Elisa Chirino (Quelle: imago images/teutopress)
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Querschnittgelähmte Ex-Turnerin Elisa Chirino - "Da habe ich realisiert, dass das Leben trotzdem noch schön ist"

Elisa Chirino galt als großes Talent im Turnen. Seit einem Trainingsunfall 2014 sitzt die Berlinerin im Rollstuhl. Ihr Schicksal hat sie mittlerweile akzeptiert - und geht mit beeindruckendem Willen und viel Zuversicht neue Ziele an. Von Lisa Surkamp

Wer Elisa Chirino auf Instagram folgt, der kann eines kaum übersehen: Die 23-Jährige versucht, das Leben positiv zu sehen. "C'est la vie" - "So ist das Leben" steht in dem sozialen Netzwerk in ihrem Status. Eine bemerkenswerte Ansicht, wenn man weiß, was die junge Ex-Turnerin schon bewältigen musste.

Elisa Chirino macht einen Sprung am Balken (Quelle: imago images/Eibner)
Elegant und talentiert: Elisa Chirino galt als großes Talent im Kunstturnen. | Bild: imago images/Eibner

"In dem Moment hatte ich extreme Panik"

Es war an einem Dienstag, als sich ihr Leben von einer Sekunde auf die andere für immer veränderte. Am 25. März 2014 turnte die damals 16-Jährige am Stufenbarren. Hinter der Leistungsturnerin lag ein langer Tag mit Training und Schule. Dann kam der Abgang - und die Berlinerin landete unglücklich auf dem Kopf.

"Da kommen mir dann so Bilder in den Kopf, wie ich nach dem Sturz auf der Matte lag und die anderen Turner darum gebeten habe, sich zu mir zu setzen, weil ich in dem Moment extreme Panik hatte", erinnert sie sich. Die Diagnose kam schnell: Chirino brach sich den vierten und fünften Halswirbel. Querschnittlähmung.

Chirino nimmt ihr Schicksal an

Mehr als anderthalb Jahre verbrachte die junge Frau anschließend im Unfallkrankenhaus Berlin. "In der Krankenhauszeit nach dem Unfall habe ich gelernt, mein Schicksal anzunehmen, weil ich auch gesehen habe, wie es bei anderen Betroffenen ist", sagt sie rückblickend. "Es ist schon ein langer Prozess, in dem man lernen muss, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen und nach vorne zu schauen."

Ein Schlüsselmoment war ihr 18. Geburtstag. "Ich durfte das Wochenende zu Hause verbringen. Da habe ich zum ersten Mal diesen Moment gehabt, dass ich extrem dankbar war für das, was ich noch habe. Ich glaube, ab da habe ich so ein bisschen realisiert, dass das Leben trotzdem noch schön ist", sagt sie.

Elisa Chirino bei ihrem Abiball (Quelle: Elisa Chirino)
Elisa Chirino bei ihrem Abiball 2018 mit ihren Eltern. | Bild: Elisa Chirino

Ihre Zukunft sieht sie in der Sportpsychologie

Ein Leben, aus dem die junge Frau mehr machen wollte. 2015 zog die ehemalige Turnerin in ihre eigene Wohnung in Lichtenberg. Ab 2016 ging sie wieder zur Schule und machte zwei Jahre später ihr Abitur. Seit Oktober letzten Jahres studiert sie Psychologie an der Freien Universität Berlin. Derzeit finden die Kurse online statt. Das Studium und die regelmäßigen Therapien im Krankenhaus kann sie gut in Einklang bringen.

Nach dem Bachelor will sich die 23-Jährige auf die Sportpsychologie spezialisieren. "Ich möchte im Bereich Sport bleiben und Leistungssportler betreuen. Ich finde es ganz interessant, weil ich den Eindruck als Leistungssportlerin habe und die Seite kenne. Daher denke ich, dass ich mich gut in die Sportler hineinversetzen kann", erklärt sie ihre Pläne.

Austausch mit Ronny Ziesmer und Kristina Vogel

Sich trotz ihres Schicksals neue Ziele zu stecken und diese auch umzusetzen, ist Chirino sehr wichtig. Dabei helfen ihr vor allem ihre Familie und Freunde - und auch das Turnen. "Der Leistungssport hat mir dabei sehr geholfen, weil wir gewisse Werte wie Kampfgeist oder Ehrgeiz vermittelt bekommen. Mich hat die Zeit als Leistungssportlerin unheimlich geprägt. Dadurch ist mein Kampfgeist ziemlich ausgeprägt", sagt sie.

Doch auch sie kennt schlechte Tage. "Aber es ist okay, so etwas zuzulassen. Das habe ich gelernt. Aber es ist dann auch wichtig, wieder dort rauszukommen." Dabei hilft ihr auch der Austausch mit anderen Sportlern, die ähnliches erlebt haben. Mit Samuel Koch, der österreichischen Ex-Stabhochspringerin Kira Grünberg und dem Cottbuser Ex-Turner Ronny Ziesmer hat sie sich schon getroffen. Und zuletzt auch die Ex-Radsportlerin Kristina Vogel kennengelernt. "Das war ein Zufall, weil sie auch im UKB war. Da haben wir uns dann kennengelernt und ausgetauscht. Ich finde so einen Austausch immer wieder sehr wichtig, gerade unter Sportlern, denen auch so etwas zugestoßen ist."

Die Erinnerungen an ihren eigenen Unfall verblassen derweil immer mehr. "Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich das auch ein bisschen verdränge und versuche, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren." Denn Elisa Chirino ist angekommen in ihrem neuen Leben. C'est la vie.

Beitrag von Lisa Surkamp

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3 Kommentare

  1. 3.

    Hoffentlich wird Frau Chirino sich auch um gewöhnliche Menschen mit behindernden Schicksalen therapeutisch kümmern, denn alleine schon eine barrrierefreie therapeutische Praxis in Berlin zu finden ist kaum möglich.

    Die zahlreichen oft für Nicht-Betroffene unsichtbaren Barrieren, die es für Menschen, die einen Rollstuhl nutzen im Alltag zu überwinden gilt, kosten Kraft, die an anderer Stelle fehlt. Das packt nicht jede*r gut, zumals es unterschiedliche Lebensumstände gibt... familiäre Verhältnisse, Einkommen, Partnerschaft, persönlicher Charakter, weitere Erkrankungen...

    Zumals, das was Menschen ohne Behinderungen als selbstverständlich voraussetzen, wie etwa ein funktionierender Rollstuhl, leider eine Frage des Geldes ist, das vielen fehlt. So ist ein rein kassenfinanzierter Rollstuhl häufig defekt. Im Zweifelsfall bedeutet dies, nicht teilhaben können, vielleicht sogar sich nicht ausreichend selbst versorgen können.

  2. 2.

    Ich hoffe, sollte mir jemals so ein Unglück passieren, dass ich das Schicksal dann auch so annehmen kann. Allen Betroffenen, die dieses erleiden müssen, wünsche ich gute Besserung und liebevolle Menschen an ihrer Seite.

  3. 1.

    Hut ab...

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