Christopher Trimmel von Union Berlin (imago images)
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Audio: Inforadio | 16.09.2020 | "Vis a vis" mit Christopher Trimmel | Bild: imago images

Interview | Union-Kapitän Christopher Trimmel - "Kruse ist ein Spieler, der den Unterschied ausmachen kann"

Vor sechs Jahren kam Christopher Trimmel zu Union Berlin. Und wurde von Jahr zu Jahr besser. Im Interview erzählt er, wieso er das für normal hält, warum er Verständnis für den Wechsel von Sebastian Andersson hat und was er von Max Kruse erwartet.

rbb|24: Christopher Trimmel, in diversen Saisonvorschauen werden Sie bei Union Berlin als Schlüsselspieler genannt, sind zudem zu Berlins Fußballer des Jahres gewählt worden. Wie erklären Sie sich das?

Christopher Trimmel: Ein Schlüsselspieler ist für mich einer, der auf dem Platz Verantwortung übernimmt. Vielleicht liegt das auch an den Assists, den Standards (Trimmel bereitete in der vergangenen Saison elf Tore vor, oft bei Standardsituationen, Anm. d. Red.). Ich glaube, es war eine tolle Saison, nicht nur von mir, sondern von der Mannschaft. Aber ich nehme die Rolle gern an.

Sie sind jetzt 33 Jahre alt. Man hat bei Ihnen allerdings das Gefühl, dass sie von Jahr zu Jahr besser geworden sind.

Das muss man definitiv so sehen. Ich glaube, dass der Profifußball weniger mit dem Alter zu tun hat, sondern eher damit, wie viele Jahre übt man das eigentlich aus. Ich bin erst mit 22, 23 Profi geworden, das heißt ich bin jetzt in meinem zehnten Jahr. Andere Spieler bei uns sind fünf Jahre jünger und haben das auch schon auf dem Buckel, weil sie diverse Jugendakademien durchgeackert haben. Von daher fühle ich mich wirklich sehr, sehr gut und ich glaube auch, dass in der Entwicklung noch was möglich ist.

Auch der Verein hat in den vergangenen Jahren eine enorme Entwicklung durchgemacht. Da stellt sich fast die Frage: Geht das immer so weiter, kann man den Klassenerhalt eigentlich noch toppen?

Das ist schon ein Kraftakt, den wir geschafft haben in der letzten Saison. Ich glaube man geht den falschen Weg, wenn man denkt, man muss einen besseren Platz als elf belegen. Das Ziel ist der Klassenerhalt, da hat sich nicht viel geändert. In der letzten Saison waren wir mit Paderborn Abstiegskandidat Nummer eins, jetzt sind wir es mit Bielefeld. Es wird also wieder anstrengend genug werden. Bei uns träumt keiner von mehr. Wir wissen alle, dass wir wieder einen harten, steinigen Weg vor uns haben.

Die Bundesliga-Saison wurde durch Corona geprägt. Als das Virus auch in Deutschland ankam, wurde diskutiert, ob noch Spiele stattfinden sollten oder nicht. Gab es einen Moment, an dem die Mannschaft selbst nicht spielen wollte?

Ja, den gab es definitiv. Das war das letzte Spiel vor Corona, gegen die Bayern zu Hause. Andere Spiele waren schon abgesagt, unseres sollte noch stattfinden. Einige Spieler hatten Bedenken. Und wenn Du mit dem Kopf nicht hundertprozentig bei der Sache bist, dann macht es auch keinen Sinn. Wir haben dann für uns entschieden, dass wir nicht antreten wollen. Im Endeffekt gab es aber ohnehin die Entscheidung, dass das Spiel nicht stattfindet.

Inzwischen sind in den Stadien wieder Zuschauer zugelassen. Union testete gegen Nürnberg vor 4.500 Fans. Wie fühlte sich das an?

Ich war beim Nationalteam, aber meine Mitspieler waren begeistert. Das Konzept war gut, es hat sich jeder sicher gefühlt, die Stimmung war sehr, sehr positiv. Es macht schon einen Unterschied, wenn man wieder ein paar Tausend drin hat. Man hat es auch jetzt schon im Pokal gemerkt, auch wenn es auswärts war, es sind schon ein bisschen mehr Emotionen drin. Das gibt schon wieder ein bisschen einen Push. Aber trotzdem muss ich betonen, es ist nicht das Gleiche wie es vorher war.

Union hat eine solide Vorbereitung gespielt. Das Pokalspiel in Karlsruhe wurde gewonnen. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Das ist sehr positiv. Weil ich in der Vorbereitung nicht nur die Testspiele beurteile, sondern insgesamt die Trainingsleistung. Und ich glaube, wir haben wieder gut gearbeitet. Es war wieder nicht einfach, viele neue Spieler zu integrieren. Aber wir wissen natürlich auch, in welchen Dingen wir uns verbessern müssen. Man hat es auch in Karlsruhe gesehen. Wir wollen einfach offensiv besser werden. Wir wollen besser Fußball spielen. Da werden und müssen wir ansetzen. Aber das braucht Zeit, das geht nicht von heute auf morgen. Und der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Es war der Fight, den wir erwartet haben. Ich bin nur froh, dass wir dann nicht so eine Mannschaft sind, die dann zerfällt oder zu offen spielt, weil sie glaubt, sie müsse jetzt gegen einen Zweitligisten dominieren und denen zeigen, wie man Fußball spielt. Ich glaube, das ist immer der falsche Weg. Und man sieht es jedes Jahr im Pokal, es scheiden oft Bundesligisten aus. Genau deswegen wollen wir immer kompakt und diszipliniert agieren. Das haben wir in Karlsruhe gemacht. Aber wir wissen auch, dass wir viele Dinge verbessern müssen.

Was macht sie optimistisch, dass es spielerisch bergauf geht?

Die Bewegung ohne den Ball haben wir drauf. Es sind sehr viele Spieler anspielbar. Jetzt geht es darum, den Mut zu haben, die Spieler anzuspielen. Das letzten Drittel ist die gefährliche Zone, da will keiner den Ball verlieren. Wenn man unsicher ist, ist es keine Schande, den Ball hoch vorzukloppen – kein Problem. Aber da wollten wir mehr Selbstvertrauen gewinnen in der Vorbereitung. Und man hat auch in Karlsruhe gesehen, jedes Mal wenn wir den Mut hatten, es durchzuspielen, hatten wir auch gute Möglichkeiten. Da müssen wir dranbleiben und im letzten Drittel einfach konsequenter werden. Ich glaube wir haben viele Chancen, auch jetzt in Karlsruhe, und die musst du dann auch nutzen. In der Bundesliga bekommst Du solche Chancen zwei, drei Mal im Spiel und da muss man dann einfach ein Tor machen.

Mit Sebastian Andersson verlässt der Top-Torschütze der letzten Saison nach zwei Jahren den Verein Richtung Köln. Wie sehr tut dieser Weggang weh?

Dafür bin ich zu lange im Fußballgeschäft...das gab es bei Union eigentlich immer. Ob Collin Quaner, Bobby Wood, Sebastian Polter oder jetzt Seb – wenn Du als Stürmer eine gute Saison hast, und Seb hat jetzt zwei sehr, sehr gute Saisons gehabt, dann ist es normal, dass der Stürmer sehr, sehr gute Angebote hat. Vielleicht bist Du in einem Alter, wo Du sagst, jetzt möchte ich den nächsten Schritt machen, sportlich wie auch finanziell. Das ist ganz normal im Fußball. Ich wünsche ihm nur alles Gute. Jetzt ist die Bühne frei für einen nächsten Spieler. Das war bei Union immer so. Jetzt wird der nächste Spieler seine Chance bekommen und auch nutzen. Da vertraue ich jedem Einzelnen.

Weil das Spiel schon sehr auf ihn ausgerichtet war: wird Anderssons Abgang taktische Auswirkungen haben?

Klar, das Spiel wird sich ein Stück weit ändern. Du kannst vielleicht einen Cedric (Teuchert, Anm. d. Red.) nicht immer hoch anspielen, wie etwa Seb. Das war einfach seine Stärke, in der Luft die Bälle festzumachen. Das ist vielleicht nicht die größte Stärke von Cedric. Aber auch da vertraue ich ihm. Und wir werden unseren Fußball nicht verändern bei Union, dafür machen wir die Dinge, die wir machen, zu gut. Wir werden daran arbeiten, dass wir die Bälle vielleicht nicht immer hoch vorkloppen, sondern eine gesunde Mischung finden. Auch mal flach rausspielen, nicht immer den Zielspieler suchen vorn, sondern auch mal die spielerische Lösung. Wir haben jetzt auch ein bisschen mehr spielerische Klasse dazu bekommen, zum Beispiel mit Max Kruse. Und auch hintenraus. Mit Robin und Schlotte sind auch zwei hervorragende Aufbauspieler dazu gekommen. Das heißt, wir haben die Möglichkeiten. Die Grundlage ist da, jetzt müssen wir es nur noch umsetzen.

Was erhoffen Sie sich von Max Kruse?

Ich glaube jeder, der Max Kruse kennt, weiß, dass er spielerisch riesige Qualitäten hat. Er ist ein Spieler, der auf dem Platz Verantwortung übernimmt, der auch sehr lautstark ist, die Bälle immer einfordert. Egal, ob er in einer Drucksituation ist oder auch nicht. Ich glaube, diese Komponente hat uns in manchen Spielen auch gefehlt. Dass da vorne einer ist, der die Bälle immer möchte. Ich glaube, das ist auch seine Stärke. Er ist einfach ein Spieler, der den Unterschied ausmachen kann. Klar, man muss vorsichtig sein. Er war jetzt lange verletzt, hat in der Vorbereitung kein Spiel gemacht. Deswegen müssen wir auch so fair sein und ihm auch noch Zeit geben. Auch wenn er jetzt seine ersten Einsätze hat, braucht jetzt keiner Wunderdinge von ihm erwarten. Er muss sich auch noch in der Mannschaft integrieren. Das wird durch Training nicht so funktionieren wie durch Spiele. Aber da bin ich schon guter Dinge.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Stephanie Baczyk.

Sendung: Inforadio, 16.09.20

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1 Kommentar

  1. 1.

    Cooler Typ und sympathisches Interview...

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