Stürmer Krzysztof Piątek nach einem Testspiel von Hertha BSC. Quelle: imago images/Bernd König
Bild: imago images/Bernd König

Kommentar | Quarantäne von Hertha-Profi Piatek - Alles Amateure

Hertha BSC muss im DFB-Pokal auf seinen Mittelstürmer Piatek verzichten. Der Verein ist deshalb unzufrieden mit dem polnischen Verband. Dabei sitzen die Hauptschuldigen ganz woanders. Ein Kommentar von Ilja Behnisch.

Krzysztof Piątek wird Hertha BSC in der ersten Runde des DFB-Pokals bei Eintracht Braunschweig nicht zur Verfügung stehen. Der Stürmer war mit der polnischen Nationalmannschaft für ein Nations-League-Spiel in das Corona-Risikogebiet Bosnien-Herzegowina gereist und muss nun nach seiner Rückkehr und aufgrund einer Verordnung des Gesundheitsamtes Charlottenburg-Wilmersdorf für fünf Tage in Quarantäne.

Wollte man der Sache etwas Positives abgewinnen, könnte man sagen: Der Berliner und der europäische Fußballverband (Uefa) bewegen sich immerhin spätestens jetzt auf Augenhöhe.

Getreu dem Motto: alles Amateure.

Labbadia: "Wir sind die Leidtragenden"

Zwar hatte der Weltverband Fifa die Abstellungspflicht für genau solche Fälle aufgehoben, der polnische Verband der Hertha versprochen, Piątek nicht mit nach Bosnien-Herzegowina zu nehmen und zuvor noch versucht, das Spiel in ein Nicht-Risikogebiet zu verlegen. Doch am Ende kam alles anders. Das Spiel in Zenica, rund 70 Kilometer von Sarajevo entfernt, fand am Montagabend statt. Und Piątek? Saß beim 2:1-Sieg seiner Polen 90 Minuten auf der Bank.

"Das ist schade, wie das gelaufen ist, vor allem sind wir die Leidtragenden. Für uns ist es ärgerlich und für den Spieler bitter", sagte Bruno Labbadia bereits vor dem Spiel im Rahmen einer Medienrunde und sichtlich angefressen. Immerhin für Piątek hat er Verständnis: "Dass er zum Saisonstart in Quarantäne muss, gefällt ihm gar nicht. Er sollte unbedingt für sein Land spielen, in so eine Situation sollte man einen Spieler nicht bringen".

Der Groll sollte der Uefa gelten

Und auch wenn die Verantwortlichen der Hertha nun unzufrieden sind mit dem polnischen Verband, sollte der Groll vor allem der Uefa gelten.

Denn ähnlich wie der Berliner Fußballverband, der die Saison in den Amateurligen kurz vor ihrem Start stoppte, scheint auch die Uefa vor allem eines zu sein: komplett unflexibel. Wer angesichts einer weltweiten Pandemie und der damit einhergehenden Einschränkungen der letzten Zeit an althergebrachten Spielansetzungen festhält, hat entweder die Tragweite der Lage nicht erfasst oder aber, schlimmer noch, nur den eigenen Vorteil im Sinn.

Verhängnisvolle Motivlage der Uefa

Denn während der Berliner Fußballverband kaum aus finanziellen Gründen so tat, als sei alles wie immer und eine Saison plante, als seien die Corona-Maßnahmen nur eine blasse Erinnerung, geht es im Profifußball um eine weitaus verhängnisvollere Motivlage für Ignoranz: Geld.

Dabei ist diese Nations League, die nun inmitten der Saisonvorbereitung der Vereine zwei Spieltage durchknüppelte, ein ganz eigenes Krankheitsbild der Gier. Ja, auf verschlungenen Wegen gibt es Qualifikationsplätze für die Europameisterschaft zu gewinnen und Punkte für den Uefa-Koeffizienten, was noch weniger sexy ist, als es klingt. Vornehmlich aber sollte die Nations League Freundschaftsspiele ersetzen und dafür sorgen, dass die besten Spieler eines Landes auch wirklich immer auflaufen, statt sich für den Testkick gegen Absurdistan mit einer "harten Wade" abzumelden.

Tatsächlich waren der Uefa diese von den nationalen Fußballverbänden vereinbarten Länderspiele wohl einzig deshalb ein Dorn im Auge, weil sie nicht unter ihrem Dach abgehalten wurden und somit nichts für dessen Vergoldung einzahlten.

Das Problem bleibt

Freundschaftsspiele gibt es dennoch weiterhin. Für die deutsche Nationalmannschaft etwa allein zwei noch in diesem Jahr. Am 7. Oktober gegen die Türkei sowie am 11. November gegen Tschechien. Jeweils vor einem Doppelspieltag in der Nations League, weshalb die Mannschaft von Bundestrainer Jogi Löw im Jahr 2020 also noch sechs Einsätze vor der Brust hat. Innerhalb von etwas mehr als einem Monat.

Und während sich im Amateurfußball die Frage stellte, wie zwischen F-Jugend und Alte Herren die Kabinen- und Platznutzung zu gewährleisten sei, wird sich der Profifußball auch in Zukunft damit beschäftigen müssen, Spieler zwischen Vereins- und Nationalmannschaft, zwischen Risikogebieten und der oft hermetisch abgeschirmten Blase der einzelnen Klubs hin und her zu verschieben. Quarantäne inklusive.

Oder um es mit Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandschef des FC Bayern München und Uefa-Kommissionsmitglied zu sagen: "Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem unsere Spieler zu oft auf dem Platz stehen. Wir müssen die Belastung reduzieren. Es muss mehr um den Fußball, und weniger um das Finanzielle und Politische gehen."

Das Traurige an dieser Aussage: Sie stammt aus dem März 2017.

Sendung: Inforadio, 08.09.2020, 10:15 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Und der größte Amateur ist offenbar Herr Behnisch. Man kann die UEFA gerne kritisieren, aber wenn der polnische Verband auf Piatek besteht und ihn dann nicht mal einsetzt, ist die Schuldfrage geklärt.

Das könnte Sie auch interessieren

Collage: Andreas Luthe 1. FC Union Berlin / Rafal Gikiewicz Torwart FC Augsburg (Quelle: imago images/Robin Rudel/Klaus Rainer Krieger)
imago images/Robin Rudel/Klaus Rainer Krieger

Union Berlin startet gegen Augsburg - Auftakt mit Torwarttausch

Der 1. FC Union startet mit erlaubten 4.400 Fans im Stadion an der Alten Försterei in die neue Saison. Während Unions Ex-Keeper Rafal Gikiewicz mit dem FC Augsburg zurück nach Berlin kommt, trifft sein Nachfolger ebenfalls auf seinen Ex-Verein. Von Stephanie Baczyk