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DFB-Pokal | Fast alle Amateurvereine tauschen Heimrecht - Der Pokal bricht seine eigenen Gesetze

Der DFB-Pokal war immer für eine Überraschung gut. Mit schönster Regelmäßigkeit scheiterten Bundesligisten an Amateurvereinen. Dann änderte sich der Fußball. Und spätestens in diesem Jahr ist alles anders. Von Ilja Behnisch

Es gibt diese Fußballweisheiten, die wirklich jeder kennt. "Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten", zum Beispiel. Oder: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel." Und natürlich: "Der Pokal hat seine eigenen Gesetze."

Eherne Erkenntnisse sind das und über Jahrzehnte auf Richtigkeit überprüft. Doch scheinbar gelten nicht alle für alle Ewigkeit. So sind die ganz eigenen Pokalgesetze, machen wir uns nichts vor, schon lange außer Kraft gesetzt. Außenseitersiege im DFB-Pokal, der Fußballweisheit nach früher an der Tagesordnung, sind zu immer seltener werdenden Sensationen verkommen.

Corona kassiert den Heimvorteil

Zugegeben, der 1. FC Saarbrücken als Halbfinalist der vergangenen Pokalsaison war alles andere als vorhersehbar. Und Holstein Kiel, seinerzeit ebenfalls Viertligist, schaffte es 2012 noch bis ins Viertelfinale. Aber auch wenn Ausnahmen eine Regel bestätigen mögen, dann eben doch noch kein Gesetz. Und zumindest in diesem Jahr ist mit einer Trendwende hin zum Guten kaum zu rechnen.

Denn was blieb den Underdogs zuletzt noch, trotz der immer weiter auseinander klaffenden Schere zwischen Profi- und Amateurfußball, und als nahezu einziger Faustpfand? Der Heimvorteil! Und worauf verzichten in dieser Saison nahezu alle Klubs ab der Regionalliga? Den Heimvorteil! Corona sei Dank.

Das finanzielle Risiko ist zu groß

Gleich elf Vereine haben demnach vor dieser ersten Pokalrunde zugestimmt, ihr Heimrecht einzutauschen. Unter anderem Union Fürstenwalde (Pokalsieger Brandenburg), der beim VfL Wolfsburg antritt, sowie die VSG Altglienicke (Pokalsieger Berlin), nun zu Gast beim 1. FC Köln.

Die Austragung eines Pokalspiels koste die Amateurvereine mindestens 30.000 bis 35.000 Euro. So rechnete es gegenüber der dpa unlängst Stefan Cohrs vor, Abteilungsleiter des Fünftligisten MTV Eintracht Celle, Erstrundengegner von Bundesligist FC Augsburg. Das finanzielle Risiko, mit einem Minus aus dem Abenteuer DFB-Pokal zu gehen, ist demnach entschieden zu groß. Dabei sollte doch genau das Gegenteil der Fall sein.

Alles bis ins kleinste Detail geregelt

Das lukrative Match gegen Profiklubs war allerdings schon vor Corona oft nur noch Wunschdenken. So wetterte der damalige Berliner Sechstligist BFC Preußen rund um sein Erstrundenspiel gegen den 1. FC Köln schon 2017 in Person ihres Vorsitzenden Andreas Mittelstädt und gegenüber dem Tagesspiegel: "Wenn der DFB sich immer dafür rühmt, was er für die Amateure tut, dann ist das eine absolute Unverschämtheit."

80 Seiten umfasste der entsprechend kostspielig umzusetzende Anforderungskatalog des DFB damals. Von ausreichend geeigneten Plätzen für TV-Kameras über eine Mindestanzahl von Sitz- und Parkplätzen ist darin so ziemlich alles bis ins kleinste Detail geregelt: "Gewisse Sicherheitsstandards müssen erfüllt sein. Der DFB schreibt aber alles bis ins kleinste Detail vor. Der Anforderungskatalog gibt sogar vor, wie groß die Schiedsrichterkabine sein muss und wie weit die Kleiderhaken voneinander entfernt sind", sagte Mittelstädt damals.

Der DFB sollte sich Gedanken machen

Dass der Pokal einst seine eigenen Gesetze hatte, lag eben auch daran, dass die Amateurplätze der Republik ihre eigenen Gesetze hatte. Und was für ein Zauber das war! Hoch bezahlte Bundesliga-Profis im Tiefschlamm straucheln zu sehen. Dort, wo Studenten und Maurer ihren fußballerisches zuhause hatten. Es roch nach Kuhmist, Stockfehlern und Sensationen.

Davon hat sich der DFB-Pokal in dieser Saison und ob der für Amateurvereine nicht zu stemmenden Corona-Folgen noch mehr entfernt als ohnehin schon.

Der Verband sollte sich Gedanken machen, ob er angesichts dieser Entwicklung weiterhin dem perfekten, uniformen Event die Stange hält oder sich stark macht für den Sport und seine ganz eigenen Gesetze. Statt sie mit Auflagen zu torpedieren. Und ehe aus einer Weisheit noch ein Witz wird.

Sendung: rbb UM6, 10.09.2020, 18:15 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ist es nicht so, dass die Teilnehmer an der ersten Pokal-Runde ca. 150.000 EUR Startgebühr erhalten ?
    Damit müssten doch die Kosten von den Viert- und Fünftligisten abgedeckt werden können

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