Max Kruse im Zweikampf im Union-Training. / imago images/Contrast
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Fünf Thesen vor dem Union-Start - Über offensive Zocker und die Jagd auf Thomas Müller

Der 1. FC Union startet in seine zweite Saison als Bundesligist. Mit dem Rückenwind einer gelungenen Premiere - und einem, der nicht nur am Pokertisch ein begnadeter Zocker ist. Unsere fünf Thesen, wie die Köpenicker Spielzeit laufen könnte. Von M. Ehlers und J. Mohren

1. Max Kruse macht den Unterschied

Keine Frage, Max Kruse ist ein Multitalent. So hat es der prominente Union-Zugang auch im Pokern zu etwas gebracht. Immerhin attestiert ihm die Online-Enzyklopädie Wikipedia ein akkumuliertes Preisgeld von bislang mehr als 130.000 US-Dollar. Aber auch in Sachen Instagram ist der 32-Jährige ganz tief drinnen im Game. Mit seinen zuweilen augenzwinkernden Beiträgen hebt sich Kruse wohltuend ab von vielen seiner Kollegen und deren belanglosen Inszenierungen. Und dann ist da ja noch sein fußballerisches Vermögen, das für Union natürlich im Vordergrund steht. Schließlich bringt Kruse Talente mit, die in Köpenick zuletzt eher rar gesät waren.

Er ist ein Freigeist auf dem Feld, eine Mischung aus spielstarkem Stürmer und torgefährlichem Mittelfeldspieler, gesegnet mit Intuition, Individualität und Improvisationsvermögen. Dinge, die den Eisernen mit ihrem vom Kollektivgedanken geprägten Stil abgehen. Das ist zwar erfolgreich, aber nicht immer schön anzuschauen. Doch wenn Trainer Urs Fischer einen Weg findet, die Stärken des Teams mit den Qualitäten seines neuen Stars zu kombinieren, kommt attraktiver Fußball auf uns zu.

2. Union holt frisches Blut zur richtigen Zeit

Felix Kroos? Nicht mehr gut genug und nun eine Liga tiefer in Braunschweig aktiv. Sebastian Polter? Nach unschönem Streit vor die Tür gesetzt. Michael Parensen? Hat die Fußballschuhe an den Nagel gehängt. Rafal Gikiewicz? Forderte zu viel Gehalt und wechselte nach Augsburg. Die Reihen der eisernen Aufstiegshelden haben sich zuletzt spürbar gelichtet. Das ist ein schmaler Grat, schließlich zählen Treue und Verbundenheit zum sentimentalen Inventar der Union-Seele.

Umso mehr zeichnet es die Macher des Vereins aus, dass sie Personalentscheidungen unabhängig von solchen Befindlichkeiten treffen und in erster Linie die sportliche Weiterentwicklung im Blick haben. So wirkt der Kader - zumindest auf dem Papier - qualitativ stärker als im Vorjahr. Mit Andreas Luthe, Robin Knoche oder Niko Gießelmann konnte Union bundesligaerprobte Akteure nach Köpenick locken, die ihren jeweiligen Vorgängern in nichts nachstehen dürften. Die Verpflichtung von Max Kruse ist zudem ein Transfer mit gehöriger (positiver) Außenwirkung. Eben frisches Blut zur richtigen Zeit.

3. Christopher Trimmel jagt Thomas Müller

Starten wir mit einem kleinen Fußball-Quiz: Was haben Christopher Trimmel und Thomas Müller gemeinsam? Ihre Antwort bitte in fünf, vier, drei, zwei, eins ... Richtig: Sie finden sich beide in den Top Ten der besten Vorlagengeber der Bundesliga. Acht oder gar elf Treffer legte der Rechtsverteidiger des Aufsteigers auf - je nach Rechenweise vorbereiteter Eigentore des Gegners. 21 Mal gelang das dem Stürmer des deutschen Meisters.

Müller steht damit auf dem ersten Platz des Rankings. Zugegeben, ein ganzes Stück vor dem 33-jährigen Kapitän aus Köpenick. Noch. Denn mögliche und wünschenswerte Weiterentwicklung des spielerischen Elements hin oder her, wird die Kombination Freistoß, Flanke, Tor nach wie vor zum Kern-Repertoire des Teams von Urs Fischer gehören - und Trimmel darin einen entscheidenden Part einnehmen. Der frisch gebackene Triple-Gewinner aus dem Süden der Republik sei also gewarnt. Sein (unlauterer) Wettbewerbsvorteil könnte ihn am Ende jedoch retten: Er geht mit einem Abnehmer namens Robert Lewandowski ins Rennen.

4. Der Einsatz für Fans im Stadion zahlt sich aus

Der 1. FC Union und seine Fans. Dieses Verhältnis ist auch in der Corona-Zeit ein besonderes. Kein Verein aus dem deutschen Oberhaus drängte so früh und so vehement auf die komplette Rückkehr seiner Anhänger ins Stadion. Bereits Anfang Juli ging der Klub in der Debatte wortwörtlich in die Vollen: Massentests sollten - so der Vorschlag der Köpenicker Verantwortlichen - 22.012 Fans im Stadion An der Alten Försterei am ersten Spieltag der neuen Saison ermöglichen. Dafür musste Union nicht zuletzt auch eine Menge Kritik einstecken.

Doch könnte dieses Ringen für die Zuschauer im Stadion zusätzliche Kräfte freisetzen. Im Testspiel gegen Nürnberg war die große Dankbarkeit spürbar, wieder auf den Rängen stehen zu dürfen. Es waren zwar nur 4.500 Fans im Stadion. Mit seinen ursprünglichen Bestrebungen steht der Klub in der aktuellen Phase auf verlorenem Posten. Diejenigen, die dabei waren, gaben jedoch alles. Und ließen erahnen, was sie auch in einem nur teilweise gefüllten Stadion bewirken können.

Union braucht diese Menschen vielleicht mehr als andere Vereine - das ist kein Geheimnis. Der Verein könnte von seinem offensiven Einsatz für die Anhänger perspektivisch profitieren. Weil sich das Glück einiger und stückweise womöglich immer mehr Leute auf den Tribünen in Lautstärke und Energie auf den Rasen wandelt. Und das gezeigte Eintreten für die Anhänger in den schwierigen Corona-Zeiten noch weiter zusammenschweißt.

5. Keita Endo wird der neue Shinji Kagawa

Für Borussia Dortmund war die Verpflichtung von Shinji Kagawa zweifellos einer des besten Deals der Vereinsgeschichte. Für 350.000 Euro wechselte der Japaner 2010 aus seiner Heimat ins Ruhrgebiet, verzauberte mit seiner Leichtfüßigkeit die Bundesliga, wurde Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger und ging anschließend für viel Geld zu Manchester United. Union hätte sicher nichts dagegen, wenn es bei Keita Endo genauso laufen sollte. Vielleicht greifen sie auch genau deshalb auf die Dienste desselben Dolmetschers zurück wie seinerzeit der BVB.

Die nötigen Anlagen für den Durchbruch bringt Endo jedenfalls mit. Der japanische Sportjournalist Kentaro Tsuchiya attestiert ihm "ein gutes Tempo" und ergänzt: "Das Dribbling ist seine Stärke. Er hat auch Talent für die Offensive. Aber vor allem ist er sehr schnell." Tsuchiya berichtet aus Berlin für eine Nachrichtenagentur über japanische Sportler in Europa. Daher weiß er auch, dass Union schon vor Endo kein unbeschriebenes Blatt im Land der aufgehenden Sonne ist. "Nachdem Tatsuto Uchida vor drei Jahren zu Union gewechselt ist, kannten viele Japaner den Verein Union Berlin - und nicht nur Hertha BSC." Nun liegt es an Endo, Union in Fernost noch bekannter zu machen.

Sendung: rbb UM6, 10.09.2020, 18:15 Uhr

Beitrag von Mathias Ehlers und Johannes Mohren

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