Lucas Tousart (Mitte) im Zweikampf mit Djibril Sow (Quelle: imago images/König)
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Beim Heimdebüt des Rekordeinkaufs - Frankfurt zeigt, was Hertha noch lernen will

Ein genauer Blick auf Herthas Rekordeinkauf Lucas Tousart hilft, um zu verstehen, welche Ursachen die verdiente Niederlage zum Heimauftakt gegen Eintracht Frankfurt hatte. Die Mannschaft kann aus dem Spiel wichtige Lehren für die Saison ziehen. Von Till Oppermann

Als die Fernsehkameras im Berliner Olympiastadion in der 44. Minute des Freitagsspiels gegen Eintracht Frankfurt Bruno Labbadia einfingen, kehrte der Hertha-Coach dem Geschehen auf dem Rasen sichtlich entnervt den Rücken zu und blickte starr auf den Boden. Völlig verdient lag Hertha zu diesem Zeitpunkt mit 0:2 zurück. Und jetzt hatte auch noch Lucas Tousart, der 25-Millionen-Euro-Einkauf aus Frankreich, einen einfachen Pass völlig unbedrängt ins Seitenaus geschoben. Die Aktion steht sinnbildlich für die Leistung der Berliner im ersten Durchgang. "In der ersten Halbzeit war das heute einfach zu wenig", kommentierte Labbadia nach dem Spiel. Insbesondere das Zweikampfverhalten sei gegen einen körperlich agierenden Gegner nicht zureichend gewesen. Doch auch ein völlig uninspiriertes Aufbauspiel, die fehlende Passschärfe und Konzentration, sowie eine mangelhafte Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen brachte die instabilen Charlottenburger ins Wanken.

"Wir haben die erste Halbzeit verschlafen"

Obwohl Labbadia zur Pause gleich drei Mal wechselte, durfte Tousart auf dem Feld bleiben - auch wenn er im Ballbesitzspiel nicht nur in der 44. Minute eine äußerst unglückliche Figur gemacht hatte. Vielleicht, weil der 23-Jährige einer der wenigen Herthaner war, der das ganze Spiel über keinen Zweikampf scheute. Selbst als Frankfurt dominierte, ging Lucas Tousart seinen Gegenspielern immer wieder aggressiv entgegen. Am Ende ist er mit 13 gewonnenen Duellen in dieser Kategorie der beste Berliner. Als Keeper Alexander Schwolow kritisiert, dass seine Mannschaft nicht präsent gewesen sei und dass das Zweikampfverhalten nicht gestimmt habe, ist nicht der Franzose gemeint. Wenn Schwolow allerdings sagt: "Wir haben die erste Halbzeit verschlafen", sollte sich auch Tousart angesprochen fühlen. Denn es war sein Foul zum Freistoß vor dem 0:2, das eine der größten Schwächen der Alten Dame veranschaulicht: Als Tousart einen ungenauen Einwurf der Frankfurter aus der Gefahrenzone schlagen wollte, traf er stattdessen den Kopf seines Gegenspielers Sebastian Rode. Weil der Herthaner seine Umgebung nicht wahrnahm, konnte sich der Frankfurter klug zwischen Fuß und Ball schleichen. Generell wirkte die Eintracht deutlich gedankenschneller.

Offensiv bleibt Hertha lange harmlos

So gelang es der Elf des Gästetrainers Adi Hütter auch Herthas Spielaufbau lahmzulegen. Auch hier hilft ein genauer Blick auf Lucas Tousart bei der Analyse, warum Herthas Offensivplan scheiterte. Bewusst vertraute Labbadia der siegreichen Elf aus Bremen: "Wir haben aus vollster Überzeugung auf die Mannschaft gesetzt, die gegen Werder sehr, sehr gut gespielt hat." Wieder formierten die Berliner sich im Ballbesitz im 4-4-2 mit Raute. Allerdings hatten insbesondere Tousart auf der linken und sein Pendant Vladimir Darida auf der rechten Mittelfeldseite eine neue Aufgabe. Statt in der Mitte sollten sie sich an der Außenlinie anbieten, um die kompakte Defensive der Frankfurter auseinanderzuziehen und durch die Schnittstelle zwischen Dreierkette und Flügelverteidigern zu gefährlichen Chancen zu kommen. Weil es Niklas Stark im defensiven Mittelfeld und den Innenverteidigern Dedryck Boyata und Jordan Torunarigha meist nicht gelang, sie dort anzuspielen, verpuffte dieser taktische Kniff. Hertha blieb harmlos und konnte die Offensivkünstler um Matheus Cunha nicht einsetzen. Schwolow: "Die Jungs haben das Selbstvertrauen verloren, da haben die Abläufe nicht gepasst."

Wechsel stabilisieren die Mannschaft

Mit den Änderungen zur Pause habe sich das Spiel dann gedreht, kommentiert Labbadia. Tatsächlich hatte seine Mannschaft in der zweiten Hälfte circa 65 Prozent Ballbesitz, allerdings wohl auch, weil Frankfurt die komfortable Führung nur noch über die Zeit retten musste. Immerhin bot sich für Tousart nun die Gelegenheit, auch mit dem Ball am Fuß einige gelungene Aktionen zustande zu bringen. Er und der eingewechselte Arne Maier leiteten mit Pässen in die Spitze und einigen Dribblings bis tief in die gegnerische Hälfte immerhin einige Torabschlüsse ein. Ganz besonders half dabei ein Wechsel des Trainers. Die eingewechselten Neuzugänge Jhon Cordoba und Deyovaisio Zeefuik halfen mit Einsatz und Tempo die Robustheit der Frankfurter aufzunehmen und nahmen damit einigen Druck vom Mittelfeld. Nachdem - laut Schwolow - das Anlaufen der Frankfurter Aufbauspieler in der ersten Halbzeit schwach gewesen sei, half insbesondere Cordobas Präsenz, vorne mehr Druck zu erzeugen. Das ganze Gefüge wirkte nun ausbalancierter. Insbesondere gegen den Ball hat der Kolumbianer seinem Team deutlich mehr anzubieten als sein Konkurrent Piatek.

"Die Saison ist lang"

Trotzdem sei seine Startelf kein Fehler gewesen, verteidigt sich Labbadia. Wegen der vielen Abgänge sei man in der Findungsphase: "Da muss man der Mannschaft viel Zeit geben." Tatsächlich verlor Hertha langjährige Führungsspieler wie Vedad Ibisevic und Per Skjelbred. Ersetzt wurden Sie durch Millionentransfers. Das Ziel ist das internationale Geschäft. Aber trotz der kostspieligen Investments in den Kader sollte man nicht vergessen, dass sich Hertha für einen Weg mit jungen Spielern entschieden hat. Vor dem Spiel beschrieb Labbadia es so: "Wir sind im Aufbau und haben den Weg noch vor uns, den Eintracht schon hinter sich hat." Nach dem Spiel sieht er sich bestätigt. Man habe gegen eine Mannschaft gespielt, die aus Europa käme und internationale Spitzenteams kenne. "Da müssen wir lernen, körperlicher zu spielen." Lucas Tousart kann dabei helfen. Für seinen Ex-Verein Lyon bestritt er immerhin bereits 31 Spiele im Europacup. Sollen mit Hertha weitere hinzukommen, sollte der Rekordtransfer beweisen, dass er besser ist als sein zuverlässiger Vorgänger Skjelbred. Aber wie sagt Dedryck Boyata so schön: "Die Saison ist lang und das ist nicht das Ende der Welt."

Sendung: rbb24, 26.09.2020, 21.45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

5 Kommentare

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  1. 5.

    Guter Artikel, sehr sachlich und differenziert werden die Schwächen der Hertha analysiert und auch positive Ansätze.
    Nächstes Wochenende geht es nach München. Ich bin gespannt, wie die Hertha sich dort präsentiert. Jedenfalls kann sie dort ihr Defensivverhalten international üben, hoffentlich muss man nicht Lehrgeld zahlen (wie Schalke)
    Aber man sollte Geduld haben mit der Hertha, das wird schon im Verlauf der Saison alles besser werden!

  2. 4.

    Toursat ist Europa Liga erfahren. Na toll! Können wir gerade sehr gut gebrauchen.
    Er ist Kampf betont am Mann. Gut für rote Karten. Er ist Ballverliebt und hat selten den Blick zum Umfeld. Passt ausgezeichnet in das mannschaftliche Wir-Gefühl!

    Veräppelung der Fans und Wolkenkuckuksheim Träumereien. Und Verschleuderung von Sponsoren Geldern.
    Ich liebe eure Arroganz ihr fleißigen Hertha Bosse...Manno!

  3. 3.

    Red Bull Hertha muss noch lernen !
    Dann hat man Falsch investiert-sprich Zweitklassige Topspieler.
    Man sollte schon mal darüber nachdenken.
    Aber die Saison hat erst begonnen.

  4. 2.

    und nun ist auch noch der ausgemusterte Herr G vom Dortmund im Gespräch, lt. Herrn Friedrich

  5. 1.

    Das Beste am Spiel war der Trikotaufdruck für die kleine Pauline. Und das meine ich völlig ernst. (und Gute Besserung für Maier)

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