Tabea Kemme, Josephine Henning und Anja Mittag (Quelle: privat)
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Kemme, Mittag und Henning - Drei Ex-Turbinen auf Reisen

Tabea Kemme, Anja Mittag und Josephine Henning haben gemeinsam Olympisches Gold und den Titel mit Turbine gewonnen. Nun haben sie ihre Karrieren beendet und sind mit einem Bus durch Europa getourt. Zeit für Reflektion, Zukunftspläne und einen Podcast.

Josephine Henning und Tabea Kemme sitzen in Portugal am Meer. Im Hintergrund kann man leise das Rauschen der Wellen hören. Ab und zu kommt ein Surfer vorbei, den die beiden kurz grüßen. "Man hatte ja jetzt durch Corona ein bisschen Zeit, weil man nicht regelmäßig arbeiten gehen konnte. Und jetzt haben wir das mal genutzt", erklärt Kemme. Gemeinsam mit Anja Mittag sind Henning und Kemme mit einem Bus durch Europa getourt. "Wir sind dann durch Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal und hängen jetzt gerade hier an der Küste fest", sagt Kemme.

Turbine-Spielerinnen feiern 2010 die Deutsche Meisterschaft (Quelle: imago images/Matthias Koch)
Gemeinsam erfolgreich: Anja Mittag (links), Josephine Henning (vorne) und Tabea Kemme (rechts) feiern 2010 die Deutsche Meisterschaft mit Turbine. | Bild: imago images/Matthias Koch

Mittag bleibt als Individualtrainerin bei RB Leipzig

Von 2009 bis 2011 spielten alle drei gemeinsam bei Turbine Potsdam. Auch in der Nationalmannschaft kickten sie jahrelang zusammen, gewannen 2016 gemeinsam Olympisches Gold. Und mittlerweile haben sie noch etwas gemeinsam: Alle haben ihre Karriere beendet. Anja Mittag gab das Ende ihrer Laufbahn erst vor rund einem Monat bekannt. Einen Auftritt hat sie als aktive Fußballspielerin aber noch: Für die 35-Jährige ist das Landespokalfinale mit ihrem Team RB Leipzig am 30. August gleichzeitig ein Abschiedsspiel.

Wobei der Abschied in ihrem Fall auch ein Neuanfang ist. Denn die gebürtige Chemnitzerin bleibt ihrem Verein als Individualtrainerin erhalten. Momentan laufen schon die Vorbereitungen für die neue Saison - daher musste sie ihre Freundinnen Kemme und Henning allein weiterreisen lassen.

Ein Podcast zum Reflektieren

In Kontakt bleiben die Drei aber ständig - nicht zuletzt auch aus beruflichen Gründen. Denn seit Mitte Mai haben Mittag und Henning ihren eigenen Podcast. In "Mittag's bei Henning" quatschen sie alle zwei Wochen über Frauenfußball. Tabea Kemme ist da mittlerweile fester Bestandteil. "Dauergast!", kichert Josephine Henning ins Telefon. "Da muss ich schon lachen, weil das einfach so korrekt ist. Das war gar nicht so geplant, aber irgendwie hat sich das so entwickelt."

Durch ihre Reise und den Podcast haben sie auch für eines endlich Zeit gefunden: sich der Erlebnisse der letzten Jahre bewusst zu werden. "Denn die Zeit, zu reflektieren, hast du während der Karriere ja auch überhaupt nicht", erklärt Josephine Henning. Die 30-Jährige hat Grafikdesign und Innenarchitektur studiert und arbeitet auch als Künstlerin. Kemme ist Polizistin. Ihrem Sport wollen sie aber auch etwas zurückgeben - und dabei ihre Erfahrungen nutzen. "Deswegen arbeiten wir jetzt an einem Projekt, das in Richtung Mentoring Programm gehen wird. Da profitiert man da natürlich auch von seinem Erfahrungsschatz", so Henning. "Es ist eher die Ebene, dass man Spielerinnen begleitet oder unterstützt in ihrem Werdegang, weil man selber so viele Erfahrungen gesammelt hat", ergänzt Kemme.

Kemme schließt Rückkehr zu Turbine nicht aus

Die 28-Jährige schließt für sich auch eine Rückkehr zu den Potsdamerinnen nicht aus. Wie groß ihre Nähe zum Verein noch ist? "500 Meter", sagt sie und lacht - und erklärt dann, dass sie direkt neben dem Vereinsgelände wohnt. "Natürlich ist da Kontakt und auch Interesse da. Es gab auch schon einen Austausch mit dem Vorstand oder den Spielerinnen. Vielleicht wird sich da auch etwas ergeben", berichtet die ehemalige Abwehrspielerin, die insgesamt zwölf Jahre in Potsdam kickte.

Kemme hat die erfolgreichen Zeiten des Klubs erlebt. Doch die Potsdamerinnen gehören längst nicht mehr zu den dominierenden Teams der Liga. Stattdessen marschieren Teams wie Wolfsburg oder Bayern, die eine Männerabteilung im Rücken haben, voran. "Ich glaube, der Frauenfußball ist in einer Zwischenphase", sagt Josephine Henning. "Jetzt geht es darum, dass es nicht geht, dass man den Frauenfußball in die Jacke vom Männerfußball zwingt. Das ist so leicht gesagt, aber eigentlich ist es bildlich so stark. Man möchte und kann auch nicht genau in diese Fußstapfen. Man kann aber Strukturen nutzen und muss immer reflektieren: Ist das etwas, was der Frauenfußball braucht oder nicht?"

Mit dieser Frage hat sich auch Turbine zuletzt intensiver beschäftigt. Seit dem Sommer kooperiert der Verein mit Hertha BSC, hat mit Sofian Chahed zudem einen hauptamtlichen Trainer verpflichtet. "Man hat den Moment so ein bisschen verschlafen und jetzt ist man aufgewacht, nimmt die Veränderung vor und darauf muss man einfach aufbauen", fasst Kemme die Entwicklungen bei Turbine zusammen. "Das sehe ich eigentlich schon optimistisch." Vielleicht wird auch sie die Entwicklungen in Potsdam irgendwann selbst weiter vorantreiben. Erstmal lassen sich Kemme und Henning aber mit ihrem Campingbus treiben. Immer entlang der Küste, dem Geräusch der Wellen folgend auf der Suche nach einem guten Surfspot.

Sendung: Inforadio, 15.08.2020, 17:04 Uhr

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