Fans des 1. FC Union mit Abstand beim Test gegen Nürnberg. / imago images/Zink
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"Diese Alternative ist keine Alternative" - Wie Hertha- und Union-Fans auf die Zuschauerfrage reagieren

Nach den Geisterspielen folgen für die Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC und 1. FC Union nun Partien vor ungefähr 4.000 Fans. Wer denkt, dass sich die Anhänger darüber vorbehaltlos freuen, irrt allerdings. Von Ilja Behnisch

Es hätte einer der Saison-Höhepunkte des 1. FC Union Berlin werden sollen und wurde eine Vollbremsung. Statt den FC Bayern München im ausverkauften Stadion An der Alten Försterei zu empfangen, erstmals zu einem Punktspiel in der Fußball-Bundesliga, gab es ab Anfang März dieses Jahres den folgenden Dreiklang: Absage, Pause, Geisterspiel. Ein Alptraum für alle, die mit dem Verein verbunden sind. Spieler, Funktionsträger und vor allem: Mitglieder und Fans.

Nun steht eine neue Saison vor der Tür. Geisterspiele sollen zwar der Vergangenheit angehören, von Normalität und vollen Stadien ist die Bundesliga allerdings noch ein gutes Stück weit entfernt. Da stellt sich die Frage, was das mit denen anstellt, die Orte wie das Stadion An der Alten Försterei oder das Olympiastadion zu dem machen, was sie sind.

"Frust war schon da"

Für M., einen Union-Anhänger mit guten Verbindungen in die Fanszene, war die Vollbremsung rund um das Bayern-Spiel alternativlos: "In erster Linie ging es um die Gesellschaft. Da war die Verwunderung gar nicht so groß, sondern eher die Vernunft." Erst mit der Zeit hätten sich die Fans die Frage gestellt: "Was ist jetzt mit Fußball? Dem Ort, an dem sich der Alltag bestimmt?" Und weiter: "Frust war schon da. Aber die Frage ist: Frust gegen was? Ich glaube, gerade in der Anfangszeit war es das Ungewisse."

Eine Ungewissheit, gegen die der Verein um Präsident Dirk Zingler bewusst vorzugehen versuchte, als in dieser Hinsicht wohl progressivster Verein der Liga. Während in der Politik noch über die Richtigkeit und den Umfang von Lockerungen der Corona-Maßnahmen diskutiert wurde, überraschten die Köpenicker mit der Absicht, die Alte Försterei wieder bis auf den letzten Platz zu füllen.

Natürlich, sagt M., fänden sich in der Fanszene eines Vereins alle möglichen Meinungen wieder, doch in überragender Mehrheit sei schnell dieses Gefühl von "alle oder keiner" aufgekommen. "Und so hat sich dieser Vorschlag auch angefühlt." Die kritischen Stimmen? "Kamen eher aus Unwissenheit", so M. "Die, die den Einblick hatten, wussten: Das, was der Verein da macht, macht er zusammen mit Experten. Deswegen war das Vertrauen schon sehr groß."

Niederlage: nein, Startschuss: ja

Und auch die nun angelaufene Dauerkartenlösung findet Anklang: "Wir als Fans haben dem Verein ja unsere Meinung mitteilen können. Und das, was jetzt umgesetzt wird, ist etwas, wozu man sagen kann: Fans und Verein, das funktioniert wunderbar." Eine kritische Stimme dazu habe M. jedenfalls "noch keine" gehört.

Statt "alle oder keiner" kommen nun zunächst ein paar Tausend. Angesichts der Umstände empfinden die Union-Fans das allerdings nicht als Niederlage, eher als Startschuss. M. sagt: "Dementsprechend muss man vielleicht eine Haltung zurücknehmen und sagen: Das ist der Anfang, das ist die erste Stufe. Da kommen 5.000 Leute rein und man versucht damit irgendwie dieses Gefühl von gesellschaftlicher Ordnung hinzubekommen."

Der Wunsch nach dem Reset-Knopf

Das große Ganze bestimmt auch den Diskurs in der Fanszene von Hertha BSC. So sagt Kay Bernstein vom Förderkreis Ostkurve: "Wir kommen aus dieser Pandemie nur gesellschaftlich über den Weg der Verantwortung raus. Und die Vereine haben dieselbe Verantwortung." Bernstein wünscht sich einen Reset-Knopf, sieht in der jetzigen Situation auch eine Chance dafür, sich elementaren Fragen zu stellen: "Wie wünschen wir uns den Fußball? Wie soll er sozial verantwortlich agieren? Wie wollen wir den Fußball gesamtgesellschaftlich?"

Und auch wenn es darum geht, ob denn nun wieder Zuschauer in die Stadien kommen sollen, sind sich Hertha- und Union-Fans im Kern einig. Bernstein sagt: "Ich würde schon sagen, dass 80 Prozent der Ostkurve die Meinung vertreten: alle oder keiner." Selbst die Zuschauer und Fans, die um die Ostkurve herum sitzen, würden zu "über 50 Prozent sagen: Das ist nicht mehr mein Stadionerlebnis. Ich bin gespannt ob Hertha es schafft, die Karten loszuwerden."

"Diese Alternative ist keine Alternative"

4.000 Tickets will der Verein im Zuge eines Bewerbungsverfahrens ausgeben. Angesprochen sind Dauerkarteninhaber, die zugleich auch Vereinsmitglieder sind. "Für mich, so wie ich mir Fußball wünsche, so wie ich das Stadionerlebnis toll finde, ist diese Alternative keine Alternative." Auch Union-Anhänger M. hat sich während der Geisterspiele zwar nicht von seinem Verein, wohl aber vom Fußball abgewandt, die Spiele nur noch im Ticker verfolgt.

"Es gibt ja unterschiedliche Beweggründe, warum man ins Stadion geht", sagt der Herthaner Bernstein dazu. Für die aktive Fanszene der Berliner Bundesligisten scheint klar zu sein, dass Fußball ohne (den Großteil der) Zuschauer nicht dazu gehört.

Beitrag von Ilja Behnisch

4 Kommentare

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  1. 4.

    Fußball ist ne Freizeitbeschäftigung. So ein Zirkus...

  2. 2.

    Alles ganz wichtig für die Menschheit.

  3. 1.

    Irgendwie muss es weiter gehen, da sind einige Fans im Stadion besser als keine Fans. Jeder kann bessere Ideen einbringen, aber momentan ist es nicht anders möglich.

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