Unions Spieler bedanken sich nach dem Test gegen Nürnberg bei den Fans. Quelle: imago images/Bernd König
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Gelungene Fan-Rückkehr bei Union - Fußball ist wieder emotional

Unions erstes Spiel vor Zuschauern seit März stand unter strenger Beobachtung. Im Ergebnis sorgten ein gutes Hygienekonzept und verantwortungsvolle Fans für einen gelungenen Abend – der sehr emotional wurde. Von Till Oppermann

Dass 50 Minuten vor Anstoß eines Spiels des 1. FC Union mehr Leute die Tram am FEZ verlassen als am Stadion an der Alten Försterei, ist ungewöhnlich. Am Samstag vor dem letzten Testspiel der Köpenicker gegen den 1. FC Nürnberg hat das zwei Gründe: Erstens dürften wegen der Corona-Auflagen des Berliner Senats höchstens 5.000 Menschen in die Alte Försterei. Und zweitens sind die meisten Union-Mitglieder, die eines der begehrten Tickets ergattern konnten, schon viel früher gekommen.

Ganze 188 Tage waren vergangen, seit sie das letzte Mal in die Alte Försterei durften. Stadionsprecher Christian Arbeit spricht später von einem "unbeschreiblichen Gefühl", und meint damit wohl weniger den 2:1-Sieg zu Hause sondern die Fankulisse. Zum Anpfiff verdrückt er einige Tränen – und ist an diesem Spätsommerabend nicht der einzige, dem es so geht.

Trotz Fans fühlt sich vieles anders an

Selbst wenn man von den Gesichtsmasken absieht, ist das veränderte Union-Erlebnis unter Corona-Bedingungen schon im Wald rund um das Stadion mit allen Sinnen erlebbar. Zum Beispiel sind auf dem ganzen Weg vorbei am alten Forsthaus zum Fanshopcontainer nur zwei ordentlich auf einem Stromkasten drapierte Bierpullen zu sehen, obwohl die Flaschensammler mit ihren klirrenden Einkaufswägen voller Leergut diesmal nicht gekommen sind, um abzuräumen. Statt lautem Stimmengewirr kann man nur einigen leisen Gesprächen lauschen. Die Vorfreude ist den Rot-Weißen trotzdem anzusehen.

In der langen Schlange am Einlass beachten die Unioner eisern den Sicherheitsabstand von 1,50 Meter – ganz ohne die normalen Rempeleien im Gedränge. Und selbst der Geruch ist ein anderer: Die großen Grills im Biergarten zwischen Waldseite und Haupttribüne bleiben kalt. Anders als sonst tragen also keine Rauchschwaden den typischen Holzkohlegeruch ins Stadion. Bei den hungrigen Fans auf der Sitztribüne feiert in Ermangelung von Rostbratwurst und Steak deshalb die Bockwurst ihre Renaissance.

Das Konzept geht auf

Es scheint, als sei sich jeder bewusst, was auf dem Spiel steht. Das Gesundheitsamt Treptow-Köpenick hatte Unions Infektionsschutzkonzept im Vorfeld nur unter strengen Auflagen genehmigt. Am Samstag kontrollieren die wachsamen Augen von Denis Hedeler, Hygienereferent des Bezirksamts, den Praxistest. Er wirkt begeistert. Der 1. FC Union habe die hygienerelevanten Vorgaben hervorragend umgesetzt und die Zusammenarbeit sei sehr professionell verlaufen, so Hedeler nach dem Spiel im Statement seiner Behörde.

"Besonders beeindruckt bin ich von den Fans, die die notwendigen Maßnahmen annehmen und die Hygieneregeln einhalten." Damit bestätigt er Vereinspräsident Dirk Zingler. Der war in Vergangenheit immer wieder in die Kritik geraten, als er auf verschiedene Wege versuchen wollte, das Stadion wieder zu füllen. Vielen gingen diese Pläne zu schnell. Zingler setzt auf die Vernunft der Menschen. Man könne nicht alles verbieten, sondern müsse den Raum für eigenverantwortliches Handeln schaffen. "Das haben heute tausende Unioner hervorragend gemacht."

Union bleibt Union

Vielleicht halten sich die Fans auch an die Regeln, weil die Ordner im Stadion freundlich, aber bestimmt auf die Einhaltung der Maskenpflicht und des Abstandes auf dem Weg zu den Plätzen auf den Tribünen hinweisen. Entgegen der Befürchtungen vieler Fans müssen sie das Spiel aber nicht zwangsläufig allein verfolgen – zu zweit darf man zusammensitzen oder -stehen.

Fahnen haben sie heute nicht dabei. Selbst der sonst so dicht mit Bannern behängte Zaun bleibt fast komplett frei. Als die Spieler auf den Platz kommen, hebt die Menge zu einem ohrenbetäubenden Lärm an. Klatschend und schreiend bricht sich all der Stolz über den Geister-Klassenerhalt und die Rückkehr ins Stadion bahn. "Ein gutes Gefühl", sagt Cheftrainer Urs Fischer später. Er habe Gänsehaut gehabt, "auch wenn das Stadion nicht voll war."

Vielleicht liegt es daran, dass niemand in den letzten Monaten tausende Kehlen singen gehört hat, aber schließt man in diesem Moment die Augen, könnte die Alte Försterei auch prall gefüllt sein.

Das Ziel bleibt die volle Försterei

Das bleibt weiter das erklärte Ziel des Vereins. Schon vor Anpfiff schwört Arbeit die Fans auf den verantwortungsvollen Stadionbesuch ein: "Wir zeigen heute, dass wir das können", ruft er den Fans entgegen. "In der Hoffnung, dass bald wieder alle dabei sein dürfen."

Sein Chef Zingler drückt etwas auf die Bremse. Nachdem seine Maximalforderung von 22.000 Fans, die vor und nach dem auf Covid-19 getestet werden, bei DFL und Politik auf taube Ohren gestoßen ist, wählt er andere Töne. "Das heute war ein erster Schritt", sagt Zingler. Von nun an müsse man Stück für Stück denken. Und genießen, was man schon gewonnen hat. Denn: "Der Tag hatte ganz besondere Momente."

Damit meint Zingler nicht nur den lauten Gesang der Fans, die 90 Minuten versuchen, sich und das Team zu feiern, sondern zwei Höhepunkte, die ohne Zuschauer nicht halb so schön gewesen wären: Der Abschied des ehemaligen Kapitäns Felix Kroos und die Rückkehr der Stimmungskanone Akagi Gogia machen das Fußballspiel emotional.

Felix Kroos wird verabschiedet

Weil Kroos‘ Wechsel nach Braunschweig gerade noch rechtzeitig öffentlich wurde, war dem Aufstiegshelden noch ein echter Abschied vergönnt. Als er in der Halbzeit eine Ehrenrunde dreht, machen die Zuschauer lautstark klar, dass er in Köpenick immer willkommen sein wird.

Seine Bedeutung für den Club zeigt, dass auch die Ultras sich zu Wort melden, die am Samstag ansonsten nicht als Gruppe auftreten. Am Parkplatzzaun hängt ein Transparent, auf dem sie sich verabschieden: "Ein großes Herz, ein feiner Fuß – Danke Felix, Eiserner Gruß."

Akagi Gogia ist wieder fit

In der Schlussphase folgt ein weiteres Highlight. Schon als Co-Trainer Sebastian Bönig den Auswechselspielern das Trikot mit der Nummer 7 entgegenhält, geht ein Raunen durchs Publikum. Als Akagi Gogia kurz darauf fast ein Jahr nach seinem Kreuzbandriss wieder den Rasen betritt, spendet das ganze Stadion stehende Ovationen. Er sei unglaublich glücklich über das Ende seiner Leidenszeit, sagt Gogia nach Abpfiff. "Der liebe Gott hat auf mein Comeback gewartet und dann doch noch die Fans ins Stadion gelassen", scherzt er.

Viele von ihnen bleiben bis lange nach Abpfiff. Wie Felix Kroos, der noch 15 Minuten nach Abpfiff mit Frau und Kind im Arm mit leerem Blick ins Stadion schaut - als wolle er den Moment nicht loslassen.

Sendung: rbbUM6, 06.09.20, 18:00 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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5 Kommentare

  1. 5.

    Wieder zeigt Union, dass der Verein mit den Fans eine Einheit bildet. Union braucht die Fans wie die Luft zum Atmen und tut alles dafür, sie wieder ins Stadion zu bekommen. Das ist super!

  2. 3.

    Es war einfach geil und ich muss sagen das ich erst bedenken hatte aber der echte unioner tut alle für seinen Verein

  3. 2.

    Ich hatte leider kein Glück bei der Ticket-Verlosung. :-( Freue mich aber, dass alles so gut geklappt hat und natürlich auch über den Sieg gegen den Clubb.

  4. 1.

    Wer hätte gedacht, dass EU-Fußballfans sich besser in Berlin benehmen können als angereiste Schwaben?
    Ich hoffe, davon schauen sich einige was ab..

    Toll gemacht, danke und natürlich Gratulation! Vorbildlich. In jeder Beziehung.

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