Der Deutschland-Achter beim Training. Quelle: imago images/Sven Simon
Bild: imago images/Sven Simon

Ruder-Europameisterschaften in Polen - Mit Abstand zur Goldmedaille

Es war der erste und einzige internationale Ruder-Wettkampf in diesem Jahr. Während die Europameister in Polen gekürt wurden, befindet sich ganz Europa weiter in der Corona-Krise. Ein sportliches Großereignis zwischen Maske, Medaille und Moral. Von Jonas Schützeberg

Über dem Sessel und der Stehlampe hängen die Ruder-Einteiler zum Trocknen. Im schmalen Gang neben dem Bett stehen die Sporttaschen und Wasserflaschen. Achter-Schlagmann Hannes Ocik und der "Neue", der Berliner Olaf Roggensack, liegen auf dem Bett im Hotelzimmer und schauen Fernsehen - Zeitvertreib zwischen den Rennen.

Die Sportler des deutschen Ruder-Verbandes, die für die Ruder-EM nach Polen gereist sind, bilden ihre eigene kleine Blase. Sie bleiben innerhalb ihrer Disziplingruppe, verlassen das Hotel nur, wenn es an die Regattastrecke geht. Sie versuchen sich abzuschotten, zum Schutz vor der Corona-Pandemie. Seit Samstag ist ganz Polen eine sogenannte "rote Zone". Das bedeutet, überall im Freien muss ein Mund- und Nasenschutz getragen werden.

Hochsicherheits-Hygiene-Trakt

Wer den Bootspark an der Regattastrecke am Maltasee, also den Bereich der Athleten, betreten will, muss durch ein Drehkreuz, inklusive Handdesinfektion. Es gibt nur zwei Eingänge. Nur wer den entsprechenden Barcode auf seiner Akkreditierung hat, darf rein. Über ein Scan-System wird kontrolliert, wer sich innerhalb des geschützten Bereiches befindet. Maximal 20 Journalisten sind zugelassen, Zuschauer sind nicht erlaubt.

Die Athleten müssen selbst auf den Stegen eine Maske tragen. Erst wenn der Fuß den Steg verlässt und die Sportler im Boot sitzen, dürfen sie die Masken abnehmen. Freiwillige Helfer sammeln mit Gummihandschuhen zurückgebliebene Schuhe und Trinkflaschen ein und stapeln diese in grünen Plastikboxen - sauber nach Nationen getrennt. Es nerve nicht, vielmehr hätten sich die meisten an die Situation gewöhnt, sagen die Sportler. "Man hat schon gemerkt, dass hier was anders ist. Angst, dass etwas passiert, habe ich nicht. Das Hygienekonzept wird sehr gut umgesetzt", sagt Olaf Roggensack.

Die Athleten sind über die ganze Stadt verteilt, leben in unterschiedlichen Hotels. Offizielle Shuttle-Busse gibt es nicht. Wer zur Regattastrecke kommen will, muss den eigenen Kleinbus oder Pkw nehmen. Manche Nationen sind da einfallsreich. Die norwegische Mannschaft ist nur mit drei Athleten am Start. Mit einem Camper sind sie über Schweden, Dänemark und Deutschland nach Polen eingereist, inklusive Feldbett und kleiner Wohnküche an Bord, alles zum Selbstschutz.

Wie sinnvoll ist eine EM während der Corona-Pandemie?

Dennoch scheint es merkwürdig, dass ausgerechnet Polen, das seit über einer Woche täglich neue Infektionsrekorde schreibt, vom Robert-Koch-Institut nicht als Risiko-Gebiet eingestuft wurde. Lediglich Italien ist die zweite europäische Nation ohne Warnstufe, jeder Aufenthalt in einem anderen Land würde bei der Rückreise nach Deutschland zu einer Quarantäne führen.

Da stellt sich schon die Frage, wie sinnvoll solch ein sportliches Großereignis dieser Tage ist, an dem 31 unterschiedliche Nationen teilnehmen. Aus sportlicher Sicht sei die Frage leicht beantwortet, sagt der Potsdamer Olympiasieger Hans Gruhne: "Für den Kopf ist das brutal wichtig. Der Winter wird mental extrem hart. Da Olympia verschoben wurde, hat die EM schon einen hohen Stellenwert, es ist ja immerhin auch eine internationale Meisterschaft. Wir trainieren, um Regatten zu fahren".

"Das Rudern an sich ist ein sicherer Sport, es gibt einen Abstand auf dem Wasser. Wir wissen, wer in welchem Boot sitzt, so dass die Infektion im Boot extrem unwahrscheinlich ist. Wir müssen das Verhalten außerhalb des Bootes anpassen", erklärt der Pandemiebeauftrage des Ruder-Weltverbandes FISA, Jürgen Steinacker.

Achter EM-Titel in Folge

Im Vorfeld hat auch der deutsche Ruder-Verband die EM kritisch betrachtet. "Wir haben viel über die Regatta nachgedacht, fahren wir oder fahren wir nicht. Wir haben die Lage in Polen beobachtet. Wäre es zu einem Risikogebiet geworden, wären wir nicht angereist", sagt Sportdirektor Mario Woldt.

Der finale Sonntag findet ohne Zwischenfälle statt. Der Deutschland-Achter geht als klarer Favorit ins Rennen, auch weil der härteste Konkurrent, Großbritannien, nicht am Start ist. Das Mutterland des Rudersports hatte erst gar keine Mannschaft nach Polen geschickt, da man von "Übersee-Reisen" im Moment Abstand nehme, sehr zum Ärger der Athleten. Einige drohten bereits mit dem Rücktritt.

Für den Deutschland-Achter hätte die EM nicht besser laufen können. Im letzten Rennen des Tages beweisen sie eindrucksvoll ihre Vormachtstellung und werden vor Rumänien und den Niederlanden zum achten Mal in Folge Europameister, auch zur Freude des jungen Teglers Olaf Roggensack (Ruder-Club Tegel): "Es ist ein super Gefühl, mit der Mannschaft den Titel verteidigt zu haben. Für mich ist es eine Ehre, im Deutschlandachter sitzen zu dürfen".

"Damit hätten wir nie gerechnet"

Es war der erste Wettkampf seit fast 400 Tagen, seit der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Linz. Die Medaillen müssen sich die Athleten selber umhängen, auch das ist ein Teil des Hygienekonzeptes. Eines der Highlights aus deutscher Sicht ist die völlig überraschende Silbermedaille des Frauenachters um Roggensacks Vereinskollegin Alyssa Meyer.

Jahrelang war das weibliche Flaggschiff der Konkurrenz hinterher gefahren, die letzte EM-Medaille ist mehr als sechs Jahre her, der letzte noch größere Titel sogar schon 17. Alyssa Meyer kann es im Ziel kaum fassen: "Wir haben damit wirklich nicht gerechnet, weil wir einfach nur das abrufen wollten, was wir im Training geübt haben. Die Europameisterschaft ist ein Zwischenziel. Unser großes Ziel ist die Olympia-Qualifikation nächstes Jahr. Das ist ein großartiges Ergebnis mit dem wir sehr zufrieden sind".

Der große Gewinner ist die Niederlande

Wieviel diese Erfolge wert sind, wird sich erst im nächsten Jahr in Tokio zeigen, denn nach Polen ist jedes Land mit einer unterschiedlichen Vorbereitung angereist. Während manche Nationen trotz Corona-Krise normal weiter trainieren durften, war in anderen Ländern Mannschaftstraining noch bis vor ein paar Wochen verboten.

Am besten hat diese Zeit der Ungewissheit wohl die Niederlande genutzt. Das Nachbarland ist die erfolgreichste Nation dieser denkwürdigen EM mit sechs Titeln. Der deutsche Ruderverband beendet die Europameisterschaft mit einer Gold- und drei Silbermedaillen in den olympischen Bootsklassen, wobei fast überall mindestens ein Berliner oder Brandenburger Sportler mit an Bord war.

Sendung: rbb24, 11.10.20, 21:45 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

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