Ronald Rauhe paddelt in Potsdam (Quelle: imago/Tagesspiegel)
Video: Jonas Schützeberg | Bild: imago/Tagesspiegel

Olympiasieger Ronald Rauhe paddelt bei Extrem-Staffel - Der Herr der Dolomiten

Es ist wohl der härteste Staffel-Wettkampf der Welt: der Dolomitenmann in Tirol. Pro Team treten ein Bergläufer, ein Paraglider, ein Kanute und ein Mountainbiker an. Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe suchte nach der Olympia-Verschiebung die Herausforderung. Von Jonas Schützeberg

Es ist kurz nach 7 Uhr an diesem Morgen, langsam schiebt sich die Sonne über die Gipfel der Lienzer Dolomiten. Wassertropfen perlen vom Zeltdach. Während Ronald Rauhe gähnend die Klappleiter heruntersteigt, liegen seine Frau Fanny und die beiden Söhne noch im Dachzelt auf dem schwarzen VW-Bus. Seine Familie begleitet den Potsdamer bei diesem Abenteuer.

"Seitdem ich heute morgen aufgestanden bin, zittern meine Hände", sagt Rauhe, während er mit einem Löffel in seiner Müslischale rührt. Auf einmal wird es laut über dem Campingplatz. "Das Schlimmste ist, ich weiß nicht genau, was passiert. Das kenne ich aus dem Kanurennsport gar nicht. Die Hubschrauber fliegen schon und meine Erwartung ist ziemlich hoch."

Die Hubschrauber sind auf dem Weg zu den Dolomitenkämmen, sie bringen trockene Klamotten für die Läufer. Während die Kanuten noch frühstücken, fällt der Startschuss für die Bergläufer - 2.000 Höhenmeter müssen sie bewältigen und ganz oben an die Paraglider abschlagen.

Bergläufer in den Dolomiten Quelle: imago/GEPA pictures)
Die Läufer beginnen den Wettkampf beim Dolomitenmann | Bild: imago/GEPA pictures

"Scheiße, ist das hoch"

Rauhes Trauzeuge Robby hat ihn zu dem Start beim Dolomitenmann überredet: "Mir hat es wirklich gefehlt wieder bei einem Wettkampf zu starten. Nach der Enttäuschung wegen der Olympia-Verschiebung versuche ich, wieder neue Motivation zu sammeln. Ich bewege mich ja oft in Grenzbereichen und finde das immer eine besondere Erfahrung, bei der ich viel über mich selber lernen kann."

Mit einem Kleinbus und den Kajaks auf dem Dach fährt die Gruppe die Drau flussaufwärts bis zum Start der Kanustrecke. Dort wartet das erste große Highlight. "Ach du scheiße, ist das hoch", sagt Rauhe an der Startrampe und blickt sieben Meter in die Tiefe. Mit einem Sprung beginnt der Parcours für die Paddler.

Vorher werden noch die Boote durchgemessen und verwogen, alles ist streng reglementiert. In der Zwischenzeit sind die Paraglider auf der Strecke, müssen die beste Thermik nutzen, um schnellstmöglich wieder hinunter nach Lienz zu fliegen und an die Kanuten zu übergeben.

Praglider fliegt durch die Dolomiten (Quelle: imago/GEPA pictures)
Die Paraglider übernehmen den zweiten Part der Staffel und fliegen ins Tal | Bild: imago/GEPA pictures

Ein Anfänger im Wildwasser

Dann ist auch Rauhe an der Reihe, im Startbereich wartet er auf seinen Teamkollegen. Grün leuchtet die Startnummer über seiner Schwimmweste, der Helm sitzt fest auf seinem Kopf. Er raut mit Kieselsteinen den Griff seines Paddels an, für den besseren Halt.

"Es fühlt sich an wie an einem WM-Finaltag, mein Puls ist jetzt schon bei 180. Das Schlimme ist, ich weiß nicht, wann es losgeht. Seit einer halben Stunde bin ich "on fire", aber genau das wollte ich. Ich wollte mich herausfordern, meine Arme fühlen sich jetzt schon an wie Pudding." Wenige Minuten später schlägt eine Hand auf seine Schulter - Staffelübergabe, es ist schon 12:30 Uhr.

Rauhe springt ins Boot und stürzt sich hinunter in die eiskalte Drau. Im Kanurennsport hat der 16-malige Weltmeister alles gewonnen. Im Wildwasser ist er unerfahren, mit den Stangen, den Toren und vor allem den Steinen, die unter den Wellen kaum zu sehen sind.

Kanute paddelt durch die Drau in Österreich (Quelle: imago/GEPA pictures)
An Postition drei paddeln die Wildwasser-Kanuten | Bild: imago/GEPA pictures

"Die Aufwärtspassagen sind die Hölle"

Zwischen Stromschnellen geht es flussabwärts, immer wieder versperren Slalomstangen den direkten Weg. Mit akrobatischen Einlagen versucht Rauhe den Kurs zu halten. "Einfach nur sicher unten ankommen", das war seine Vorgabe.

Sein Angstgegner ist ein Katarakt, eine felsige Stromaufwärtspassage, im Training ist er hier gekentert. Vier Versuche hat er zwei Tage zuvor gebraucht, um sich wieder aufzurichten, die Angst war in seinen Augen zu sehen, "da habe ich wirklich überlegt, ob ich hier ernsthaft starten kann".

Im Rennen klappt alles, Rauhe kommt ohne Fehler durch und schafft auch die geforderte 360 Grad Rolle im Ziel, angefeuert von seiner Familie. Zum Schluss muss er nur noch die Rampe hochrennen und an den Mountainbiker übergeben. "Das war schon knüppelhart, gerade die Aufwärtspassagen sind die Hölle", erzählt Rauhe schwer atmend im Zielbereich, minuntenlang steht er da, bewegt sich nicht.

"Dann fehlt mir auch noch der richtige Blick für das Wasser, um die Strecke lesen zu können. Da musste ich mich so zerreißen, das hat mich gekillt. Jetzt bin ich total erleichtert." Und während er irgendwie die letzten Worte rausdrückt, fließt Bier über seinen Kopf. Trauzeuge Robby war ein paar Minuten schneller unterwegs und hatte schon im Ziel gewartet.

Mountainbiker fährt die Dolomiten herunter (Quelle: imago/GEPA pictures)
An letzter Position fahren die Mountainbiker und bringen die Staffel ins Ziel | Bild: imago/GEPA pictures

Einen "Booty" als Strafe

Rauhes Team wird am Ende 70. von 100. Doch das ist nebensächlich, hier geht es ums Ankommen, erklärt Rauhe: "Jede Disziplin für sich ist über die Grenzen hinaus anspruchsvoll. Das sieht man auch daran, wie hier jeder ins Ziel kommt. Das alles kombiniert als Staffel ist ein einzigartiges Teamevent. Das merkt man auch an der Anfeuerung der Fans, da geht jeder ans Limit."

Gut 60 Kilometer Strecke und 4.000 Höhenmeter liegen hinter den Athleten und während die Sieger schon feiern, begleicht Rauhe Ehrenschulden. Wer im Training reinfällt, trinkt einen sogenannten "Booty" - ein Bier aus dem nassen Sportschuh.

Zurück am Campingsplatz ist Rauhe einfach nur müde, aber auch zufrieden. Mittlerweile ist es 16:00 Uhr, sechseinhalb Stunden hat sein Team gebraucht. Im nächsten Jahr will er wiederkommen - dann aber besser vorbereitet. Ein wenig Erfahrung im Wildwasser hat er ja sammeln können. Jetzt wartet erstmal eine Woche verdienter Urlaub auf den Olympiasieger und seine Familie.

Sendung: rbbUM6 | 14.09.20 | 18:00 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

2 Kommentare

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  1. 2.

    Dolomiten - Südtirol. (Internetrecherche)
    Toller Bericht, interessante Sportartenkombi, was im Nachhinein ärgert: Leider mal wieder so ein vom Blubberbrause mit Kaffee gesponsorter Event dieser Dolomitenmann.

  2. 1.

    Liebes rbb-TEam,

    ich war schon oft in Tirol, aber die Dolomiten habe ich da noch nie gefunden.

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