Peter Pekarik jubelt (Quelle: imago images/Nordphoto)
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Saisonstart von Hertha BSC - Mehr als drei Punkte

Am Samstag gewann Hertha BSC zum ersten Mal seit 2006 in Bremen. Warum der Sieg auch statistisch mehr als verdient war und welche Lehren sich für die kommenden Wochen ziehen lassen, erörtert Ilja Behnisch

Es war ein anstrengender Samstag für Bruno Labbadia. Allein schon, weil er einer dieser Trainer ist, die die Torchancen ihrer Spieler Bewegung für Bewegung nachahmen. So wie in der 19. Minute, als Herthas Stoßstürmer Krzysztof Piątek nach einer Peter-Pekarik-Flanke zum Kopfball ansetzte: Labbadia schnellte auf die Zehenspitzen hoch, drückte das Kreuz durch und köpfte in Gedanken mit. Doch zumindest in diesem Moment half es nichts. Piąteks Kopfball berührte lediglich die Latte und die Partie Bremen gegen Hertha blieb weiter torlos. Oder wie es der ARD-Radioreporter sagte in seinem Zwischenfazit Mitte der ersten Halbzeit: "ein grandioses Gegrätsche".

Aus Berliner Sicht hätten man an dieser Stelle entgegnen können: immerhin. Oder wie Peter Pekarik nach dem Spiel befand: "In der Defensive waren wir kompakter und aggressiver in den Zweikämpfen. Das hat uns in Braunschweig gefehlt." Bei jener Pokalschlappe, die gleich schon wieder die ganz großen Fragen und Zweifel aufwarf rund um den vermeintlichen "Big City Club".

Dass Hertha viele dieser Fragen gegen Werder Bremen in Wohlgefallen auflöste, lag dann auch maßgeblich an Pekarik. Ausgerechnet Pekarik, dieser Gegenentwurf zu den funkelnden Plänen von Herthas Investor Lars Windhorst. Ein schnörkelloser Rechtsverteidiger, der einfach schon immer da war und immer abliefert. Wie ein VW Käfer in einer Rennserie von Supersportwagen.

War Hertha so gut? Oder Bremen so schwach?

Aber er läuft und läuft und läuft nicht nur, dieser Peter Pekarik, in Bremen war der Slowake gleich noch der Torschütze zum 1:0 kurz vor der Halbzeitpause. Danach wurde es so richtig anstrengend für Bruno Labbadia, denn fortan lief es bei der Hertha. So dass selbst Werder-Trainer Florian Kohfeldt nach der Partie einräumen musste: "Es war eine verdiente Niederlage, auch wenn sie etwas zu hoch ausgefallen ist."

Doch war Hertha wirklich so gut? Oder Bremen einfach so schwach?

Die Antwort muss wohl lauten: beides. Spielerisch lief bis zum Führungstreffer wenig bei der Hertha, die Bestrafung durch ebenso harmlose Gastgeber blieb allerdings aus. Dennoch gab sich Torhüter Alexander Schwolow hinterher zufrieden: "Wir haben gut verteidigt, ich konnte mich auch zeigen (...) Kompliment auch an die Jungs vor mir, Dedo und Jordan haben in der Luft alles weggeräumt."

Die Zahlen sprechen für Hertha

Nun zählen "Dedo" (Boyata) und "Jordan" (Torunarigha) von Berufs wegen zur Abteilung Räumkommando. Viel erstaunlicher an diesem ersten Saisonsieg der Hertha war, dass selbst das inzwischen so exquisite Offensivpersonal vorbildlich verteidigte. So brachte Piątek nicht nur bemerkenswerte 100 Prozent seiner Pässe an den eigenen Mann, sondern leistete sich nebenbei auch noch vier Fouls am Gegner. Das ist zwar nicht erlaubt, zeugt aber von Einsatz und war der Topwert aller Bundesliga-Profis an diesem ersten Spieltag der Saison.

Und Piątek blieb nicht allein mit seinem Topwert. Gleich 20 Zweikämpfe konnte etwa sein Sturmkollege Matheus Cunha für sich entscheiden. Einzig Unions Christopher Lenz sowie Bayern Münchens Linksverteidiger Lucas Hernandez konnten mehr direkte Duelle gewinnen.

Mannschaft muss so gut sein wie die Summe der Einzelteile

Vladimir Daridas Rang zwei bei der gelaufenen Distanz (13,1 Kilometer, nur Bielefelds Marcel Hartel hatte mehr) und Rang eins bei den intensiven Läufen (109), ist hingegen fast schon gute alte Tradition. Dass der Tscheche dabei von Neuzugang Lucas Tousart (Dritter bei der gelaufenen Distanz und den intensiven Sprints) Konkurrenz im eigenen Team bekam und zugleich zwei der vier Tore vorbereitete, dürfte Herthas Verantwortliche allerdings umso zuversichtlicher in die kommenden Wochen schauen lassen.

Zumal auch jene Zahlen für Hertha sprachen, die die gesamte Mannschaftsleistung in Betracht ziehen: Hertha hatte mehr Ballbesitz, eine höhere Quote angekommener Pässe, mehr Sprints, mehr Laufleistung, mehr gewonnene Zweikämpfe. Und letztlich mehr Tore.

Womit der Saisonauftakt mehr als nur drei Punkte mit sich brachte, sondern womöglich einen Fingerzeig für die gesamte Spielzeit. Denn vielleicht ist Hertha als Mannschaft mit dieser Spielart nicht besser als seine Einzelteile. Angesichts der gehobenen Qualität dieses Kaders würde aber wohl zunächst auch genügen, sie wäre exakt so gut wie die Summe dieser Einzelteile.

Nur einen Nachteil hätte das Ganze: Für Bruno Labbadia bliebe es wohl anstrengend.

Sendung: rbb UM6, 21.09.2020, 18 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

1 Kommentar

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  1. 1.

    'Mehrwert' in durch Informationsgehalt, eingerahmt in die persönlichen Beobachtungen zu einer bestimmten Person (hier BL).
    Zwar bin ich kein Schreib-Profi, dennoch wirkt dieser Beitrag wie genau die Art von Journalismus, wie sie in der heutigen Medienwelt nur noch schwer zu finden ist: Ohne reißerischen Überschriften, frei von überzogenen Superlativen und der zwanghaften Nutzung von Jugendsprache.

    Danke RBB und danke Ilja Behnisch!

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