Berlin Marathon am Brandenburger Tor (Quelle:imago/Tilo Wiedensohler)
Video: Uri Zahavi | Bild: imago/Tilo Wiedensohler

Der etwas andere Berlin-Marathon - Einsam gemeinsam

Das letzte September-Wochenende steht in Berlin traditionell im Zeichen der Läufer, auf der schnellsten Marathon-Strecke der Welt. Das ist auch 2020 so, nur ohne klassischen Marathon, dafür aber mit App, Challenge und einem etwas anderen Weltrekordversuch.

Unvergessen bleiben die Bilder vom 16. September 2018: Weltrekord, wieder einmal in Berlin. Mit hochgerissenen Armen lief Eliud Kipchoge lachend über die Ziellinie. "Ich liebe Berlin, es ist die schnellste Strecke überhaupt, mit großartigen Fans", sagte der Olympiasieger. Die Hauptstadt ist bekannt für die schnellste Marathonstrecke der Welt. Die Bedingungen im Frühherbst sind ideal. In den vergangenen 20 Jahren wurde in Berlin der Weltrekord achtmal gebrochen.

In diesem Jahr wird Kipchoge nur digital dabei sein können, in gewohnter Form findet der Marathon nicht statt, eine Laufveranstaltung wird es aber trotzdem geben. Vier der besten 10.000-Meter-Läufer Deutschlands jagen Kipchoges Weltrekord in einer Staffel. Philipp Flieger, Richard Ringer, Florian Orth und SCC-Läufer Johannes Motschmann werden Runden um die Siegessäule laufen. Der Weltrekordmann selbst zeigt sich begeistert: "Mein Ratschlag lautet: Probiert es. Vergesst nicht, ihr könnt alles schaffen. Ich habe es geschafft, warum also nicht auch ihr?"

Die "02:01:39 Challenge"

Kurzfristig hat sich auch eine Damen-Staffel um die Berlinerin Deborah Schöneborn formiert, der jüngeren Schwester der Fünfkampf-Olympiasiegerin Lena Schöneborn. In ihrem Team laufen Anja Scherl, Melat Kejeta und Christina Gerdes. Auch die Frauen wollen die Rekordzeit von 02:01:39 angreifen.

Der Modus ist ganz einfach. Jede Läuferin und jeder Läufer absolviert zwei Runden um die Siegessäule und übergibt an den nächsten Starter, so lang bis die Zeit abgelaufen ist. Da bleibt zwischendurch nur wenig Luft, um sich zu erholen. Wollen die Eliteläufer den Weltrekord von Kipchoge knacken, müssen sie die Siegessäule innerhalb des Zeitlimits 105-mal umrunden.

Für die Athleten ist ein Start nach einer langen Zeit ohne Wettkämpfe. "Es war eine harte Zeit. Der London-Marathon wurde abgesagt, dann die Olympischen Spiele verschoben. Das Schwierigste war aber isoliert und allein trainieren zu müssen", erklärt Eliud Kipchoge.

Spezielle App geht an den Start

In diesem Jahr wird auch für die Jedermänner alles anders, dennoch werden viele Berliner am Sonntag die Sportschuhe anziehen. Es gibt keine Massenveranstaltung, trotzdem wird irgendwie gemeinsam gelaufen - allerdings jeder für sich, verbunden über eine App.

Der Sport Club Charlottenburg (SCC) ruft zur "02:01:39 Challenge" auf. Die Aufgabe: möglichst viele Kilometer in zwei Stunden, einer Minute und 39 Sekunden laufen, also in jener Zeit, in der Eliud Kipchoge 42,195 Kilometer absolviert hat. Dabei ist es egal, ob in Laufschuhen, Inlineskates, per Handbike oder im Rollstuhl angetreten wird. Seit Dienstagnachmittag steht die App zum Download bereit. Neben dem klassischen Tracking liefert sie spezifische Ergebnisse. Eine eigene Lauf-Playlist und Audiokommentare unterstützen die Hobbysportler.

Zwischen Samstag 00:01 Uhr und Sonntag 23:59 Uhr kann weltweit an der Challenge teilgenommen werden. Die zurück gelegten Kilometer müssen am Stück gelaufen werden. Kurze Pausen sind natürlich erlaubt, aber die Challenge-Uhr läuft weiter.

22.03.2020, Berlin: Eine Joggerin macht in der Vormittagszeit vor der Siegessäule ein Foto mit ihrem Smartphone (Quelle: dpa/Fabian Sommer)105 Runden müssen die Läufer um die Siegessäule drehen, um den Weltrekord zu knacken.

Der Marathon im Fernsehen und im Livestream

Der rbb ist mit seinen Reportern an unterschiedlichen Punkten entlang der klassischen Marathon-Strecke auf der Suche nach den Hobbyläufern unterwegs, alles unter Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln. Zwischen 09 Uhr und 11:30 Uhr wird dieses besondere Laufspektakel am Sonntag im rbb Fernsehen übertragen.

Online gibt es Profis und Jedermänner auf der rbb-Sport-Facebook-Seite und im Livestream auf rbb24.de zu sehen. Der ein oder andere Star der Szene, wie etwa Deutschlands-Topsprinterin Gina Lückenkemper, wird über die sozialen Netzwerke mit dabei sein.

Sicherlich wird auch Eliud Kipchoge diesen einzigartigen Marathon verfolgen, der den Läufern noch einen Tipp mitgibt: "Ich mache am Start manchmal den Fehler und denke zu viel, was passiert in fünf Kilometern, was in zehn. Aber dann versuche ich mich zu konzentrieren und den Tempomachern zu folgen. Ein Marathon ist so lang, erst nach der Hälfte der Strecke kann ich sagen, ob es eine gute Zeit wird."

Tempomacher wird es am Sonntag wohl keine geben. Jeder läuft für sich allein, aber mit der mentalen Unterstützung von ganz vielen, die den Tiergarten durchstreifen werden.

Sendung: rbbUM6 | 22.09.20 | 18:00 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

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