Christoph Kramer im Duell im Union-Verteidiger Christopher Lenz. / imago images/Mausolf
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Interview | Gladbach-Profi Christoph Kramer - "Wechsel von Max Kruse ist mit sehr viel Charme verbunden"

Wenn Union Berlin am Samstag bei Borussia Mönchengladbach antritt, geht es auch gegen Christoph Kramer. Der Weltmeister hat ein besonderes Faible für die Köpenicker. Im Interview spricht er über seine Bewunderung für eine Union-Legende - und Max Kruse.

rbb|24: Christoph Kramer, Sie gelten als Fan von Union-Legende Torsten Mattuschka, haben bei sich daheim ein Trikot von ihm hängen. Woher rührt diese Zuneigung?

Christoph Kramer: Ich habe ihn immer schon bewundert. Als ich in der zweiten Liga angefangen habe (2011 beim VfL Bochum, Anm. d. Red.), bestimmten Kampf und Krampf das Geschehen. Mattuschka aber war ein Spieler, der im Prinzip die Zeit angehalten hatte und einfach so schönen Fußball spielte, wie kaum ein Zweiter in der Liga. Nach einem Spiel gegen Union hatte ich dann eine Dopingkontrolle zusammen mit ihm. Er hatte geil gespielt, hat uns einen Freistoß reingehauen und war dann auch noch wirklich richtig, richtig nett und korrekt. Wir haben ein Bierchen getrunken, dann habe ich ihn nach seinem Trikot gefragt und so ist das dann entstanden.

Christoph Kramer mit Union-Legende Torsten Mattuschka. / imago images/Matthias Koch
Christoph Kramer mit Union-Legende Torsten Mattuschka. | Bild: imago images/Matthias Koch

Auch Unions Stadion an der Alten Försterei finden Sie ziemlich gut. Was macht diesen Ort für Sie aus?

Es steht noch für ganz alten, romantischen Fußball und hat eine tolle Entstehungsgeschichte. Ich finde die Atmosphäre ist geil, es sieht noch so aus wie ein ganz klassisches Fußballstadion und es ist richtig schön, da zu spielen. Ich glaube, man findet nicht so viele Spieler, die sagen: Boah, Alte Försterei, macht gar keinen Bock. Das finden alle ganz cool.

Union will Ende Oktober testen, Zuschauer ins Stadion zu lassen, ohne dass diese Abstand halten müssen.

Ich finde, man muss sich an das halten, was die Leute, die dieses Fach studiert haben, die wirklich Ahnung davon haben, vorgeben. Dass das manchmal unbefriedigend ist und dass jeder seine Meinung dazu hat, ist normal und menschlich. Und nach so einer langen Zeit wünscht man sich vielleicht auch, dass alles wieder normal ist. Aber es ist wie in anderen Bereichen. Ich habe eine gewisse Ahnung von Fußball und wenn mir dann einer sagt: "Heute habt ihr verloren, weil ihr nicht genug gekämpft habt", dann kann ich damit auch nicht so richtig was anfangen. Und wenn wir jetzt anfangen zu sagen: "Ist schön, was die Virologen sagen, aber wir können es ja auch mal so probieren", dann weiß ich nicht, ob das richtig ist. Es bringt jetzt nicht so viel, wenn wir eigene Regeln aufstellen, weil wir glauben, dass diese vielleicht besser oder sinnvoller sind. Ich kann den Gedanken dahinter durchaus nachvollziehen, aber ich finde, dass man das Heft nicht ganz allein in die Hand nehmen sollte. Sondern dass man sich eher an das halten sollte, was die Leute sagen, die davon in der Tiefe Ahnung haben. Und wenn 90 von 100 Virologen sagen, das ist gefährlich, dann sollte man da meiner Meinung nach drauf hören.

Kurzporträt

Geboren 1991 in Solingen, begann Christoph Kramer seine fußballerische Karriere beim BV Gräfrath. Nach Stationen in den Jugendabteilungen von Bayer Leverkusen und Fortuna Düsseldorf wechselte er 2011 als 20-Jähriger und auf Leihbasis in die zweite Liga zum VfL Bochum. Dort wurde er auf Anhieb zum Stammspieler. Vor allem in seiner zweiten Saison bildete er mit Leon Goretzka ein Mittelfeldzentrale der Extraklasse. Während Goretzka anschließend zum FC Schalke 04 wechselte, ging es für Kramer, abermals auf Leihbasis, zu Borussia Mönchengladbach. Bei den Fohlen wurde er zum Nationalspieler und im Sommer 2014 schließlich Weltmeister - Gehirnerschütterung und Gedächtnisverlust im Finale inklusive. Nach einer durchwachsenen Saison bei seinem Stammverein in Leverkusen wechselte Kramer 2016 endgültig nach Mönchengladbach.

Die Unions-Fans selbst sagten: "Entweder alle oder keiner." Wie sehen Sie das?

Ich kann die Fans von Union Berlin verstehen. Aber ich weiß nicht, ob es gerade um das Erlebnis Fußball geht. Ich wünsche mir auch ein volles Stadion. Wenn ich an die Alte Försterei komme, möchte ich auch, dass da alle Leute dabei sind. Ich weiß nur nicht, ob die Zeit momentan dafür reif ist.

Bei Borussia Mönchengladbach lief der Vorverkauf der Tickets für das Spiel gegen Union schleppend. Hat Sie das überrascht?

Ich kann in keinen Menschen hineingucken. Aber wenn irgendwer sagt, dass ihm das zu risikoreich ist, kann ich das verstehen. Wenn jemand sagt: "Ich bin heiß drauf, aber mir ist das zu gefährlich", dann sage ich: "Ich wäre anders, aber ich verstehe dich." Weil wir jetzt innerhalb dieses halben Jahres alle mitbekommen haben, dass mit dem Virus nicht zu spaßen ist. Und obwohl viele dieses ganze Thema vielleicht nicht mehr hören können, muss man jede Meinung dazu respektieren.

Der Borussia-Park war zwischenzeitlich mit einigen Tausend Pappkameraden gefüllt, die eine Zuschauermenge simulieren sollten. Hat man das während des Spiels wahrgenommen?

Ich finde, das war eine gute Idee. Die Pappkameraden haben schon etwas ausgemacht, wenn man auf den Rasen gekommen ist. Aber es war auch eine Sinnestäuschung, weil man erwartet hat, dass dann auch eine Geräuschkulisse entsteht. Also optisch hatte es auf jeden Fall seinen Reiz. Soundtechnisch hätte da noch mehr kommen können von den Pappfiguren. (lacht)

Das Spiel gegen Union am Samstag wird zu einem Wiedersehen für Sie. Sie treffen auf Max Kruse, der einst mit Ihnen in Gladbach spielte und mit dem Sie schonmal Silvester in Sydney gefeiert haben. Als sie hörten, dass er zu Union wechselt, was haben sie ihm da gesagt?

Ich finde, dass der Wechsel für beide Seiten mit sehr viel Charme verbunden ist. Das kann eine Win-Win-Situation werden. Ich finde es gut, dass er wieder in die Bundesliga gekommen ist, dass er sich für Union Berlin entschieden hat. Das zeigt ja auch, dass er nicht, wie ihm oft nachgesagt wird, dem großen Geld nachgejagt ist. Er hat sich für einen Verein entschieden, hinter dem er steht und das finde ich echt gut.

Das heißt aber auch, dass das Mattuschka-Trikot Konkurrenz bekommt.

Also die Nummer zehn von Union Berlin muss man sich sichern, denke ich.

Gibt es denn eine Marotte des Fußballers Max Kruse, bei der sie den Unionern sagen können: Keine Sorge, der ist so, das ist normal bei dem …?

Er ist nicht der Fleißigste im Training, aber man kann sich um 15:30 Uhr am Samstag immer auf ihn verlassen. Es gibt ganz wenige Spieler, die ohne Training ein gutes Spiel machen können. Max Kruse ist einer dieser wenigen Spieler, die es schaffen, ohne sich im Training ein Bein rauszureißen, am Samstag voll da zu sein.

Es heißt, dass sie Spielberichte über ihre eigenen Einsätze in eine Art Tagebuch schreiben. Beim 4:1-Heimsieg über Union in der vergangenen Saison sind sie in der 72. für Patrick Herrmann eingewechselt worden. Wissen Sie aus dem Stand, was zu diesem Spiel im Tagebuch steht?

Ich muss sagen, dass ich im Nachtrag bin. Ich glaube, die letzten Spiele habe ich noch nicht gemacht. Aber das wäre jetzt wohl kein wahnsinnig spektakulärer Eintrag geworden. Ich bin eigentlich nur reingekommen, um das Ding mit über die Zeit zu bringen.

2015 im Gladbach-Trikot: Christoph Kramer und Max Kruse jubeln gemeinsam. / imago images/Jan Huebner
Gemeinsamer Jubel im Gladbach-Trikot vor fünf Jahren: Christoph Kramer und Neu-Unioner Max Kruse.Bild: imago images/Jan Huebner

Was steht da im Normalfall drin?

Das kann man gar nicht so sagen, das kommt immer ganz drauf an. Oft sind es Momente, die mich beschäftigt haben. Das kann ein banaler Moment sein, wenn man nach dem Spiel in die Kurve geht und da passiert irgendwas Besonderes. Es sind Anekdoten, an die ich mich gerne erinnere. Und ab und zu schaue ich da jetzt schon rein, aber eigentlich mache ich das, damit ich in 20, 30 Jahren reingucken kann. Wenn die Zeit das Ganze ein bisschen in Vergessenheit gespült hat, dass es mir dann nochmal die Glücksgefühle vor Augen führt. Da freue ich mich drauf. Das Einzige, worauf ich mich freue in 20, 30 Jahren. (lacht)

Unions ehemaliger Sportdirektor Christian Beeck sagte diese Woche im rbb-Sport-Podcast Hauptstadtderby, für die Eisernen wäre das Spiel in Gladbach perfekt, weil sie sich auf ihre Grundtugenden berufen könnten: Eklig sein, defensiv spielen und dann Nadelstiche setzen. Mit welcher Erwartungshaltung geht man als Spieler in eine solche Partie? Denkt man sich: Oh Gott, das wird eine zähe Nummer? Oder freut man sich und denkt: Das wird ein schöner Fight!

Erstmal freuen wir uns auf einen Samstag, 15:30 Uhr, mit vielen Fans. Aber wir sind natürlich auch gewarnt. Speziell im Hinspiel der letzten Saison haben die Berliner uns das Leben sehr, sehr schwer gemacht und deswegen wissen wir, was auf uns zukommt und dass sie durchaus Qualität haben.

Also keine Bange vor einem Kampfspiel?

Ich glaube, dass wir mittlerweile eine Mannschaft und einen Geist haben, um auch über andere Tugenden zu kommen als die, für die Gladbach bislang bekannt war. Wir können schon auch, wenn es das Spiel hergibt, über zweite Bälle spielen, richtig eklig sein, richtig Wucht entwickeln. Auch wenn es manchmal nicht schön aussieht. Wir haben da schon ein paar Facetten dazu gewonnen und keinen Bammel davor, wenn es körperlich wird. Ich persönlich mag das manchmal sogar ganz gern.

Auch vor diesem Spiel werden Sie sich wieder ihren festen Abläufen widmen, von denen Sie selbst mal sagten, sie wären Ihnen "fast schon peinlich". Wovon reden wir dabei genau?

Das hat jeder Spieler. Peter Neururer hat das mal ganz treffend "erfolgsorientiertes Handeln anstatt Aberglaube" genannt. Das sind Sachen wie: linken Schienbeinschoner zuerst anziehen, linken Schuh zuerst anziehen. Also banale Sachen, die keinem Menschen auffallen, wenn man es nicht weiß. Ich muss da auch nicht drüber nachdenken, weil es feste Abläufe sind.

Und die werden geändert, wenn der Erfolg mal ausbleibt?

Nö. (lacht) Bis jetzt ist alles vernünftig gelaufen, deswegen halte ich daran fest.

Immerhin sind Sie für Ihr Leben Fußball-Weltmeister. Gibt es eigentlich immer noch Sprüche wegen der Erinnerungslücke aus dem Finale 2014?

Die sind weniger geworden. Ich habe auch wirklich jeden Witz von ganz vielen Menschen und zu häufig gehört. Dann ist es auch irgendwann nicht mehr so richtig lustig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ilja Behnisch, rbb Sport.

1 Kommentar

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  1. 1.

    Chrissie ist einer der sympathischsten Typen im deutschen Fussball. Seine Expertisen zur WM '18 im ZDF waren auch sehr fundiert und unterhaltsam. Super Typ!

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