Das Stadion an der Alten Försterei am 15.05.2020 vom rbb-Antenne-Verkehrsflieger aus fotografiert. (Quelle: rbb/Tino Schöning)
Bild: rbb/Tino Schöning

Debatte um die Fan-Rückkehr in die Stadien - Geeint in der Sehnsucht, gespalten im Weg

Wenn sich am Montag die Gesundheitsminister zu einer Konferenz zusammenschalten, hofft die Deutsche Fußball Liga auf positive Signale für eine teilweise Rückkehr von Zuschauern in die Stadien. Doch wie sehen das Politik, Experten - und die Fans selbst? Ein Stimmungsbild.

Es ist ein Text, in dem es um unterschiedliche Meinungen gehen wird, um ein zähes Ringen und nicht zuletzt auch um große Ungewissheit. Doch er soll - gerade deshalb - mit einer, ja: der Gemeinsamkeit beginnen. "Die Sehnsucht nach dem Stadion ist sehr groß. Und zwar bei allen. Das muss man erst zunächst einmal sagen", sagt Sebastian Fiebrig.

Der Blogger und Podcaster - über die Union-Szene hinaus bekannt durch das Fan-Angebot "Textilvergehen" [textilvergehen.de] - sitzt in einem Hinterhof in Pankow. Er arbeitet an seinem Podcast. Dieses Mal geht es um ein historisches Thema, doch natürlich beschäftigt auch ihn die Aktualität. Wenn er über diese spricht, sagt er: "Um diese Sehnsucht geht es - glaube ich - gar nicht." Denn im Hier und Jetzt ist ganz konkret die Umsetzung der Fan-Rückkehr in die Stadien Thema. Und ihr Wann und Wie. Dabei tun sich große Gräben auf.

Keine Stehplätze, kein Alkohol, keine Gästefans

Das Meinungsspektrum ist breit gefächert. "Es gibt ganz klar die Position: 'Alle oder keiner - und alles dazwischen ist nicht der Fußball, den wir uns vorstellen'. Das ist das Extremste und das Plakativste", sagt Fiebrig. Dann gebe es natürlich die Fans, für die eine "graduelle Öffnung" möglich sei. "Und es sind da die, die sagen, dass man erst über die ganze Sache nachdenken solle, wenn ein Impfstoff da ist."

Für die Zwischenlösung hat sich die Deutsche Fußball Liga (DFL) in ihrem Konzept stark gemacht. Am Montagnachmittag werden nun die Gesundheitsminister von Bund und Ländern zusammensitzen. Sie haben eben diesen Maßnahmen-Katalog auf der Tagesordnung ihrer Schaltkonferenz. Auf ihn hatten sich die Profiklubs am vergangenen Dienstag geeinigt - freilich ohne dass alle einverstanden gewesen wären. Die Eckpunkte: eine zunächst reduzierte Rückkehr der Fans ohne Stehplätze, ohne Alkohol und ohne Gästefans.

Union wirbt für andere Position - ohne Mehrheit

Allen voran der 1. FC Union hatte für eine andere Position geworben - und kann sich mit der beschlossenen nicht anfreunden. Sie selbst hatten - ermöglicht durch Massentests aller Zuschauer - die Vision einer Vollauslastung ab dem ersten Spieltag in den Raum gestellt. Zum DFL-Konzept schrieb Klub-Chef Dirk Zingler an die Mitglieder der Köpenicker: "Da wir mit dem Vorgehen grundsätzlich nicht einverstanden sind und zudem die Anträge zu Gästefans, Stehplätzen und Alkoholausschank für unausgewogen im Hinblick auf unsere allgemeine gesellschaftliche Verantwortung, aber auch auf unsere spezielle Verantwortung für Fußballanhänger halten, haben wir bei diesen drei Anträgen mit Nein gestimmt."

Für Stefanie Fiebrig - Ehefrau von Sebastian und die Gründerin von "Textilvergehen" - ist die Lage klar: Von Union fühle sie sich als Fan gut vertreten, von der DFL hingegen nicht. "Ich habe das Gefühl, dass bei Union ernsthaft an Konzepten gearbeitet wird. Das muss es natürlich auch. Denn das von der DFL ist eines für Vereine mit Sitzplatz-Stadien - und das haben wir eben nicht beim 1. FC Union Berlin. Was die DFL macht, geht also komplett an unserer Situation vorbei. Wir brauchen für unser Stadion ein Konzept. Und nicht für das andere in Berlin [Anm. d. Red.: gemeint ist das Olympiastadion]."

Hertha könnte freiwillig auf Zuschauer verzichten

Wie das aussehen könne? "Ich bin kein Verfechter von alle oder keiner", sagt Sebastian Fiebrig. Einen "graduellen Weg" werde man gehen müssen - "aber nicht unter den Umständen, wie er jetzt ist, weil auf die Situation im Stadion An der Alten Försterei durch die Beschlüsse der DFL gar nicht eingegangen wurde. Die wurde komplett ignoriert. Union steht am Ende so da, dass sie im Prinzip keine Wahl haben, außer niemanden reinzulassen."

Niemanden reinlassen könnte auch Hertha BSC bis Ende Oktober - selbst wenn eine Teilrückkehr möglich sein sollte. Das berichtete jüngst die "Bild am Sonntag". Grund dafür sind die Maßnahmen in Berlin, wonach unter anderem eine Obergrenze von 5.000 Personen für Großveranstaltungen bis zum 24. Oktober gilt. Die Kosten einer Stadionöffnung für Zuschauer seien dann zu hoch, berichtet das Blatt. Hertha-Sprecher Marcus Jung dementierte diese Überlegungen gegenüber rbb|24 am Sonntagmittag nicht, betonte aber: "Wir sind derzeit noch mitten im Stadium der Erstellung von verschiedenen Konzepten und denken grundsätzlich dabei auch alle möglichen Varianten durch. Im nächsten Schritt werden wir diese dann mit den Behörden besprechen. Derzeit haben wir aber noch keine Entscheidungen getroffen."

Marburger Bund: "Eher kritisch"

Das sind wirtschaftliche Bedenken. Medizinische gegen eine Zuschauer-Teilzulassung hat derweil der Ärzteverband Marburger Bund auch mit Corona-Schutzauflagen geäußert. "Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie Fußballfans mit zwei Metern Abstand ein Tor ihrer Mannschaft bejubeln", sagte die Vorsitzende Susanne Johna der Deutschen Presse-Agentur. "Wenn Fans im Stadion sind, dann wollen sie auch zusammen sein und gemeinsam feiern, was menschlich nachvollziehbar ist", sagte die Ärztin und Hygienespezialistin. "Insofern bin ich da eher kritisch."

Mit konkreten Entscheidungen der Gesundheitsminister ist am Montagnachmittag ohnehin nicht zu rechnen. Beraten ja, mehr wohl nicht. "Wir haben aber nicht vor, einen Beschluss zum Hygienekonzept der DFL zu fassen", sagte die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz ist, der "Berliner Morgenpost".

Kalayci: Fan-Rückkehr in Stadien hat keine Priorität

Die Idee, "dass unter anderem alle Besucherinnen und Besucher nach Testungen wieder ins Stadion kommen können, werde von der Mehrheit der Minister "kritisch gesehen. Ganz besonders, weil vor und nach dem Spiel niemand große Menschenansammlungen und Alkoholkonsum ausschließen und kontrollieren kann", sagte die 53-Jährige. Man brauche die Testkapazitäten außerdem in vielen anderen Bereichen - in den Schulen, Kitas, Pflegeheimen, Krankenhäusern und für die Reiserückkehrer.

"Daher steht nach meiner jetzigen Einschätzung der Profifußball auf der Prioritätenliste der Gesundheitsminister nicht ganz oben", erklärte Kalayci. Die Diskussion wird also weitergehen. Wohl mindestens bis zum Bundesliga Start Mitte September - und auch darüber hinaus. Immer auch beeinflusst von einem unabwägbaren Entwicklung des Infektionsgeschehen. Sicher ist: Genug Stoff wohl auch in den nächsten Folgen des "Textilvergehen"-Podcasts.

Sendung: Abendschau, 10.08.2020, 19:30 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

8 Kommentare

  1. 8.

    Ich habe mit Fußball nichts am Hut ABER. An jedem Wochenende Demos, Parkpartys und bei der Hitze überfüllte Badeseen ( da kommen sogar die guten Berliner zu hunderten ins böse "AfD-Brandenburg). Was ist nun dagegen zu sagen, wenn die Fans wieder in ihr geliebtes Stadion gehen, nur eben nicht so viele? Diese Ungleichbehandlung ist nicht nachvollziehbar.

  2. 6.

    Und genau dieses soziale Leben muss im Interesse aller Bürger in diesen Zeiten unter allergrößter Vorsicht und Umsicht erfolgen.
    Es kann nicht sein dass für ein Vergnügen von wenigen im ungünstigsten Fall alle leiden müssen oder sogar Menschenleben gefährdet werden.
    Das ist soziales Verhalten!

  3. 5.

    @Akku und @Thomas: bevor man kommentiert, sollte man zumindest auch immer zu versuchen, die Argumente der Gegenseite zu verstehen. Sie beide tun das nicht. Bei Ihnen ist es nur pauschal der böse "Profifußball" und "ein paar tausend Leute, die Spieler beim Ballspielen zusehen". Es ist aber viel viel viel mehr als das. Es geht um das soziale Leben in unserem Land.

  4. 4.

    Na klar 9600 infiziert in der Stadt von 3,8 Millionen und man kann nicht mal ein paar Leute ins Stadion lassen.
    Angst frisst die Gesellschaft auf.

  5. 3.

    ....wenn man sich bei unseren Kindern nur so viel Gedanken machen würde. Aber die kosten ja nur Geld... Kopfschüttel.....

  6. 2.

    Leider sehr viele Worthülsen von Herrn Fiebrig. Im Endeffekt sind ihm alle Einwände und die zu Recht vorhandenen Bedenken relativ egal, Hauptsache ein paar tausend Leute sehen die Spieler beim Ballspielen.
    Dafür dieses mal eine sehr klare und wichtige Äußerung von Frau Kalayci: "Profifußball steht auf der Prioritätenliste nicht ganz oben"

  7. 1.

    Man hätte doch das Sport-Jahr wie geplant ausfallen lassen können, aber die Gier ist größer.

Das könnte Sie auch interessieren

Berlin Marathon am Brandenburger Tor (Quelle:imago/Tilo Wiedensohler)
imago/Tilo Wiedensohler
2 min

Der etwas andere Berlin-Marathon - Einsam gemeinsam

Das letzte September-Wochenende steht in Berlin traditionell im Zeichen der Läufer, auf der schnellsten Marathon-Strecke der Welt. Das ist auch 2020 so, nur ohne klassischen Marathon, dafür aber mit App, Challenge und einem etwas anderen Weltrekordversuch.

Cottbus Spieler freuen sich nach Sieg
imago/Jan Huebner

Regionalliga Nordost | Cottbus gegen Fürstenwalde - Zurück in die Zukunft

Dirk Lottners Debüt als Trainer von Energie Cottbus ist mit dem Auswärtssieg in Babelsberg geglückt. Ob die Mannschaft eine richtige Trendwende schafft, zeigt sich schon an diesem Mittwoch. Hoffnung dabei macht nicht nur der Blick zurück. Von Andreas Friebel

rbb|24 zeigt die Partie Cottbus-Fürstenwalde am Mittwoch ab 18:55 Uhr im Livestream.

Die Füchse Berlin um ihren Trainer Jaron Siewert (imago images)
imago images

Teamcheck | Füchse Berlin - Neustart auf allen Ebenen

Der durch Corona bedingte Saisonabbruch traf die Füchse hart. Die kommende Spielzeit in der Handball-Bundesliga nun soll zurück in die Erfolgsspur führen. Dafür wurde nicht nur ein neuer Trainer verpflichtet, sondern auch der Kader ordentlich durchgemischt.