Sebastian Hoeneß, neuer Trainer der TSG Hoffenheim. / imago images/Avanti
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Eine Berliner Geschichte - Der dritte Hoeneß in der ersten Reihe

Sebastian Hoeneß ist mehr als 160 Mal für die Reserve von Hertha BSC aufgelaufen. Als Trainer begann er in Zehlendorf. Nun steht der Sohn von Dieter und Neffe von Uli Hoeneß als neuer Hoffenheim-Coach im Rampenlicht. Von Johannes Mohren

Michael Stüwe-Zimmer hat in der vergangenen Saison viel dritte Liga geschaut. "Ich habe fast kein Spiel der U23 von Bayern München verpasst", sagt das Vorstandsmitglied von Hertha 03 Zehlendorf. Rein sportliche Gründe hat das weniger, auch wenn die Reserve des Rekordmeisters - ganz wie die großen Stars selbst zwei Ligen höher - in der Rückrunde von Sieg zu Sieg eilt und am Ende die Meisterschaft feiern kann. Die Augen von Stüwe-Zimmer gelten vor allem dem Mann an der Seitenlinie. "Basti", nennt er ihn, wenn er über ihn erzählt.

Stüwe-Zimmer - Spitzname: Zippo - spricht dann von einem 38-Jährigen, der einen der klingendsten Nachnamen im deutschen Fußball trägt: Sebastian Hoeneß. Für den 64-Jährigen ist er ein alter Bekannter. Basti, der Sohn von Dieter und Neffe von Uli, startete 2011 seine Trainerkarriere bei der A-Jugend in Zehlendorf. Damals coacht er auch Zippos Sohn. Nun steht er - nach einer furiosen Saison mit dem Bayern-Nachwuchs - ein Jahrzehnt später in der kommenden Saison bei der TSG Hoffenheim an der Bundesliga-Seitenlinie. "Das macht uns natürlich stolz. Da sehen wir unsere Philosophie bestätigt", sagt Stüwe-Zimmer.

Karsten Heine: "Immer Ansprechpartner"

Es ist der dritte Hoeneß, der nun ins Rampenlicht des deutschen Fußballs tritt - und damit endgültig aus dem Schatten seines Vaters und Onkels. Zwei Männer, die den deutschen Fußball über Jahrzehnte als Spieler und Verantwortliche geprägt haben. Immer meinungsstark, nicht selten polarisierend. Sebastian, so sagen diejenigen, die ihn kennen, sei ganz anders. Und Berlin ist ein guter Ort, um sich ihm - gewissermaßen der neuen Generation Hoeneß - anzunähern, denn die Stadt hat den heutigen Bundesliga-Coachs geprägt.

Auch Karsten Heine, inzwischen Trainer des Regionalligisten VSG Altglienicke, kennt Sebastian Hoeneß aus gemeinsamen Jahren bei Hertha BSC. Über viele Jahre ist der heute 65-Jährige verantwortlich für die zweite Mannschaft des Bundesligisten und Hoeneß sein Kapitän. Heine erinnert sich gerne an diesen. "Er war insbesondere, was Ordnung auf dem Platz betrifft und strategische Dinge anbelangt, immer Ansprechpartner", erzählt Heine - und: "Er hat sehr, sehr viel Ehrgeiz gehabt und konnte auch kein Spiel verlieren. Das hat schon sehr gut gepasst."

Als Spieler nie den Sprung nach ganz oben geschafft

Mehr als 160 Spiele macht Hoeneß zwischen 1999 und 2010 für die Zweitvertretung der Berliner. Es ist eine Karriere in der Regional- und Oberliga fernab des Fußball-Oberhauses, in dem Vater Dieter und Onkel Uli ihre Fußstapfen hinterlassen haben. Auf dem Platz waren sie für den Mittelfeldspieler - fußballerisch gestartet beim TSV Ottobrunn im Münchner Umland und später ausgebildet beim VfB Stuttgart - einige Nummern zu groß. Es ist nicht so, dass er es nicht versucht. 2006 wechselt er mit Mitte 20 zur TSG Hoffenheim, die damals unter Ralf Rangnick in der Regionalliga Süd gerade am Anfang ihres temporeichen Aufstiegs steht. Durchsetzen kann er sich jedoch nicht. Das Kapitel endet nach einer Saison.

Sebastian Hoeneß im Trikot von Hertha BSC II. / imago images / Kruczynski
Sebastian Hoeneß im Trikot von Hertha BSC II. | Bild: imago images / Kruczynski

Es geht zurück zur Dauer-Verein Hertha, zu Trainer Heine - und damit auch zu seinem Vater. Denn die Karriere von Sebastian bei den Berlinern fällt in die Zeit von Vater Dieter als Manager. "Jeder kann sich sicherlich vorstellen, dass das nicht einfach für ihn war", sagt Heine. Die üblichen Sprüche bleiben nicht aus. "Es war natürlich auch damals immer mal zu hören: 'Ja, der spielt nur, weil der Vater hier Manager ist.' Wer sowas erzählt hat: Das war schlichtweg totaler Blödsinn."

Unbeeindruckt von seinem Namen

Der junge Hoeneß selbst - so erzählen seine Weggefährten - lässt sich davon ohnehin nicht beirren. "Der Basti ist damit sehr gut umgegangen. Er ist konsequent seinen Weg gegangen. Das hat es super weggesteckt und es zeigt, was für einen starken Charakter er hat", sagt Heine. Der Name Hoeneß beeindruckt die anderen. Ihn selbst nicht. Das ist nicht anders, als er als A-Jugendtrainer nach Zehlendorf kommt. "Natürlich ist man immer ein bisschen beeindruckt vom Namen Hoeneß. Aber als ich dann das erste Mal mit ihm gesprochen habe: super aufgeräumt, super sympathisch, ruhige Art - also nichts von dem, was man von einem Hoeneß erwartet, wenn man so ein bisschen blöd vordenkt", sagt Michael Stüwe-Zimmer.

Sebastian ist nicht Dieter und nicht Uli. "Sebastian, der Besonnene", titelt das Fußball-Magazin "11Freunde" jüngst. Nicht einmal 30 Jahre alt ist er, als er seinen ersten Trainerjob in der Jugendabteilung von Hertha 03 Zehlendorf antritt. Ein guter Schritt, findet Heine damals wie heute. Und gleichzeitig typisch Hoeneß junior. Er braucht keine markigen Worte. Er überholt sich nicht selbst. "Ich habe das als sehr klug empfunden, dass er sich dort bei einem kleineren, guten Nachwuchsverein seine ersten Meriten verdient hat", sagt Heine.

Die zweite Begegnung mit Rangnick

Überrascht ist Heine damals nicht davon, dass aus seinem Kapitän Hoeneß ein Trainer wird. "Es ist Fakt, dass er sich schon als Spieler immer mehr Gedanken gemacht hat über den Fußball überhaupt. Das liegt ja auch in seiner Vita. Er konnte auch sehr kluge Hinweise geben. Natürlich ist so ein Spieler dafür prädestiniert", sagt der 65-Jährige. Und Sebastian treibt seine Laufbahn voran. Macht Trainerscheine, hospitiert bei Größen der europäischen Fußball-Welt wie Pep Guardiola. Und beeindruckt in Zehlendorf. "Das Training war einfach von Anfang an modern - super und ruhig in der Ansprache und abwechslungsreich", sagt Stüwe-Zimmer.

Das fällt freilich nicht nur im Südwesten Berlins auf. Es erinnert sich auch ein Mann an Sebastian Hoeneß, der ihn bereits ein Jahr in Hoffenheim erlebt hat - und in ihm offensichtlich weit mehr als einen Spieler gesehen hat, der sich auf dem Platz nicht durchsetzen konnte. Eben dieser Ralf Ragnick arbeitet zu diesem Zeitpunkt inzwischen bei RB Leipzig. Er lässt Hoeneß scouten - und was ihm über den Jugendtrainer Hoeneß berichtet wird, überzeugt ihn. So endet nach vielen Jahren die Zeit in Berlin.

Bescheidene Arbeit statt markige Worte

Es geht geografisch nach Sachsen. Und immer weiter nach oben - meist gemeinsam mit David Kre­cidlo. Sie sind Freunde auf dem Platz - und sind es an der Seitenlinie. Ein Rückhalt, der hilft. Denn Sebastian Hoeneß geht nicht immer den einfachen Weg. Im Gegenteil. 2017 wechselt er, zunächst als Coach der U19, zu Bayern München. Es ist der Klub, der ihm am Herzen liegt, aber gleichzeitig auch der, in dem sein Onkel zu diesem Zeitpunkt noch der Big Boss ist. Der ist gar nicht unbedingt begeistert davon, dass sein Neffe nun in den Verein kommt, erzählt Sebastian selbst später mal der "Süddeutschen Zeitung". Es ist Hermann Gerland, damals frisch Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, der sich für ihn stark macht. Und der am Ende dafür sorgt, dass ein weiterer Hoeneß an die Säbener Straße kommt.

Die Reaktionen sind gemischt. Als Spieler hat Sebastian Hoeneß mit den Stimmen leben müssen, er stünde in der Mannschaft von Hertha BSC II, weil sein Vater Manager sei. Als Trainer sind es nun nicht zuletzt die Bayern-Fans, die Vetternwirtschaft wittern, als er die U23 übernimmt. Es ist einer der Momente, in denen der große Name zur Bürde wird.

Aber wieder gelingt es ihm, die Menschen mit Leistung auf seine Seite zu ziehen. Der Lohn ist der nächste Schritt. Nun in die Bundesliga. Und Michael Stüwe-Zimmer wird wohl demnächst so manches Hoffenheim-Spiel verfolgen. Für Basti und David, die Ex-Zehlendorfer auf der großen Bühne Bundesliga.

Beitrag von Johannes Mohren

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