Hertha-Trainer Bruno Labbadia gestikuliert (Quelle: dpa/Andreas Gora)
Bild: dpa/Andreas Gora

Hertha BSC vor dem Bundesligastart - Die Sehnsucht nach Europa

Hertha BSC hat eine turbulente Saison hinter sich. Nun soll Bruno Labbadia den Hauptstadtklub in ruhiges Fahrwasser manövrieren. Doch die Ansprüche in der Hauptstadt sind dank Investor Lars Windhorst hoch. Vielleicht zu hoch. Von Jakob Rüger

So lief die vergangene Saison

Hertha BSC blickt auf eine Saison, die Schlagzeilen für ein ganzes Jahrzehnt geliefert hat. Nach der Ära Pal Dardai, der viereinhalb Jahre an der Seitenlinie der Alten Dame stand, sollte ein neues "Eigengewächs" die Berliner prägen. Manager Michael Preetz entschied sich im Sommer 2019 gegen den Kandidaten Bruno Labbadia und setzte stattdessen auf Ante Covic. Der Ex-Herthaner hatte jahrelang erfolgreich mit der zweiten Mannschaft gearbeitet. Es dauerte keine fünf Monate und das Experiment mit dem unerfahrenen Covic war beendet.

Es kam völlig überraschend Jürgen Klinsmann und mit ihm der Medienrummel und die größenwahnsinnigen Ziele. Hertha sollte in die Champions-League und gab im Wintertransferfenster dank Investor Lars Windhorst mehr Geld aus, als jeder andere Verein auf der Welt. "Berlin und Deutschland haben einen Mega-Klub verdient", posaunte Klinsmann im Wintertrainingslager von Florida. Doch der stets lächelnde Jürgen machte den "Big City Club" mit seinem überstürzten Abgang, einer eher peinlichen Rechtfertigung per Facebook-Live und seinen jetzt schon legendären Tagebüchern in kurzer Zeit zur Lachnummer.

Klinsmanns Assistent Alexander Nouri sollte Hertha ab Februar vor dem Abstieg bewahren. Doch sportlich wurde es schlimmer, statt besser. Hertha taumelte den Abstiegsrängen entgegen. Dann kam Corona und damit eine Zwangspause, die den Berlinern wohl die Saison gerettet hat. Manager Preetz erinnerte sich an Bruno Labbadia und lotste den erfahrenen Trainer in die Hauptstadt. Zwar sorgte Salomon Kalou mit seinem Handyvideo aus der Kabine noch mal für Aufregung, doch mit einem soliden Schlussspurt beendete Hertha eine Hollywood-Reife Spielzeit auf Platz zehn.

Wer kommt, wer geht?

Vedad Ibisevic, Per Skjelbred, Salomon Kalou, Thomas Kraft – sie prägten Hertha BSC in der Zeit unter Trainer Pal Dardai. Starke Persönlichkeiten, die in der Kabine und auf dem Platz Gehör fanden. Hertha wollte sich verjüngen und merkte in der Vorbereitung plötzlich, dass die Führungsspieler fehlen. Insgesamt neun Spieler (darunter auch die Leihgaben Marko Grujic und Marius Wolf) haben den Verein verlassen, gleichwertig ersetzt wurden sie noch nicht.

Dazugekommen sind bislang Rechtsverteidiger Deyovaisio Zeefuik (Groningen), Torwart Alexander Schwolow (Freiburg) und Mittelfeldspieler Lucas Tousart (Lyon), der im Winter schon verpflichtet wurde und zuletzt noch an Lyon ausgeliehen war. Weitere Neuzugänge lassen noch auf sich warten. Im zentralen Mittelfeld, auf der offensiven Außenbahn und im Sturm wollen sich die Berliner verstärken. Der Name Jhon Cordoba, Stürmer vom 1.FC Köln, hält sich hartnäckig.

Der Trainer

Bruno Labbadia hat sich sein Engagement beim "Big City Club" sicherlich auch anders vorgestellt. Viel Geld bedeutet nämlich noch lange nicht, dass man auch alle Wunschspieler bekommt. Und so hatte sich der Trainer zum Bundesligastart schon "ein, zwei Transfers mehr erhofft". Noch fremdelt die Mannschaft mit dem schnellen, geradlinigen Labbadia-Spielstil. Der 54-Jährige steht für Sachlichkeit und Realismus. Seine ruhige Art tut dem Verein im turbulenten Mediendschungel der Hauptstadt gut. "Mit der Erwartungshaltung habe ich keine Probleme. Wir wollen einen Weg gehen. Und der Weg ist beschwerlicher, als ich es mir vorgestellt habe."

Die Ziele

"Besser als letzte Saison", lautet das inoffizielle Ziel von Spielern und Verantwortlichen. Hertha will sowohl in der Tabelle aber auch spielerisch einen Schritt nach vorne machen. Hinter vorgehaltener Hand wird sogar von einem Europapokalplatz geträumt. Wie gut Hertha am Ende wirklich ist, hängt maßgeblich von den neuen Strukturen ab, die sich in der jungen Mannschaft noch entwickeln müssen. In der Vorbereitung und in der 1. DFB-Pokalrunde (4:5 bei Eintracht Braunschweig) wurde deutlich, es fehlt an Führungsspielern. Die Investitionen von Lars Windhorst haben den Druck auf Manager Preetz und Trainer Labbadia erhöht.

Sendung: Inforadio, 15.09.2020, 09:15 Uhr

Beitrag von Jakob Rüger

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21 Kommentare

  1. 21.

    Mit dem Sportdirektor und der Gurkentruppe ( 5 Tore gegen Braunschweig zusammen mit Bielefeld die erste Pokalrunde nicht überstanden) ist der Klassenerhalt ein großer Erfolg! Wie kann man für 1 mio ein Offensiv Toptalent abgeben. Solange Herr Preetz Sportdirektor ist, wird der sportliche freie Fall weitergehen.

  2. 20.

    Wo bitte tritt der Verein den so laut auf?
    Ich würde sagen, das Gegenteil war in den letzten Jahren der Fall.
    Ich glaube sie verwechseln das tägliche Gerede in den Medien inklusive permanenten unrealistischen Transfergerüchten
    mit offiziellen Vereinsaussagen.

  3. 19.

    Sie meinen so wie Sie, als die UFA Hertha 1997 wieder in die BL gekauft hat?

    Hertha kann mich. Ich würde kein Wort schreiben, wenn der Verein endlich einmal seinen Status erkennt und etwas leiser auftritt.

  4. 18.

    Als Kind war ich Fan vom HSV... ;)) Also aus meinem Bekannten- und Kollegenkreis weiß ich, dass Gladbach ganz beliebt ist. Ansonsten muss ich Ihnen zustimmen. Ich mag auch noch Hansa Rostock, in welcher Liga die sich auch gerade herumtreiben. In Berlin sind es Hertha und Union. Ja, mein Herz ist blau-weiß-rot. Ach ja, nach Altglienicke gucke ich auch immer.... :)

  5. 17.

    Wer von Braunschweig 5 Dinger bekommt wird wohl vorerst mit der Champions League nichts zu tun haben . in 25 Jahren vielleicht , vorher glauben nur Traumtänzer daran.

  6. 16.

    Welcher Verein hat denn außerhalb seines Einzugsgebietes wirklich viele Fans? Das ist Bayern und der BVB und das auch nur aufgrund der sportlichen Erfolge. Vieleicht noch BMG. Nennen sie mir doch einamal andere durchschnittliche Bundesligavereine, die außerhalb ihrer Stadt wirklich attraktiv sind. Aber es macht anscheinend zu viel Spaß auf Hertha BSC einzuprügeln und irgendwelche plakativen Sprüche loszulassen (70er Jahre-Image, verstaubtes Westberlin usw.)

  7. 15.

    An alle die, die sich hier mal wieder selbst darstellen müssen und die ja schon immer Bescheid wußten: Ihr seid doch die ersten, die ins Stadion rennen, wenn Hertha um die Champions League spielt und Ihr wart ja auch schon immer Hertha-Fan.

  8. 14.

    Bin ganz bei Ihnen.
    Nur Reinickendorf ist wohl kaum ein Hertha Bezirk.
    Ein paar Verirrte an den Haltestellen zum Spieltag, das war es schon.

  9. 12.

    Es ist ein Traum, der schon die vergangenen Jahre geträumt wurde und nie in Erfüllung gegangen ist. Das ist halt unterschied zwischen Traum und Wunsch. Wünsche kann man sich erfüllen, träume bleiben Träume. Es gibt keine führungsspieler und keine Struktur, sagt der sportdirektor als mitverantwortlicher in der führungsebene. Schon traurig, aber weiter träumen ist doch auch schon mal was. Und dann ist da ja noch die Hoffnung, die bekanntlich als letztes stirbt...

  10. 11.

    "Wenn man da draußen in der Provinz keine Ahnung vom Fußball in Berlin hat, sollte man einfach.... "

    Mal an die eigene Nase fasse.

  11. 10.

    Das ist was dran! Sympathien außerhalb Berlins gibt’s mit Sicherheit keine. Liegt vielleicht daran, dass die 80er Jahre vorbei sind aber den Club das noch irgendwie anhaftet.

  12. 9.

    Labbadia trauert Ibisevic nach (u. a. Süddeutsche Zeitung vom 6.9.20) Warum muss es überhaupt so weit kommen? Weil es nicht zu einem Big City Club passt, einen älteren, aber verdienten Führungsspieler für kleines Geld weiterzubeschäftigen, bis der Nachfolger integriert ist? Stattdessen lässt man ihn ablösefrei zum ungeliebten Ligakonkurrenten S04 ziehen.

    Ich vermisse eine klare Linie und realistische Visionen.

  13. 8.

    Ein sehr wahrer Kommentar!
    Ich würde ihn sogar noch ergänzen und sagen, dass heutzutage selbst in Reinickendorf kaum noch jemand was mit Hertha am Hut hat. Beim inzwischen seelenlosen Verein (Windhorst!)wirkt mit einem noch immer vorhandenen angestaubten Image des früheren Westberlins alles sehr altbacken. Erinnert einen vom Gefühl her irgendwie an die Eishockeymannschaft der Preußen Capitals.
    Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit...

  14. 7.

    Wenn man da draußen in der Provinz keine Ahnung vom Fußball in Berlin hat, sollte man einfach.... . Sie wissen schon. Danke!

  15. 6.

    Totaler Größenwahn. Man hat schon im Pokalspiel gesehen wo es hingeht. Man sollte sich eindringlich mit dem Abstiegskampf beschäftigen sonst steigt die Hertha auch noch ab.

  16. 5.

    Hertha BSC wir gerne als "alte Dame" bezeichnet ... Und das sagt eigentlich alles aus ... Es ist nichts attraktiv an dem Verein, nichts womit man sich außerhalb von Charlottenburg, Spandau und Reinickendorf identifizieren kann ... Der Verein, das Umfeld ist irgendwie "70er-Jahre" ... Das Grönemeyer-Lied "Bochum" passt in weiten Teilen auch auf Hertha BSC ... Tief im Osten ...

  17. 4.

    Der Weg zwischen Anspruch und Realität hat bei Hertha noch nie funktioniert.

  18. 3.

    Europa??? Erst mal den Klassenerhalt sichern!!!

  19. 2.

    Bei soviel Träumerei kann man schon die Realität aus den Augen verlieren!

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