Kinder spielen Fußball (Quelle: imago images/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 26.07.2020 | Anke Feller | Bild: imago images/Matthias Koch

Revolution im Kinderfußball - Viele Tore statt volle Ersatzbänke

Mehr Spaß und weniger Druck: Das soll eine neue Spielreform des DFB Kindern unter elf Jahren künftig bringen. Auch die Fußball-Verbände von Berlin und Brandenburg treiben die Umsetzung voran - mit unterschiedlichem Erfolg.

Sieben gegen sieben, mit Torwart, auf mittelgroße Tore und kleinem Spielfeld: So sieht es seit Jahrzehnten auf Deutschlands Fußballplätzen aus, wenn sich die Jüngsten an den Wochenenden duellieren. "Wenn ich eine spielstarke Mannschaft habe, hat die Abwehr da nichts zu tun", sagt Matthias Reer vom Fußball-Landesverband Brandenburg. "Das ist halt nicht kindgerecht", so der kommissarische Vorsitzende des Jugendausschusses über die bisherige Spielform.

Mehr Ballkontakte und weniger Druck

Deswegen hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sie eingeleitet: die Revolution im Kinderfußball unterhalb der D-Jugend (U12/U13). Auf vielen, noch kleineren Feldern, spielen zwei Teams mit je drei oder fünf Kindern gegeneinander. "Dadurch können gleichzeitig mehr Kinder spielen. Das heißt, die Ballkontakte erhöhen sich", erklärt Reer. Nach sieben bis zehn Minuten rotieren die Mannschaften auf den Feldern, Sieger- und Verliererteams treffen aufeinander. "Damit wird nach relativ kurzer Zeit sichergestellt, dass gleich starke Spieler wieder gegeneinander spielen. Das heißt, das Erfolgserlebnis ist viel größer, als wenn ich ein Spiel habe und 0:7 verliere", erklärt Matthias Reer.

Statt der zwei mittelgroßen Tore spielen die Kinder zudem mit insgesamt vier noch kleineren. "Dadurch gibt man dem Spieler auch schon frühzeitig Entscheidungsmöglichkeiten. Es müssen also auch im Kopf schnelle Entscheidungen getroffen werden." Vor allem der Druck soll mit der neuen Spielform von den kleinen Kickern genommen werden. Viele Tore und Spaß statt Tabellenstände und volle Ersatzbänke.

Pilotprojekt in Pankow gab in Berlin den Startschuss

"Das Konzept vom DFB ist dahingehend ausgerichtet, dass den Kindern mehr Spaß am Fußballspielen vermittelt werden soll, sodass die individuellen Fähigkeiten auf spielerische Weise weiterentwickelt werden sollen", sagt auch Andreas Kupper. Das Präsidialmitglied Jugend vom Berliner Fußball-Verband (BFV) hat schon vor anderthalb Jahren ein Pilotprojekt in Pankow gestartet. "Die waren ziemlich schnell begeistert und haben zur Probe erstmal einen Parallelspielbetrieb durchgeführt, um zu testen, wie es überhaupt ankommt. Aber das hat sich relativ schnell etabliert", erzählt er.

Teams können sich aktuell zwischen herkömmlicher und neuer Spielform entscheiden

Immer mehr Bezirke zeigten Interesse und wollten die Spielform übernehmen. Mittlerweile ist sie sogar fest in der Jugendordnung des BFV verankert. In der G- und F-Jugend setzen sie Berliner den "Mini-Fußball", wie sie ihn nennen, im Parallelbetrieb um. "Weil es ja eben doch noch ein paar Kritiker gibt. Da müssen wir noch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten."

Dass der Kinderfußball gut ankommt, hört Andreas Kupper aber immer häufiger. Etwa die Hälfte aller Mannschaften aus den beiden Spielklassen hat sich für die neue Spielform angemeldet, die andere macht vorerst mit dem herkömmlichen Staffelbetrieb weiter. "Aber ich denke mal, dass wird sich nach und nach durchsetzen", gibt er sich optimistisch.

"Die Kinder wollen spielen, Spaß haben und viele Tore erzielen. Auch der Druck von den Eltern soll nicht so groß sein. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass es ruhiger geworden ist auf dem Platz", berichtet er. Und auch vom DFB gab es Lob für die kontinuierliche Arbeit des Verbandes.

"Corona hat uns leider Strich durch die Rechnung gemacht"

Ganz so weit wie die Kollegen aus der Hauptstadt sind Matthias Reer und seine Mitstreiter vom Fußball-Landesverband Brandenburg noch nicht. Der Verband ist in acht Fußballkreise aufgeteilt, die unterschiedlich stark engagiert sind. Im Havelland beispielweise werde die Spielform schon seit mehreren Jahren umgesetzt. Um auch die restlichen Fußballkreise des großen Bundeslandes weiter für den Kinderfußball zu begeistern, hat der Verband im vergangenen Jahr einige Festivals veranstaltet. "Die Corona-Pause hat uns da leider einen Strich durch die Rechnung gemacht", sagt Reer. Denn in Pandemiezeiten ist ein Turnier mit vielen Kindern und Eltern auf einem Haufen gerade schwierig zu organisieren.

Hier und da gibt es auch in Brandenburg noch Skepsis, Matthias Reer und seine Verbandskollegen sind aber vom Konzept überzeugt. "Wenn man das alles in einen Topf wirft, sind das Sachen, die dem Kindlichen entgegenkommen: viele Ballkontakte, viele Torerlebnisse, Entscheidungen treffen. Also das, was auf dem Bolzplatz eigentlich normal ist." Und ein Bild, dass sich in den kommenden Jahrzehnten im Kinderfußball etablieren soll.

Sendung: Inforadio, 26.07.2020, 14:24 Uhr

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