Berlin Marathon 2019 (imago images)
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Interview | Marathon-Manager Jürgen Lock - "Die besondere Belastung ist, dass sie im Kreis laufen"

Den Berlin-Marathon in seiner klassischen Form wird es in diesem Jahr nicht geben. Was sich Jürgen Lock, Geschäftsführer des Veranstalters SCC Events, vom Alternativprogramm verspricht und was er für kommendes Jahr erwartet.

"Der etwas andere Marathon-Tag" - am Sonntag ab 9 Uhr bei rbb|24 im Livestream

rbb|24: Wie weit schaffen Sie es eigentlich beim Laufen in 2:01:39 Stunden?

Jürgen Lock: (lacht) Normalerweise genau einen Halbmarathon.

Um genau diese 2:01:39 Stunden - die Weltrekord-Zeit von Eliud Kipchoge - wird es am Wochenende gehen. Eigentlich hätte am Sonntag der Berlin-Marathon mit zehntausenden Teilnehmern stattgefunden. Die Corona-Pandemie macht das unmöglich. Dennoch werden viele Läufer die Sportschuhe anziehen. Bei der Ersatzveranstaltung läuft jeder für sich - verbunden über eine App. Die Challenge: In eben jenen 2:01:39 Stunden möglichst weit kommen. Wie viele haben sich die App schon heruntergeladen?

Wir haben sie am Dienstag gelauncht. Die ersten 3.500 Läufer haben sich die App schon heruntergeladen - plus 600 Skater (Stand Donnerstagmittag, Anm. d. Red.). Das ist dafür, dass es aktuell unter der Woche ist, erstmal eine gute Zahl. Darunter sind rund 90 Nationen, die schon im Boot sind. Das haben wir auch bereits gemessen.

Es ist ein komplett neues Event - eine Innovation, erzwungen durch eine Pandemie. Wie groß ist die Neugierde, aber auch die Anspannung, ob das auch tatsächlich funktioniert?

Wir haben alle keine Erfahrungen mit virtuellen Rennen gehabt. Es wird sehr interessant sein zu sehen, wie das wird - egal, ob das jetzt positiv oder nicht so positiv angenommen wird. Es ist aber auf jeden Fall ein großes Statement, wie sich der Laufsport in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Sind virtuelle Rennen etwas, was dazukommen wird, auch wenn wir wieder normale Veranstaltungen durchführen können? Funktioniert es nur als Ersatz? Oder interessiert es die Leute gar nicht? Wir wollen also auf der einen Seite etwas anbieten - die "02:01:39 Challenge" ist eine tolle Aktion, mit der wir unsere Community ansprechen wollen. Aber es ist für uns eben auch eine Chance zu sehen, ob diese Form der Rennen für unsere Branche ein Modell ist oder nicht.

Normalerweise würden in ein paar Tagen zehntausende Läufer in Berlin starten. Nun gibt es das virtuelle Event über die App - neben zwei Profi-Staffeln, die rund um die Siegessäule laufen und den Weltrekord jagen. Inwiefern sind die Anforderungen in der Vorbereitung andere?

Der Unterschied ist natürlich, dass wir sehr viel auch im technologischen Bereich arbeiten. Läuft die App so, wie wir uns das vorgestellt haben? In der haben wir auch ein paar Sonder-Features. Es kann zum Beispiel auch eine Tonspur laufen. Wir versuchen - und das ist das Tolle an dieser App - auch ein bisschen Marathon-Stimmung zu erzeugen. Insgesamt ist ein völlig anderes Setup. Es ist virtuell. Wir müssen uns auf die Technologie verlassen können. Das ist für alle wirklich Neuland.

Was wird bei Ihnen am Wochenende überwiegen: Die Freude, dass es überhaupt eine Veranstaltung gibt - oder doch die Wehmut, dass der Marathon nicht in der Form stattfinden kann, wie er eigentlich in Berlin gefeiert wird?

Es ist beides. Was mir absolut fehlt - genau wie allen Kollegen und Menschen, die in der Community mit dabei sind - ist das Reale. Das ist schon etwas, was für Berlin so eine wichtige Säule darstellt. Man arbeitet auf ein Highlight mit 60.000 Leuten in der Stadt hin. Das ist eine ganz eigene Atmosphäre, wenn die Stadt lebt und die Leute hier reinkommen. Das wird uns am Sonntag schon auch emotional so gehen, dass wir an der Siegessäule etwas machen, das der Ersatz ist. Und wir nennen es auch wirklich Ersatz. Das hat nichts mit einem Berlin-Marathon zu tun, wie wir ihn sonst haben. Es geht darum, ein Zeichen zu setzen, dass wir noch da sind. Wir wollen zeigen, dass das Laufen - in dieser Stadt, aber auch weltweit - auch durch die Pandemie nicht abgebrochen worden ist. Wir sind eine riesige Community. Es sind Millionen Menschen, die laufen. Die freuen sich dann auch, hoffentlich 2021 wieder alle nach Berlin zu kommen.

Jürgen Lock, Geschäftsführer SCC Events
Macht sich nicht nur Gedanken um fast 50.000 Marathon-Teilnehmer, sondern auch um 70 Angestellte: Jürgen Lock, Geschäftsführer SCC Events. | Bild: SCC Events

Wie wichtig ist Ersatz-Veranstaltung in diesem Jahr auch, um die starke Marke Berlin-Marathon trotz des Ausfalls zu präsentieren und zu zeigen: Uns gibt es noch!

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Man redet aktuell sehr viel über Zuschauer in den Stadien. Aber man redet fast nicht über die zig verschiedenen Sportarten, die derzeit immer noch nicht die Möglichkeit haben, so wie 2019 zu veranstalten und ihren Sport zu betreiben. Da gilt es, ein Zeichen zu setzen. Es ist eine wichtige Säule für die Sportmetropole Berlin. Es ist wichtig, dass wir das auch über das Fernsehen transportieren können. Wir wollen zeigen, dass sich Berlin und die Welt trotz Pandemie weiter bewegen. Bewegung ist ein ganz, ganz wichtiger Inhalt. Dabei geht es vor allem auch um das soziale Miteinander.

Gleichzeitig geht es auch um wirtschaftliche Nöte. Der Ausfall des Berlin-Marathons in seiner eigentlichen Form bedeutet für den Veranstalter SCC Events, dessen Geschäftsführer Sie sind, große Einbußen. In einem Interview sagten Sie zuletzt, wenn der Marathon auch 2021 nicht wie gewohnt stattfinden könne, sei "Schicht im Schacht". Wie ist aktuell die finanzielle Lage?

Dieses "Schicht im Schacht" habe ich nicht einfach nur so plump herausgesagt. Wir haben 70 Mitarbeiter, die gewissermaßen ein Dreivierteljahr auf eine Veranstaltung hinarbeiten müssen. Und es ist ja nicht nur der Marathon. Wir haben 17 Veranstaltungen. Wir haben eine Team-Staffel mit 30.000 Leuten. Wir haben einen Halbmarathon mit 36.000 Teilnehmern. Für uns ist es wirtschaftlich in der Form einfach nicht mehr haltbar, wenn wir die nicht durchführen können. Das geht vielleicht mal für neun oder zwölf Monate. Aber danach wird es für jede Firma, jeden Veranstalter und jeden Verein schwer. Wenn wir den Berlin-Marathon, den Halbmarathon und drei, vier weitere Veranstaltungen im nächsten Jahr auch in der Größe nicht wie gewohnt stattfinden lassen können, ist es noch keinem klar, was das eigentlich bedeutet. Das muss man besprechen und diskutieren - auch mit dem Land und mit dem Bund. Welches Engagement bringen auch sie mit ein und in welcher Höhe, damit man eine Traditionsveranstaltung am Leben erhält.

Schaut die Politik zu wenig auf den Laufsport und Veranstalter wie Sie?

Der Spitzensport ist beim Bundesministerium des Inneren angesiedelt. Wir aber wissen nicht, bei welchem Ressort wir im Bund überhaupt eingegliedert und wer die Ansprechpartner sind. Dieses Problem hat die Veranstaltungsbranche insgesamt und ich finde, das ist etwas, was der Bund lösen muss.

Auch für den Marathon 2021 bestehen vermutlich noch Unsicherheiten bei der Planung. Wie gehen Sie mit dieser Ungewissheit um?

Ende Oktober fangen wir die Anmeldung für 2021 an und wir haben die Situation, dass 85 Prozent der Starter von 2020 dabei sein werden. Das ist schön, das zeigt die Stärke der Marke und bedeutet aber auch, dass wir nur einen gewissen Prozentsatz rausgeben können. Anfang November werden wir vermutlich und gewissermaßen ausgebucht sein und damit geht natürlich auch unsere Planung los. Wir haben Sponsorenverträge, müssen Bestellungen vornehmen, die teilweise im Ausland produziert werden müssen, wir müssen Produktionslinien anschieben. Das heißt wir gehen in Vorleistung, ohne dass wir wissen, was im nächsten Jahr passiert. Und das ist es, was ich meine: Wenn der Marathon nächstes Jahr nicht stattfindet, ist Schicht im Schacht. Und auch mit einer Teilnehmerzahl von zehn bis 15 Prozent des Üblichen können wir das wirtschaftlich nicht stemmen.

Wir haben sportlich angefangen - und enden auch so. Sie schaffen einen Halbmarathon in 2:01:39 Stunden, haben Sie gesagt. Glauben Sie, dass die Profi-Staffel den Weltrekord von Eliud Kipchoge am Sonntag knacken kann?

(zögert kurz) Ja, ich bin da sehr optimistisch. Das Wetter wird um die 14 Grad sein. Wir müssen mal den Wind abwarten. Die besondere Belastung ist tatsächlich, dass sie im Kreis laufen. Das geht schon auf die Gelenke. Aber es gehen vier Athleten an den Start, die alle um die 28 Minuten auf 10.000 Meter laufen können. Von daher gehe ich davon aus: Ja, sie werden es schaffen!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johannes Mohren, rbb Sport.

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