Der Cottbuser Brügmann im Zweikampf mit dem Altglienicker Schaffel. (Quelle: imago images/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 13.08.2020 | Johannes Mohren | Bild: imago images/Matthias Koch

Regionalliga Nordost | Saisonstart - Die Jagd beginnt

Am Wochenende geht es wieder los in der Regionalliga Nordost. Zwölf Teams aus Berlin und Brandenburg sind mit ganz unterschiedlichen Erwartungen dabei. Johannes Mohren über eine Liga mit viel Tradition, großem Favoritenkreis - und einer Zusatz-Motivation.

Was ist neu in dieser Saison?

Wenn am Samstag um 13:30 Uhr die Saison und damit die Jagd auf den Spitzenplatz beginnt, gibt es einen zusätzlichen Ansporn: Eine Chance, die nur alle drei Jahre wiederkommt. Der Tabellenerste steigt am Ende direkt auf. Ohne sich noch in Relegationsspielen durchsetzen zu müssen. "Das ist für viele Mannschaften eine Motivation", sagt Karsten Heine, Trainer der VSG Altglienicke.

Der Hintergrund? Fünf Regionalligen gibt es in Deutschland - aber nur vier Plätze für Aufsteiger in die dritte Liga. Das sorgt seit langem für Frust. Ab dieser Spielzeit sieht die Regelung nun vor, dass die Meister der Regionalliga Südwest und West immer direkt aufsteigen. Die übrigen Staffeln stellen zwei weitere Aufsteiger. In einem jährlich rotierenden System bekommt der Nordosten im Wechsel mit dem Norden und Bayern einen direkten Aufstiegsplatz in Liga drei - und ist in dieser Saison gleich am Zug. Die Erstplatzierten der anderen beiden Ligen ermitteln in Hin- und Rückspiel den vierten Aufsteiger. 2021/22 und 2022/23 wird der Schritt in die Drittklassigkeit - und damit den Profifußball - für den Nordost-Vertreter also wieder schwerer.

Bis der Meister und Aufsteiger in dieser Saison feststeht, dauert es 38 Spieltage. Die Regionalliga Nordost ist größer geworden. Zwanzig Teams sind mit dabei - vergangene Spielzeit waren es noch 18. Aus der dritten Liga sind Chemnitz und Jena in die vierte Liga abgestiegen. Aus der Oberliga kommen Tennis Borussia und Luckenwalde als Aufsteiger neu dazu. Aus sportlichen Gründen musste - wegen des Corona-Saisonabbruchs - niemand die Liga verlassen. Für Nordhausen und Erfurt geht es aber nach Insolvenzen zwangsweise in der Oberliga weiter.

Wer sind die Favoriten?

Es ist ein Jahrgang mit viel Tradition - und viel Klasse. Es sei "dieses Jahr schon seit vielen, vielen, vielen Jahren eine der besten Regionalligen, die es so gab", sagt Markus Zschiesche, Trainer von Tennis Borussia Berlin. Seine Liste der Top-Teams hat dementsprechend fast Überlänge. "Da sind die ganzen Vereine wie Lok Leipzig, Cottbus, Jena, Chemnitz. Ich zähle auch den Berliner AK dazu. Viktoria investiert viel. Bei Altglienicke ist es unglaublich, was die an Qualität gewonnen haben", sagt der 38-Jährige - und damit seien auch die ersten sieben, acht Plätze schon fast vergeben.

Es wird also ein enger Kampf um die Meisterschaft werden. "Die Liga ist sehr, sehr stark und wird durch die Absteiger aus der dritten Liga noch an Qualität zunehmen. Es wird eine breitere Spitze geben. Ich gehe davon aus, dass mehrere Mannschaften oben sehr lange um den begehrten ersten Platz spielen werden", sagt auch Heine. Der Altglienicke-Coach selbst übt sich zwar in Zurückhaltung: "Wir wollen oben mitspielen, ohne dass bei uns der Aufstieg als das erklärte Ziel ausgegeben ist." Und doch ist sein Team neben Drittliga-Absteiger Chemnitz, mit dem - trotz schwieriger finanzieller Phase, kurzer Vorbereitungszeit und großem Umbruch - ein echtes Schwergewicht in die Liga kommt, Favorit.

Erster war die VSG vergangene Saison, bevor diese coronabedingt abgebrochen wurde. Eine Quotientenregel brachte Lok Leipzig in die Relegationsspiele um den Aufstieg - allerdings erfolglos. "Natürlich war die Enttäuschung groß. Diese Quotientenregel war mir unbekannt. Ich habe es für einen Scherz gehalten. Für mich war es nicht sportlich fair. Jetzt ist das aber definitiv abgehakt", sagt Heine.

Wer könnte überraschen?

Eigentlich hätte hier der BFC Dynamo seinen festen Platz. Das Team von Christian Benbennek beendete die Saison auf Platz sechs, legte gerade in der Offensive personell - durchaus prominent - nach und machte keinen Hehl daraus, dass es in dieser Spielzeit gerne höher hinaus gehen darf. Dann kam jedoch am vergangenen Wochenende das Pokalspiel gegen Altglienicke. Mit 1:5 gingen die Weinroten unter. Zumindest ein Dämpfer für die eigenen Ambitionen, der den Glauben an eine Überraschung zunächst einmal nicht beflügelt.

Altglienicke-Trainer Heine hat derweil einen anderen Geheimtipp: ZFC Meuselwitz. "Sie arbeiten heimlich, still und leise unter guten Voraussetzungen", sagt der 65-Jährige über den Tabellenzehnten der vergangenen Saison. Und die Liste ließe sich noch erweitern. Um Hertha BSC II etwa, die vor der Corona-Pause teilweise offensiven Spektakel-Fußball zelebrierten. Oder aber Viktoria 1889, die nach Platz acht den nächsten Schritt machen wollen. "Wir wollen keine gute, sondern eine sensationelle Saison spielen", lässt sich Trainer Benedetto Muzzicato auf der Vereinsseite zitieren [viktoria-berlin.de]. Und wer weiß, wo eine solche hinführen könnte.

Für wen wird es eng?

Für die Aufsteiger Luckenwalde und TeBe dürfte es ein hartes Jahr werden. "Das oberrangige Ziel ist ganz klar der Klassenerhalt", sagt Trainer Markus Zschiesche. Für die Lila-Weißen ist es die erste Saison in der Regionalliga nach zehn Jahren Abstinenz. "Wir wollen aber auf jeden Fall mutig auftreten und keine Angst haben. Das wäre der größte Fehler. Wir können auch Fußball spielen", so Zschiesche. Er hat Lust auf die Herausforderung. "Es ist zwar eine schwere Liga, aber darin liegt auch der Reiz, sich jede Woche zu messen."

Neben den Aufsteigern werden die Teams zittern müssen, die sich auch in der vergangenen Spielzeit schon auf den hinteren Plätzen quälten. Somit heißt die Konkurrenz im Kampf um den Klassenerhalt Rathenow, Halberstadt, Bischofswerda oder auch Babelsberg, das nach einer Katastrophen-Saison, die - ohne Corona-Abbruch - womöglich im Abstieg geendet wäre, schwer berechenbar scheint. Wer noch unten reinrutschen könnte? Womöglich ein Team wie Lichtenberg 47 - auch wenn es in seiner Premierensaison mit Platz elf alle überraschte, und teils Top-Teams vom Platz fegte.

Dürfen bei den Spielen Zuschauer dabei sein?

Vereine aus fünf Bundesländern sind in der Regionalliga Nordost vereint. Eine Tatsache, die aufgrund regionaler Zuständigkeiten für Unterschiede sorgt: beginnend beim Trainingsbetrieb bis hin zur Zulassung von Zuschauern. Die einzelnen Vereine haben - auf Basis eines Musters - Hygienekonzepte entwickelt, die die Grundlage der Beurteilung durch die örtlichen Behörden sind. Ein Überblick über die Länder-Regelungen:

In Berlin findet der erste Spieltag noch ohne Zuschauer statt. Sie sind erst in der Folgewoche zugelassen. "Zuschauende sind unter Einhaltung der in § 6 festgeschriebenen Personenobergrenzen für zeitgleich Anwesende bei einer Veranstaltung, wobei die für den Spielbetrieb erforderlichen Personen bei der Berechnung der Personenobergrenze berücksichtigt werden, ab dem 21. August 2020 zulässig. Fan-Gesänge und Sprechchöre sind zu unterlassen", heißt es in der Infektionsschutzverordnung. Die Personenobergrenze beläuft sich demnach in der nachfolgenden Zeit bis zum 31. August auf 1.000 und zwischen dem 1. September und 24. Oktober auf 5.000 Menschen.

In Brandenburg dürfen schon zum Auftakt 1.000 Menschen im Stadion sein.

Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist von Beginn an Publikum dabei. Die Obergrenze liegt in Sachsen und Sachsen-Anhalt bei 1.000, in Thüringen bei 200 Personen. Jedoch gibt es Ausnahme-Genehmigungen. So darf etwa Carl Zeiss Jena auf seinem heimischen Ernst-Abbe-Sportfeld 1.895 Zuschauer empfangen. [Wie die Konzepte der mitteldeutschen Vereine aussehen, hat der mdr dezidiert aufgeschlüsselt.]

Der Verband sei froh, dass überhaupt vor Fans gespielt werden darf, sagt Holger Fuchs. "Sicherlich ist es keine befriedigende Situation, wenn wir hier so unterschiedliche Zuschauerzahlen haben. Es hat aber keinen Zweck zu jammern", so der Geschäftsführer des Nordostdeutschen Fußball-Verbands (NOFV), "wir müssen das akzeptieren und sagen: 'Bitteschön, wir wollen alles dazu beitragen - auch der Fußball hat keine Ausnahmerolle -, um hier die mögliche zweite Welle nicht mit zu verursachen.'"

Sendung: Inforadio, 13.08.2020, 12:15 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

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