Behindertensport - Berliner Para-Leichtathleten blicken sorgenvoll in die Zukunft

Ein paralympischer Sprinter startet ins Rennen (Symbolbild). Quelle: imago images/Beautiful Sports
Audio: Inforadio | 11.08.20 | 10:15 Uhr | Jakob Rüger | Bild: imago images/Beautiful Sports

Einst war Para-Leichtathletik eines der Aushängeschilder der Sport-Metropole Berlin. Diese Zeiten sind vorbei. Der Standort hat mit argen Nachwuchsproblemen zu kämpfen und blickt daher sorgenvoll in die Zukunft - hat aber auch Gegenmaßnahmen eingeleitet.

Der paralympische Leichtathletik-Standort Berlin stand einmal für viele Medaillen. Athleten wie Marianne Buggenhagen (Speer- und Diskuswurf, Kugelstoßen; neun paralympische Goldmedaillen) waren das Aushängeschild der Sportmetropole Berlin. Doch nun fehlt es an Nachwuchs. Nur zwei Athleten haben die Chance auf eine Teilnahme bei den Paralympics in Tokio 2021. Doch auch Ali Lacin (Sprint, Weitsprung) und Thomas Ulbricht (Sprint, Speer, Weitsprung) sind mittlerweile beide deutlich über 30 Jahre alt. Jüngere Sportler sucht man vergeblich. Den Status als Bundesstützpunkt hat Berlin verloren - dafür braucht es nämlich fünf A-Kaderathleten.

Bundesmittel fehlen

Noch bis 2017 hatte Berlin diesen Status inne und konnte so bei den Planungen für die Saison auf großzügige Bundesmittel zurückgreifen. "Es gibt Unterstützung in Form von Trainingsstätten-Förderung, das ist für den Träger einer Sportstätte sehr wichtig. Es werden aber auch Personalkosten gedeckt, so kann man zum Beispiel einen Stützpunkt-Trainer mit Bundesmitteln anstellen", erklärt Frank-Thomas Hartleb, Sportdirektor des Deutschen Behindertensportverbands, die Vorzüge eines Bundesstützpunkts. Die geringeren finanziellen Mittel sind in Berlin aber kaum der Grund, warum es dem paralympischen Leichtathletik-Standort so schlecht geht wie noch nie.

"Das habe ich gesehen, das möchte ich auch machen"

"Was die Unterstützung der Politik und die Finanzen angeht, sind wie immer noch super aufgestellt", berichtet Ralf Otto, Präsident und Trainer des Paralympischen Sport Clubs Berlin. Die Berliner Politik habe in den letzten Jahren gemerkt, dass der Behindertensport in der Hauptstadt zu wenig Unterstützung erfahren habe und reagiert.

Das Problem liege hingegen in der Rekrutierung von Nachwuchssportlern: "Früher sind wir zu den Paralympics gefahren, der Wettbewerb wurde im Fernsehen übertragen und danach riefen Leute an und sagten: Das habe ich gesehen, das möchte ich auch machen", erinnert sich Otto. Mittlerweile gäbe es derartige Athleten, die sich allein durch die Vorbilder im Fernsehen begeistern lassen, nicht mehr, meint der 60-Jährige. Früher betreute er eine zweistelligen Anzahl von Athletinnen und Athleten vor Parlympics. Vor den Spielen im nächsten Jahr in Tokio ist seine Trainingsgruppe mit nur zwei Sportlern, Ali Lacin und Thomas Ulbricht, deutlich kleiner. "Wir waren damals sehr gut und sehr breit aufgestellt, auch mit mehreren Trainern", erinnert er sich.

Erste Maßnahmen eingeleitet

Otto ist der Meinung, dass in Berlin, aber auch im Bundesverband in den vergangenen Jahren einiges schiefgelaufen ist und sich zu sehr auf den Lorbeeren in Form von paralympischen Medaillen ausgeruht wurde. "Wenn man zehn Jahre lang mit der Einstellung an seine Arbeit geht, dass seine Stelle als Bundestrainer dann verlängert wird, wenn man viele Medaillen holt, aber nicht, wenn man junge Athleten heranzieht, dann muss man sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs fehlt", sagt Ralf Otto. Tatsächlich gibt es in Deutschland mittlerweile nur noch zwei Leichtathletik-Stützpunkte: einen in Leverkusen und einen in Cottbus. Bundesweit haben die Standorte mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen.

Otto ist davon überzeugt, dass Deutschland in den nächsten Jahren nachlegen muss, um im internationalen Vergleich nicht den Anschluss zu verlieren. In Berlin hat man deshalb jetzt erste Maßnahmen getroffen. Zwei hauptamtliche Scouts sollen in der Stadt nach Talenten mit Medaillen-Perspektive suchen. "Wir wollen in Berlin alle Schüler flächendeckend testen und auch die paralympischen Athleten mit eigenen Testverfahren und Faktorisierung der Leistungen vergleichbar machen", sagt Otto. "So wollen wir Athleten zuerst entdecken und sie dann in die richtige Sportart einladen", erklärt er weiter.

Man möchte den Missständen entgegenwirken und den Behindertensport in der Hauptstadt - gerade im Nachwuchsbereich - stärker professionalisieren. Mittelfristig soll diese Arbeit dann auch mit Erfolgen bei paralympischen Spielen belohnt werden. Und so an große Zeiten mit Athleten und Athletinnen wie Marianne Buggenhagen angeknüpft werden.

Sendung: Inforadio, 11.08.20, 10:15 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Professionalisieren ? Verwitschaftlichen ! - Sklaverei unter dem Deckmantel sportlichen Erfolges. - Der Trainer hat einen gut bezahlten, hoch angesehenen Job. - Der Spotler Harz4, wenn die Behinderung vor dem 25 Lebensjahr eintrat, zusätzlich Kindergeld. - Eventuell, so lange er erfolgreich ist Sponsorenmittel. - Was ist mit Berufsausbildung ? Qualifizierter Arbeit ? - Oder geht es hier um Extrem-Sportler die sich nach Unfall oder Krankheit umorientieren müssen, weil kein "Markt" für sie besteht ?

  2. 1.

    Der Artikel ist mir zu flach. - Behindertensport Versehrtensport - Zu wenig Nachwuchs ? - Zu wenige Fehlbildungen ? Zu wenige Unfälle ? Zu wenige Kriegsverletzungen ? - Fehlendes Geld für Sportgeräte und nicht vorhandene Trainingsnöglichkeiten und Transportmöglichkeiten ! Durch die Euphorie der schon gescheiterten Inklusion sind viele Leute in den Sportvereinen der "Gesunden" untergekommen. - Und die "Berliner" Förderung des Behindertensportes besteht aus Hochglanzbroschüren, gepaart mit Will nicht, Kann nicht, Weiß nicht und Interessiert nicht. - Meine Informationen ? Augen auf und rein ins Leben.

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