Radsportler fahren in Paris am l´Arc de Triomphe vorbei
Video: Mittagsmagazin | 20.09.2020 | Hendrik Deichmann | Bild: dpa/ROT

Die Tour de France aus regionaler Sicht - Ein "Road Captain", zwei Ausreißer und die rote Laterne

Es war eine bemerkenswerte Frankreich-Rundfahrt, mit vielen Überraschungen und neuen Gesichtern, mit regionalen Entdeckungen und Enttäuschungen. Jonas Schützeberg bilanziert die Leistungen der Starter aus Berlin und Brandenburg.

Die Sonne verschwand schon halb hinter dem Arc de Triomphe, dem Pariser Triumphbogen, als Tadej Pogačar den Pokal in den Himmel hob. Die goldenen Strahlen zielten genau auf den zweitjüngsten Sieger der Tour-Geschichte. Ungewöhnlich still war es auf der vielleicht bekanntesten Straße der Welt, nur wenige Zuschauer waren bei der Siegerehrung des wichtigsten Radrennens auf dem Champs-Élysées zugelassen.

Der erst 21-jährige Slowene ist die Sensation dieser Tour de France, wohl kaum jemand hätte mit seinem Sieg gerechnet. Es könnte der Beginn einer neuen Ära im Radsport werden - die aber auch einige deutsche Fahrer mitprägen wollen, der kurzzeitig auch in Cottbus aktive Lennard Kämna gewann eine Bergetappe als Ausreißer. Doch das Fazit der Berliner und Brandenburger Starter bei der diesjährigen großen Schleife fällt gemischt aus.

Der Mann der Attacken

Einmal mehr war es der Berliner Simon Geschke, der überzeugen konnte. Der Mann vom Team CCC zeigte seine erwarteten Qualitäten als Ausreißer, denn sein polnisches Team hatte keinen Mann fürs Gesamtklassement. Der Hauptsponsor zieht sich zum Saisonende zurück, also machte Geschke Werbung für sich selbst, so wie bei seinem Etappensieg 2015 in Pra Loup.

"Die Tour ist in diesem Jahr so spät, da haben viele Fahrer schon ihre neuen Verträge unterschrieben. Meine Gespräche laufen seit Juni, ich denke die Tour war keine schlechte Visitenkarte für mich", sagte Geschke im Gespräch bei der ARD Sportschau. Vor allem in der zweiten Hälfte der Rundfahrt zeigte sich der Berliner stark, fuhr immer wieder in Fluchtgruppen mit, was ihm mehrere Top-10-Platzierungen einbrachte.

Geschke setzt dabei auf vegane Ernährung. "Es geht mir sehr gut", erklärte Geschke der Sportschau, "die Zeit, als alle dachten, als Veganer kann man nur Salat essen, ist vorbei. Wir haben einen sehr guten italienischen Koch im Team, ich esse fast alles, vor allem kalorienreich, eben nur keine toten Tiere."

Tony Martin führt Fahrerfeld anTony Martin führt Fahrerfeld an (Quelle: dpa / BELGA)

Der enttäuschte Wortführer

Für Tony Martin endete die Tour mit einem Schock. Am vorletzten Tag ging der sicher geglaubte Gesamtsieg seines Kapitäns Primož Roglič doch noch verloren: "Ich hatte mich mental schon auf eine Feier mit den Jungs eingestellt. Dass wir das Ding auf der letzten Minute noch verlieren würden, da habe ich nie dran gedacht. Ich muss ehrlich sagen, ich war selten so enttäuscht", sagte Martin in der Sportschau.

Drei Wochen lang war Jumbo Visma das stärkste Team von allen. Jede Bergetappe fuhren sie von vorn. Wenn alle anderen Favoriten isoliert waren, hatte Roglič meist noch drei bis vier Helfer um sich. Doch das half alles nichts, auf der vorletzten Etappe distanzierte Pogačar Roglič bei einem Einzelzeitfahren in den Bergen um fast zwei Minuten - weg war der Toursieg.

Für Tony Martin kam es noch schlimmer an diesem Tag: 2.000 Schweizer Franken Strafe vom Rad-Weltverband wegen nicht regelgerechter Kleidung. Die bunten Streifen an seinem Oberarm, die ihn als ehemaligen Zeitfahrweltmeister kennzeichnen, stimmten in den Maßen nicht. Für Martin war das eine Farce: "Es ist eine Schande, dass die UCI solche Strafen verteilt und auch die Höhe ist nicht vertretbar und nicht nachvollziehbar. Die UCI legt die Prioritäten zu oft auf unwichtige Sachen."

Dem Cottbuser und seinem Team blieben am Ende immerhin drei Etappen-Siegen. Und Tony Martin hatte als Wortführer und sogenannter "Road Captain" einen nicht zu unterschätzenden Anteil am guten Gesamtauftritt der schwarz-gelben Equipe. Unvergessen bleibt das wiederkehrende Bild vom Beginnder Tour, als Martin nach zahlreichen Stürzen das Fahrerfeld mit wedelnden Armen auf regennasser Straße zum langsameren Fahren animierte.

Die rote Laterne

Wenn der Titel des härtesten Arbeiters vergeben würde, wäre Roger Kluge sicherlich einer der Favoriten. Der Eisenhüttenstädter war drei Wochen lang immer an der Seite von Caleb Ewan, dem Top-Sprinter von Lotto-Soudal, zu sehen. Egal ob in den Bergen oder bei den Massensprints, Kluge hat eigene Ambitionen stets zurückgestellt - und das mit Erfolg. Zwei Etappen konnte Caleb Ewan gewinnen.

Doch gerade in den Bergen musste Kluge an der Seite von Ewan oft gegen das Zeitlimit kämpfen, um nicht von den Tour ausgeschlossen zu werden. Nebenbei gewann der Bahnradweltmeister deshalb aber eine Sonderwertung der Tour, auch wenn es nur eine inoffizielle ist. Als erster Deutscher seit Willy Kutschbach im Jahr 1935 holte Kluge die rote Laterne - als Letzter der Gesamtwertung. Früher war das sogar eine dotierte Wertung, heute bringt sie nur noch gewissen Ruhm und Anerkennung. Immerhin hat auch der Letzte das Ziel der Tour erreicht.

Maximilian Schachmann steht mit Blumenstrauß bei der Siegerehrung
Maximilian Schachmann steht mit Blumenstrauß bei der Siegerehrung | Bild: imago/Panoramic International

Der kämpferische Kronprinz

Mit einem gebrochenen Schlüsselbein ging Maximilian Schachmann in diese Tour de France. Als Edelhelfer für Emanuel Buchmann wollte er mit dem Team Bora-hansgrohe das Podest angreifen, doch die deutsche Equipe enttäuschte - auch wegen mehrerer Verletzungen wie der von Schachmann im Vorfeld. Schon in den Pyrenäen waren alle Träume einer vorderen Platzierung ausgeträumt.

Auch der Plan, Topstar Peter Sagan ins grüne Trikot zu fahren, scheiterte. Der siebenmalige Sieger des Trikots des besten Sprinters hatte nicht die Form der letzten Jahre, wurde lediglich zweimal Etappendritter. Knapp 100 Punkte fehlten ihm am Ende auf den Mann in Grün, Sam Bennett aus Irland. Immerhin erzielte Kämna einen Tagessieg für Bora.

In der zweiten Hälfte bekam Schachmann seine Freiheiten und fast hätte es für der Berliner gereicht. Bei der 13. Etappe hinauf zum Puy Mary wurde er Dritter und als kämpferischster Fahrer ausgezeichnet.

Nun liegt der Fokus auf der Straßen-Weltmeisterschaft in der Schweiz. Schachmann führt das deutsche Aufgebot für die am Donnerstag beginnenden Welttitelkämpfe an.

Sendung: rbb UM6, 20.09.2020, 18:00 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

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