualifizieren. "Es ist Druck und Motivation zu gleich. Natürlich wollen wir es gemeinsam nach Tokio schaffen. Wir sind körperlich fit und gehen es auf jeden Fall zusammen an", erklärt Hausding.

Genau ein Jahr haben die beiden jetzt noch Zeit, um in bestmöglicher Form nach Japan zu reisen. Ob die Olympischen Spiele 2021 überhaupt stattfinden können, weiß in diesen Tagen noch niemand. Auch Patrick Hausding grübelt: "Wenn ich mir die Corona-Entwicklung in der Welt anschaue, zum Beispiel die neuen Infektionsschübe in den USA, mache ich mir schon so meine Gedanken, aber ich versuche das nicht zu nah an mich heran zu lassen und mich aufs Training zu fokussieren."

Abschalten, so klingt der neue Plan für die nächsten Wochen. Denn für Hausding und seine Freundin geht es jetzt erst einmal in den Urlaub, bevor Sprungbrett und Schwimmhalle wieder den Alltag auf dem Weg nach Tokio 2021 bestimmen werden.

Sendung: inforadio, 29.07.2020

Beitrag von Jonas Schützeberg

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