Archivbild, Basketball Berlin 13.10.2020 Saison 2020 / 2021 Euroleague Regular Season 3. Spieltag Alba Berlin - Anadolu Efes Istanbul, Team Alba Huddle (Quelle: imago images / Tilo Wiedensohler).
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Berlin gewinnt 93:88 in Moskau - Alba überrascht in Euroleague

Nach drei Niederlagen zum Auftakt der Euroleague-Saison war Alba Berlin mit geringen Erwartungen in die russische Hauptstadt gereist. Am Ende stand nicht nur der erste Sieg in Moskau seit 20 Jahren, sondern auch eine überzeugende Leistung.

Der deutsche Basketballmeister Alba Berlin hat in der Euroleague eine große Überraschung geschafft. Das Team des spanischen Trainer-Routiniers Aito Garcia Reneses (73) gewann beim Titelverteidiger ZSKA Moskau 93:88 (47:51) und feierte damit den ersten Sieg im vierten Spiel der europäischen Königsklasse. Der Italiener Simone Fontecchio war mit 20 Punkten Albas erfolgreichster Werfer. Nach dem Sieg steht Alba nun auf Rang 16 der 18 Mannschaften umfassenden Euroleague.

Angetreten, um zu lernen

Alba begann nicht schlecht, das Team wirkte konzentriert und sichtlich bemüht, nicht zuviel Risiko einzugehen. Peyton Siva traf gleich einen Dreier. Aber körperlich hatte er gegen den viel größeren Gegenspieler Daniel Hackett kaum eine Chance – entsprechend schnell hatte Siva zwei Fouls auf dem Spielbogen und musste erstmal raus. Überhaupt war Moskaus Athletik ein buchstäblich riesiges Problem.

Der Berliner Trainer Aito hatte schon vor der schweren Aufgabe in der russischen Hauptstadt festgestellt: "Sie sind größer und stärker als wir. Unsere Idee ist, uns von Spiel zu Spiel zu verbessern. Aber gegen die stärksten Euroleague-Teams so früh in der Saison anzutreten, ist sehr schwierig für uns." Lernen und daran wachsen, das sei das Ziel, wie immer in der Aito-Schule. Aber es dürfte den Spielern nicht leichtfallen, sich die Freude am Lernen nicht durch Misserfolgserlebnisse versauen zu lassen und stattdessen weiter optimistisch zu bleiben.

Mike James, Guard in Diensten von ZSKA Moskau, im Euroleague-Heimspiel am 08.10.20 gegen Maccabi Tel Aviv (Quelle: imago images / Nicholas Muller).
Spezialität: Eingesprungene Superdreier aus der Ecke. Moskaus 1,85 Meter großer Lenker Mike James ist einer der besten Spieler der Euroleague.Bild: www.imago-images.de

Thiemann verletzt

In Moskau mussten die Berliner kurzfristig auch noch auf ihren Großen Johannes Thiemann (2,05 Meter) verzichten, der sich am linken Gesäßmuskel verletzt hatte. Thiemann war in den ersten drei Euroleague-Partien der einzige Center oder Power Forward, er ist ja irgendwas dazwischen, der sich unter den Brettern wacker schlug und Rebounds abgriff. Der längere Kreso Nikic hat es bis heute nicht geschafft, eine verlässliche Stütze der Mannschaft auf Topniveau zu werden. Dass er sich für den Dienst in Moskau aber ebenfalls krankmelden musste, half in der Zone nicht weiter.

Auf den Neuzugang Ben Lammers und den lange verletzten Tim Schneider kam deshalb mehr Arbeit zu, auf Sikma sowieso. Auch er war nicht gut in diese Saison gestartet. Kollege Lammers machte es erstmal gut, er reboundete und blockte, dann ging der Ball raus und da lauerten Berlins Schützen Eriksson und Fontecchio. Aber gegen Brocken wie den NBA-erfahrenen Toko Shengelia und Joel Bolomboy war es verdammt schwer, sich in die gefährliche Gegend nahe des Rings vorzuarbeiten.

Viermal Euroleague-Champion

Dass ZSKA's schiere Qualität Berlins Sorgen mit jeder weiteren Minute vergrößern würde, war abzusehen. Am Mittwoch erst haben die Moskauer noch in Istanbul gespielt, zwei Tage später schon mussten sie Alba besiegen. Nichts anderes wurde von ihnen erwartet. In seiner bereits fast 100 Jahre währenden Geschichte hat der Zentrale Sportklub der Armee (ZSKA) je viermal den Europapokal der Landesmeister und das heutige Äquivalent, die Euroleague, gewonnen. Er darf sich auch in dieser Saison berechtigte Hoffnungen auf das Final-Four-Turnier machen.

Schon die letzten fünf Spiele gegen Alba endeten immer mit einem Erfolg des ZSKA. Der Grieche Dimitris Itoudis hat das Team schon angeleitet, als es in Berlin eine Alba-Mannschaft unter der Leitung des Kollegen Obradovics zermalmte. Das ist sechs Jahre her und es spricht für Itoudis, dass er sich schon so lange als Cheftrainer eines Vereins mit derart hohen Ansprüchen halten kann.

Ein bisschen Leichtigkeit

Mit Beginn des zweiten Viertels machte sich Berlins Heimgekehrter Maodo Lo mit einem schönen Bodenpass genau in den Laufweg von Luke Sikma bemerkbar. Es sah jetzt alles nicht mehr so blockiert und zögerlich aus, wie am Dienstag gegen Istanbul. Besseres "Spacing", wie man das Erkennen und Nutzen des wenigen Raums auf dem Basketballfeld nennt, einfache Entscheidungen. Aufposten, Pass in die Zone, bevor sich alle sortiert haben und dann hoch damit. Wer frei war, nahm gleich den Wurf. Lo gelangen zwei mutige Dreier, Siva noch einer und der umtriebige Fontecchio punktete aus diversen Lagen.

Zum ersten Mal in dieser noch sehr kurzen Spielzeit schien Alba die Überzeugung zu finden, dass die Einzelteile wieder klicken, dass ein Flow entsteht und der Spaß zurückkommt. Basketball kann sich unendlich kompliziert anfühlen – oder federleicht, wenn die Überzeugung da ist, dass sich alles an seinen Platz fügt. In Kräfteverhältnissen bedeutete das: Meist führte Moskau. Die Gastgeber trafen zwischenzeitlich 80 Prozent ihrer Versuche von weit draußen.

Zur Pause lag Alba nur mit vier Zählern zurück

Die größte Gefahr für die Gäste ging wie erwartet von den beiden ZSKA-Importspielern aus, die dafür am besten bezahlt werden. Zum einen der ehemalige Ulmer Will Clyburn: Im vergangenen Jahr riss sich der US-Amerikaner im Spiel gegen Alba eines seiner Kreuzbänder. Inzwischen dominiert Clyburn die Offensive seines Teams wieder, als sei das nie geschehen. Er macht bisher knapp 18 Punkte im Schnitt und netzt fast 43 Prozent seiner Dreierversuche. Es kommt erschwerend hinzu, dass er den Ball auch in den Sekunden haben möchte, die über Sieg oder Schmach entscheiden.

Der Zweite in dieser Kategorie ist Mike James, obwohl nur 1,85 Meter lang, ein Shooting Guard der besten Sorte. James ist ein schneller, starker Dribbler mit extrem guter Spielkontrolle, ebenfalls sehr gefährlich von draußen. Kurz vor der Halbzeit bekam er seinen Paradewurf, eingesprungener Dreier aus der linken Ecke – und traf ihn. Sein Weg hat ihn von Portland / Oregon aus in die NBA geführt, aber da blieb er nicht lange, er blieb überhaupt nirgendwo lange. ZSKA ist sein elfter Arbeitgeber. James ist ein Kettenhund und streitbarer Teamkamerad, der es liebt, sich auf dem Feld zu fetzen. Zur Pause führte ZSKA mit 51:47, Alba hatte bis dahin viel mehr geleistet, als man nach den bisherigen Spielen erwarten konnte. Aber alleine James und Clyburn hatten bis dahin jeweils 15 Zähler und je drei Dreier auf dem Spielberichtsbogen stehen [euroleague.net].

Der Einbruch bleibt aus

Doch Alba blieb hartnäckig und spielte sich im dritten Viertel in einen kleinen Rausch. Mit 21:14 entschieden die Berliner diesen Spielabschnitt für sich. Das gestiegene Selbstbewusstsein war nun in fast jeder Aktion spürbar, in der Offensive klappten jetzt auch Zuspiele durch die Beine (Sikma auf Eriksson), in der Defensive half ein zunehmend verunsicherter Gastgeber aus Moskau, der unerwartet viele leichte Fehler produzierte und Turnover erlaubte.

Wirklich nervös schien ZSKA zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Doch auch im letzten Viertel sollte sich das vorher erwartete Ergebnis nicht einstellen. Zwar ließ Alba um den überragenden und vor Spielfreude sprühenden Luke Sikma ein ums andere Mal die Vorentscheidung liegen. Mal, weil ein letztes Anspiel zu ungenau war, mal, plötzlich selbst einfache Korbleger misslangen. Doch auch die Startruppe aus Moskau hatte sichtlich mit ihren Nerven zu kämpfen und agierte zu überhastet und fehlerhaft, so dass auch das vierte Viertel (25:23) und damit die gesamte Partie an die Berliner ging. Es ist ihr erster Sieg in ZSKAs eigener Halle seit 20 Jahren, erst der dritte in Moskau überhaupt.

7.000 von 14.000 möglichen Zuschauern erlaubt

Der Überraschungserfolg am Freitag war, wie momentan eigentlich jedes der Euroleague, von Folgen der Corona-Pandemie beeinflusst. Die Infektion des ZSKA-Spielers Andrej Lopatin wurde am Mittwoch bekanntgegeben, er ist der vierte betroffene Profi im Team. Drei andere haben die Infektion bereits hinter sich, dürfen aber noch nicht wieder ihrem Beruf nachgehen. Der Moskauer Mannschaftsarzt, erst Mitte 30, war im Sommer an den Folgen einer Covid-Erkrankung gestorben.

Am Freitag konnten behördlich genehmigt bis zu 7.000 Menschen auf den 14.000 bunt gesprenkelten Sitzen der Moskauer Arena Platz nehmen. Das sind zehnmal so viele, wie bei den bisherigen Berliner Heimspielen.

Die Euroleague befindet sich schon inmitten schwerer Turbulenzen. Bricht sie den Wettbewerb ab, entgehen ihr und den Klubs Einnahmen, auf die sie nicht verzichten können. Es geht ums wirtschaftliche Überleben. Ein sauber abgeriegeltes, keimfreies Turnier, wie es in den nationalen Ligen möglich ist, kann man sich in Europas stärkstem Wettbewerb nicht vorstellen. 18 Teilnehmer aus zehn Ländern - wie soll das funktionieren? "Glauben Sie mir, die Liga verliert ihren Wettbewerbssinn, ein Gefühl von Fairness", klagte der ZSKA-Trainer Dimitris Itoudis vor wenigen Tagen, angesichts der langsam ins Chaotische abgleitenden Zustände.

Unsichere Zukunft

Dem Konkurrenten Zenit St. Petersburg fehlen schon so viele kranke Profis, dass der Klub gerade zwei Spiele absagen musste – sie wurden als Niederlagen gewertet. Genauso ging es den Konkurrenten des französischen Klubs Villeurbanne, ihre beiden aktuellen Partien wurden abgesagt. Der ZSKA-Lokalkonkurrent Khimki hatte zuletzt noch sieben einsatzfähige Basketballer am Start. So wird es zunehmend fraglich, ob die Liga wirklich einen soliden Plan B hat, wenn die Zahlen weiter so steigen.

Immerhin: Historisches hat Alba mit dem Sieg gegen ZSKA in dieser Saison bereits geschafft.

Sendung: rbb24, 16.10.2020, 21:45 Uhr

Beitrag von Sebastian Schneider

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