Roger Kluge sitzt auf dem Fahrrad
Video: rbb24 | 19.09.2020 | Uri Zahavi | Bild: Augenklick/Roth

Roger Kluge trägt rote Laterne bei Tour de France - Der letzte Mann

Der Kampf ums gelbe Trikot bestimmt die Tour de France. Ein Rechenspiel mit Zeitbonifikationen und wahren Schlachten in den Bergen. Doch die Tour zeigt auch kleine Helden wie Roger Kluge, der eine ganz spezielle Wertung anführt. Von Jonas Schützeberg

Im "l'Autobus" rollte er ins Ziel, knapp vor dem Besenwagen. Kurzes Abklatschen mit den Team-Kollegen, Roger Kluge konnte durchatmen am Ende der 18. Etappe. Er sah erleichtert aus. Viel hat Kluge in den Alpen für Caleb Ewan gearbeitet, den Topsprinter seines Teams, der schon zwei Siege einfahren konnte.

Bei der letzten schweren Bergetappe kam Kluge 00:31:32 nach dem Sieger im "Gruppetto" der Sprinter ins Ziel. Trotzdem oder gerade deshalb bleibt der Eisenhüttenstädter in seiner Wertung vorn - besser gesagt ganz hinten, denn er ist 149. der Gesamtwertung der Tour und damit Letzter.

Tony Hoar (Grossbritannien) mit der inoffiziellen Auszeichnung der Roten Laterne
Der Britte Tony Hoar erhält die rote Laterne 1955 | Bild: dpa/akg

Preisgelder gegenüber Ruhm und Anerkennung

Der 34-Jährige von Team Lotto-Soudal trägt die "laterne rouge", die rote Laterne - eine inoffizielle Wertung bei der Frankreich-Rundfahrt, bei manchen beliebt, bei anderen gefürchtet. Es ist ein taktisches Spiel mit der Karenzzeit, jener Zeit, innerhalb derer abgehängte Fahrer nach dem Etappensieger im Ziel sein müssen. Wer langsamer ist, fliegt aus dem Rennen.

Wichtig ist ihm seine Platzierung allerdings nicht: "Es war nie mein sportliches Ziel, das ist eher so entstanden. Manchmal mussten wir unser eigenes kleines Gruppetto hinter dem Gruppetto bilden, so hart wird bei der Tour gefahren. Früher gab es für die rote Laterne mal was, da wäre der Anreiz sicher größer. Heute versuche ich eher anders zu glänzen und hänge mich fürs Team voll rein."

Während ein Etappenerfolg 11.000 Euro einbringt, der Tour-Gesamtsieger 500.000 Euro erhält und der Erste oben bei einer Bergwertung der 4. Kategorie immerhin noch mit 200 Euro belohnt wird, bekommt der Gewinner der roten Laterne gar nichts, außer Ruhm und Bekanntheit.

Jacky Durand fährt mit einer roten Laterne auf dem Rennrad (Quelle: dpa)
Jacky Durand fährt 1999 mit einer roten Laterne nach Paris | Bild: dpa

Alkohol und Sabotage in der Historie

Früher war das mal anders. In den Anfängen der Tour-Geschichte 1903 gab es noch ein Preisgeld und einen Pokal für den letzten Platz, als Anerkennung für Kampfgeist und Durchhaltevermögen.

Beim Giro d'Italia konnten die Fahrer zwischen 1946 und 1951 ins "Maglia Nera", ins schwarze Trikot fahren, verbunden mit einer Geldprämie. Legendär sollen die Kämpfe zwischen Sante Carollo und Luigi Malabrocca um den letzten Platz gewesen sein.

Malabrocca soll sogar sein eigenes Rad sabotiert, sich in Bars und Scheunen versteckt haben. 1952 brauchte der Italiener für die letzten 40 Kilometer 03:15:00, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 12 km/h entsprechen würde. Daraufhin wurde das schwarze Trikot noch während der Rundfahrt abgeschafft.

Wegen seiner Ausreißversuche einer der beliebtesten Fahrer der Franzosen, Jacky Durand, gewann diese Sonderwertung der Tour de France 1999 und fuhr mit einer echten Laterne über die Champs-Élysées. Im folgenden Jahr sprach ihn eine ältere Frau vor dem Tour-Start an: "Sie erkenne ich wieder. Sie waren doch der Letzte der Tour." An seine zahlreichen Etappensiege konnte sie sich nicht erinnern.

Die dreifache rote Laterne

Wenn alle verbliebenen Fahrer am Sonntag in Paris ins Ziel kommen, wird Kluge wohl seinen 149. Platz verteidigen, aktuell beträgt sein Rückstand auf den Vorletzten 04:38. Vielleicht schafft Lotto-Soudal sogar die dreifache "laterne rouge", denn vor Kluge liegen mit Frederik Frison und Caleb Ewan ebenfalls zwei Fahrer aus der belgischen Mannschaft.

Die werden Kluge, nach der geleisteten Arbeit fürs Team, den Titel wohl kaum streitig machen. Dann liegen knapp 3.500 Kilometer hinter dem Bahnrad-Weltmeister. Auch wenn er Letzter wird, hat er Stand jetzt 29 der 176 Ende August gestarteten Fahrer hinter sich gelassen, denn die haben die Tour schon längst unterwegs aufgegeben.

"Zu Beginn der Tour wird nicht viel darüber gesprochen. Ist man aber erstmal Vorletzter, dann ist es natürlich ganz witzig, sich diesen Titel zu holen. Es gab schon extra Startnummern, das liegt auch am medialen Interesse. Wenn ich hinten war, habe ich ums Überleben gekämpft", sagt der Ex-Profi und heutige ARD-Experte Fabian Wegmann.

"Es ist mir Wurst, ob ich Letzter bin"

05:55:48 Rückstand hat Kluge aktuell auf den Mann in Gelb, Primož Roglič. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich da nochmal viel nach vorne fahre. Ich will in Paris ankommen, wir haben mit Caleb Ewan noch ein Ziel. Es ist mir eigentlich Wurst, ob ich Letzter bin", erklärt Kluge.

Gelingt ihm das Kunststück, wäre er erst der dritte Deutsche. Der vorerst Letzte mit dieser Auszeichnung war Willy Kutschbach - im Jahr 1935. Rekordhalter bleibt Wim Vansevenant. Der Belgier beendete die Frankreich-Rundfahrt zwischen 2006 und 2008 drei Mal hintereinander als Schlusslicht.

Kein Pokern im Zeitfahren

Beim Zeitfahren am Samstag muss Roger Kluge als Erster auf die Strecke, kennt also keine Zeiten der Konkurrenten. Pokern auf den letzten Platz der Etappe wird er allerdings nicht: "Ich muss Vollgas fahren, um durchzukommen und im Zeitlimit zu bleiben. Für die Sprintankuft in Paris kann ich mich nicht schonen, selbst wenn ich eine Minute langsamer fahre, werden die Beine am nächsten Tag nicht besser sein."

Die Abschlussetappe auf den Champs-Èlysées gilt als Königsetappe der Sprinter, da will Kluge nochmal alles geben für Caleb Ewans dritten Etappenerfolg. "Mein Ziel ist es, den letzten Kilometer in den Top Ten zu fahren und den Sprint anzuziehen, da wird wohl keine Zeit mehr bleiben ein rotes Lichtlein aus der Trikottasche zu ziehen", sagt Kluge und lacht.

"Wenn ich nächstes Jahr nochmal Letzter werden sollte, dann überlege ich mir vielleicht etwas für die Ankunft in Paris." Eine rote Laterne wird Roger Kluge am Sonntag also nicht auspacken, vielleicht reicht es aber für den Etappensieg seines Teams, sicherlich ein größerer Anreiz, mit den verbundenen 11.000 Euro. Ruhm und Anerkennung wird es dafür garantiert auch geben.

Sendung: rbbUM6, 17.09.2020, 18:00 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

1 Kommentar

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  1. 1.

    Auch wer als Letzter die Tour de France beendet, der hat Großes geleistet. Leider ist die Entlohnung im Radsport außerhalb der Spitze erbärmlich.

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