Unions Pressesprecher Christian Arbeit (Quelle: imago images/Sven Simon)
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Audio: Inforadio | 05.08.2020 | Interview mit Christian Arbeit | Bild: imago images/Sven Simon

Interview | Union-Pressesprecher Christian Arbeit - "Warum soll ein Fußballfan nicht zu einem Spiel fahren dürfen?"

Das Maßnahmenpaket der DFL zu einer möglichen Rückkehr von Fans in Stadien sorgt vor allem beim 1. FC Union für Kritik. Die Berliner hatten für eine andere Position geworben. Die Gründe erläutert Pressesprecher Christian Arbeit im Interview.

Am Dienstag haben sich die Klubs der Deutschen Fußball-Liga mehrheitlich für ein Maßnahmenpaket zur möglichen Rückkehr von Fans in Fußballstadien ausgesprochen. So wird es zum Saisonstart weder Stehplätze noch Gästefans oder Alkohol geben. Der 1. FC Union hat für eine andere Position geworben. Die Vision, zu Saisonbeginn in einem vollen Stadion zu spielen, ist erstmal gescheitert.

rbb|24: Herr Arbeit, was stört Sie an dem Konzept der DFL?

Christian Arbeit: Ich glaube, wir alle beschäftigen uns seit Wochen oder Monaten mit der Situation und der Frage, wie wir einen Weg finden, der es irgendwann wieder ermöglicht, zu relativ normalen Dingen zurückzukehren. Wir suchen auf der einen Seite nach so einem Weg, auf der anderen Seite respektieren wir aber auch, dass sich Menschen sehr wohl klug verhalten können und man ihnen das sehr wohl zutrauen darf. Das haben die Geisterspiele zum Ende der abgelaufenen Saison gezeigt. Es gibt überhaupt keinen Grund anzunehmen, dass beispielsweise Fußballfans sich im Stehen nicht dazu in der Lage sehen sollten, Abstand einzuhalten oder, wenn es nötig sein sollte, eine Maske aufzusetzen. Diese Differenzierung wird aber vorgenommen. Und es gibt auch keine allgemeinen Reisebeschränkungen in Deutschland. Warum soll ein Fußballfan also nicht zu einem Spiel fahren dürfen? Ein Münchner darf zum Baden an die Nordsee fahren, aber nicht zum Fußball nach Bremen. Das hat eigentlich wenig Logik, oder?

Was haben Sie getan, um die anderen Bundesliga-Klubs zu überzeugen?

Wir haben uns im Vorfeld dieser Abstimmung an die anderen Bundesliga-Klubs gewandt und für unsere Position geworben. Wir haben am vergangenen Freitag alle anderen 35 Klubs angeschrieben und zu jedem Antrag im Einzelnen Stellung genommen und auch dazu, ob es eigentlich klug ist, statuarische Änderungen vorzunehmen für Regelungen, die nur ein sehr kurzes Zeitfenster betreffen. Viele Regelungen, die jetzt beschlossen worden sind, gelten ja nur bis zum 31. Oktober. Gleichzeitig nimmt man sich damit aber auch Handlungsmöglichkeiten.

Zum Beispiel?

Das Thema Alkohol ist ja immer so plakativ. Es ist ja nicht so, dass bei jedem Fußballspiel tausende Menschen betrunken aus den Stadien taumeln oder auch hinein. Aber es ist durchaus eine zu beobachtende Situation, dass Menschen, bei Spielen, wo es ein Alkoholverbot gibt, viel später in die Stadien kommen, weil sie vorher woanders noch ein Bier trinken gehen. Wenn wir aber Einlasssituationen entschärfen und entzerren wollen und die Menschen auffordern wollen, nicht alle zur gleichen Zeit zu kommen, dann ist es vielleicht sinnvoll, darauf mit bestimmten cateringangeboten – zu denen ja auch Bier gehören kann – zu reagieren. Dieser Option berauben wir uns jetzt ohne große Not.

Sie fordern das, während die Infektionszahlen gerade wieder steigen und das Robert-Koch-Institut dringend zu mehr Disziplin aufruft. Warum fühlen Sie sich da nicht angesprochen?

Wir fordern gar nichts und haben auch nichts gegen Disziplin. Die Frage ist doch, warum wir Regelungen doppeln wollen oder Regelungen, die es schon gibt, selber nochmal übertrumpfen wollen. Warum wir den zuständigen Behörden nicht zutrauen, verantwortungsvoll zu entscheiden. Eines ist doch vollkommen klar: Es gibt überhaupt gar keine Veranstaltung, die nicht vorher ein Hygienekonzept zur Genehmigung beim örtlichen Gesundheitsamt einreichen muss. Das ist doch vollkommen logisch. Es geht überhaupt nicht um Verantwortungslosigkeit und auch nicht darum, Forderungen aufzustellen. Wir haben an einem demokratischen Prozess teilgenommen und um Positionen geworben, die wir für sinnvoll gehalten haben. Wir denken, das ist genau der Weg, den wir auch gehen sollten.

Und Sie fügen sich den Beschlüssen der DFL?

Das ist ja ganz klar, dass wir das dann am Ende, wenn die Entscheidung so fällt und die Vereine gemeinsam abgestimmt haben, akzeptieren. Trotzdem werden wir weiter für verantwortungsvollen Umgang und Vertrauen in die Menschen werben.

Am Ende spricht natürlich die Politik und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ist skeptisch, dass überhaupt in diesem Jahr wieder Fans zurück in die Stadien dürfen. Besser ein paar Fans als keine?

Das wird noch eine interessante Diskussion sein, wo man auch die Fußballfans selber nicht vergessen darf. Es kann sein, dass die bei den einzelnen Vereinen unterschiedlich ausfällt. Die Position "alle oder keiner" gab es jetzt schon von einigen Seiten zu hören und wird auch bei uns im Verein intensiv diskutiert. Das Ganze hat auch verschiedenste organisatorische Komponenten und beginnt bei einem ganz simplen Problem: Wenn ich nur 1.500 Karten ausgeben darf, aber 30.000 Menschen gerne kommen wollen, wer bekommt die eigentlich? Ich glaube, wir alle, alle Bereiche der Gesellschaft, insbesondere diejenigen, die von Veranstaltungen leben, aber auch alle anderen sind aufgefordert, nach Wegen zu suchen, wie so etwas sinnvoll und mit größtmöglichem Schutz der Menschen zu ermöglichen ist. Der berühmte Satz "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" bricht sich ja immer wieder Bahnen. Wir erleben viele Verstöße gegen Corona-Auflagen in der Freizeit der Menschen, in Parks, auf den Straßen. Vielleicht auch deshalb, weil die Menschen inzwischen Schwierigkeiten haben, das durchzuhalten, diese Disziplin von morgens bis abends.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Martin Krebbers, rbb Inforadio.

Sendung: Inforadio, 05.08.2020, 07:45 Uhr

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36 Kommentare

  1. 36.

    Für die BL muss Union das Stadion umbauen. Kennen Sie die Anforderungen nicht? Dann surfen Sie auf der Seite Ihres Vereins mal. Sollte alles eig. in 2020 fertiggestellt werden. Und dann wären auch mehr Sitzplätze vorhanden.

  2. 35.

    Hä?! Union Berlin spielt seit 2009 durchgängig in der Bundesliga ('09 bis '19 in der 2. BL) und hat immer ohne Probleme die Lizens erhalten - auch für den Aufstieg in die 1. Liga. Und von welchen Forderungen schreiben Sie, die der FCU angebl. permanent stellt, Tre?

  3. 34.

    Union muss das Stadion bundesligatauglich machen. Das war Teil der Lizenz. Bis dahin muss man eben Kompromisse machen. Union kann sich nicht hinstellen, und immer nur fordern.

  4. 33.

    Wenn wie von C. Arbeit angegeben 30.000 Fans ein Spiel in einem 22.000er Stadion besuchen wollen, aber abzügl. der Dauerkarten, VIP Tickets etc. nur noch etwa 5500 Tickets für den freien Verkauf übrig sind, ist die Lösung: Losverfahren m. E. die gerechteste.

  5. 32.

    Nein ich hatte keinen Blackout, Jansen. Bei dem von Ihnen erwähnten Vorfall waren allerdings weniger die zwei Handvoll Fans, als vielmehr die beiden Spieler für den Verstoß gegen das Hygienekonzept verantwortlich. Ich halte es in diesem Fall mit Oliver Ruhnert, der zu der Aktion meinte: "menschlich verständlich, aber in diesen Zeiten nicht korrekt."

    Weiterhin gab es keine "etlichen Verstöße". Soweit mir bekannt, wurden (ausser gegen die beiden Baumkletterer) nur einmal von der Polizei Platzverweise ausgesprochen, und das war bei der Ankunft des FC Bayern Busses. Und das war auch kein Unioner Fanauflauf, sondern eine Mischung aus Journalisten, Spaziergängern sowie einigen Bayern- und Unionfans.

  6. 30.

    Kleine Erinnerungshilfe:

    https://www.rbb24.de/sport/beitrag/2020/06/union-berlin-ordnungsamt-party-bundesliga-klassenerhalt-bussgeld.html

    Und auch bei den vorherigen Spielen gab es etliche Verstöße, die durch den Verein noch provoziert wurden, indem man sich bei den Fans "bedankt" hat.

    Hatten Sie eventuell einen Blackout?

  7. 29.

    Der FCU hat schon über 11.000 Dauerkarteninhaber. Die Verlosung betraf ja nur die noch etwa 5500 Tickets/Spiel, die noch frei waren. Und welche Lösung meinen Sie, die Arbeit schon hat, Frank?

  8. 28.

    ... oder die, die sich mit den Spielern an der "Stadiongrenze" umarmt haben.... Alles verständlich aber zu Coronazeiten eher kontraproduktiv. Fußballfans - wohlgemerkt jeglicher Vereine - sind in Euphorie eben schlecht mit Regeln zu bändigen. Gruppendynamik und Alkohol tun ihr Übriges

  9. 27.

    Eben. Die Karten wurden bis jetzt verlost und werden es bei nur 1500 eben auch. Herr Arbeit fragte nach einer Lösung die er schon hat.

  10. 26.

    Ja, waren es. Biertrinkende grölende Fans. Aber es ist eben ein Feierverein und kein echter Fußballverein. Egal, was auf dem Platz geschieht, Sieg oder Niederlage, Hauptsache Feiern und Alkohol. Deswegen sind die Unioni auch so angepisst von der jetzigen Situation. Denn momentan gibt es nur Fußball und keine Feier

  11. 25.

    Zitat: ""1500 Karten wenn 30000 rein wollen" .... ihr kriegt nie 30000 ins Stadion. Wie habt ihr denn bis jetzt eure Kartenverteilung geregelt? .... reden um zu reden! ..."


    Die Tickets wurden per Losverfahren ausgegeben, da bei den von Christian Arbeit angegebenen 30.000 Anfragen/Spiel auf ein zu vergebendes Ticket etwa vier Interessenten kämen. Ob die Angabe nur beispielhaft ist oder der tatsächlichen Nachfrage entspricht, weiss ich nicht - aber, dass die Nachfrage das Angebot um ein vielfaches überstieg, ist Tatsache.

  12. 24.

    Welche Fans meinen Sie denn konkret, die sich nicht an Absprachen gehalten haben, Jansen - die zwei Unioner, die im Baum gesessen haben oder die zwei Dutzend, die die Abstandsregeln einhaltend vor dem Stadion unterstützendes Liedgut zum besten gegeben haben? Ja, das waren wirklich ganz eklatante Verstöße gegen die öffentliche Ordnung, ne?

  13. 23.

    Als die BL noch im ÖR Fernsehen übertragen wurde, war das anders, aber nun siehts halt keiner. Nen Abo für Sky oder so hol ich mir jedenfalls nich.

  14. 22.

    Es wird leider ein Traum bleiben..... die Vereine beugen sich.... nur ein zehntel der Fans wird zugelassen....alle mit Abstand.... auf dem Weg zum Sitzplatz oder dem Klo mit Maske .... Alkoholverbot....Kein anderer Fan als die eigenen ist zugelassen....
    Und ..... niemand geht hin .... die Sponsoren...naja warum werben wenn es keiner sieht....und die Fußballer setzen sich einfach auf den Rasen.
    Ein Traum....leider.

  15. 21.

    Also nochmal, und dieses Mal deutlicher, damit jeder versteht, was wir hier zögerlich umschreiben: die Fans aus der gegnerischen Mannschaft kommen nicht, damit sich nicht Blut- und Speichel-spritzend in den Kneipen gekloppt wird, lautstarkt mit Spuckefetzen mit den anderen diskutiert wird, warum EU besser/schlechter war. Eine "langweilige" weil nur heimische Fan-Kurve birgt viel weniger Potenzial, sich schlabberig anzustecken.

  16. 20.

    Hallo Alex, natürlich gibt es wichtigeres, aber was spricht dagegen nicht immer nur über Corona, Fallzahlen, böse Demos, Maskenverweigerer und und und zu sprechen.
    Es sagt keiner, dass Fussball das Hauptthema der Menschheit ist und wer davon nichts hören oder sehen möchte, bitte Augen und Ohren zu. Manch einer braucht auch mal eine Abwechslung in der Unterhaltung.

  17. 19.

    " ein " Fan ist sicher OK

  18. 18.

    Interessant ist ja, das ein Herr Söder weiterhin Spiele ohne Zuschauer fordert. Das kann ja für seinen coronaverseuchten Freistaat erforderlich sein. Aber man muß nicht von diesem auf alle anderen schließen.
    Ich sehe nicht ein verzichten zu müssen weil die Bayern die Coronaschutzregeln nicht einhalten können. Eventuell sollte man die Bundesliga ohne bayerische Vereine durchführen und diese für eine Saison unter Quarantäne stellen.

  19. 17.

    Mit diesem Argument, das sich Fans vor und nach dem Besuch des Stadions bei der Anreise oder in Kneipen anstecken könnten, dürfte man dann aber überhaupt keine Fans in den Stadien zulassen. Auch durch vorgestellte DFL-Konzept mit ausschließlich Sitzplätzen, Abstand und Alkoholverbot in den Stadien wird sich das nicht verhindern lassen. Es geht darum das hier per se Fussballfans vorab komplett entmündigt werden, während man dies bei Urlaubern (welche sogar fliegen dürfen) oder Parkpartybesuchern oder Demonstranten eben nicht macht.

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