Drei Mädchen und ein Junge beobachten ihre Konkurentinnen bei einem Karate-Wettkampf. Quelle: dpa/Hans Wiedl
dpa/Hans Wiedl
Audio: Uri Zahavi | Bild: dpa/Hans Wiedl

Interview | Meral Molkenthin, Kinderschutzbeauftragte LSB - "Ich erlebe Vereine, die das Thema Kinderschutz unterschätzen"

Das Thema sexualisierter Kindesmissbrauch im Sport rückt immer mehr in den Fokus. Auch in der Region gibt es immer wieder Vorwürfe und Verdachtsfälle. Die Kinderschutzbeauftragte des LSB Berlin glaubt, dass das Thema in Deutschland zu oft noch Tabu ist.

Seit knapp anderthalb Jahren ruft die "Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" Betroffene aus dem Sport dazu auf, sich zu melden und ihre Geschichte zu erzählen. Bislang sind diesem Aufruf nur wenige Betroffene nachgekommen. Am Dienstag hält die Kommission in Berlin eine öffentliche Tagung zu dem Thema ab.

rbb|24: Frau Molkenthin, viele Eltern fragen sich, ob sie ihre Kinder guten Gewissens in einen Sportverein schicken können. Was antworten Sie denen?

Meral Molkenthin: Ja, das können Sie - wenn Vereine bestimmte Voraussetzungen schaffen oder Verantwortung übernehmen, was das Thema Kinderschutz betrifft.

Als wie ausgeprägt empfinden Sie denn das Engagement und das Interesse Berliner Sportvereine am präventiven Arbeiten gegen sexualisierte Gewalt im Sport?

Ich erlebe sehr viele engagierte, ehrenamtliche Menschen, die das Thema interessiert, die Unterstützung haben möchten für präventive Maßnahmen oder für Schulungen, sodass sie sich weiter fortbilden können. Ich erlebe aber auch Vereine, die das Thema Kinderschutz unterschätzen. Dass es ein Umdenken in den Vereinen gibt und erkannt wird, dass es in den Klubs auch Übergriffe geben kann und der Kinderschutz greifen muss, erlebe ich noch nicht zu 100 Prozent in allen Vereinen. Aber die Menschen, die mit mir in Kontakt treten, sind sehr stark daran interessiert, ihren Klub auf Kinderschutz zu eichen.

Der Satz: "Das hätten wir von dem nie gedacht" ist nach der Aufdeckung einer Tat von Vereinsseite immer wieder zu hören. Statistisch hat einer von 100 Männern pädophile Neigungen. Was macht Sportvereine für Täter so interessant?

Ich höre den Satz auch sehr häufig. Das sind nicht Menschen, die pädophil sind, sondern die übergriffig sind. Wenn wir sagen, das sind alles pädophile Menschen, würden wir den Fokus viel zu sehr einschränken. Auch heterosexuelle, verheiratete Männer mit Familie machen Übergriffe. Und auch Frauen werden übergriffig. Für Menschen, die übergriffig werden wollen, ist ein Sportverein insoweit interessant, als dass dort viel Körperlichkeit herrscht, dass es Hilfestellungen bei Übungen gibt und dass die Vereine auf mutige, ehrenamtliche Menschen angewiesen sind. Die Menschen, die übergriffig werden, suchen sich Wege, wie sie möglichst leicht auf Kinder und Jugendliche zugreifen können. Das ist im Sportverein gegeben, aber auch in der Kita oder der Schule.

Für die Vereine gibt es kaum gesetzliche Verpflichtungen, Konzepte, die vom Landessportbund oder der Sportjugend erarbeitet werden, überhaupt umzusetzen. Warum eigentlich nicht?

Man muss bedenken, dass das Thema in Deutschland immer noch stark tabuisiert ist - nicht nur im Sport. Es bewegen sich viele Dinge, sie passieren aber manchmal nicht so schnell, wie man sich es erhofft. Es ist wichtig, dass die Politik realisiert, dass da auch Verpflichtungen hinterstehen sollten. Auf der anderen Seite sollte es den Leuten nicht als Verpflichtung, sondern als Haltung wichtig sein. Man muss die Leute packen und ansprechen.

Was machen Sie mit einem Verein, der sich gegen Maßnahmen weigert, der sagt: Das interessiert uns nicht?

Ich glaube, dass man die Vereine damit erreicht, das Thema immer wieder aufs Tableau zu heben. Auch wenn sie es vielleicht nicht sofort umsetzen können. Ich stelle einen stetigen Zuwachs an Anrufen bei mir fest, von Menschen und Vereine, die einen Kinderschutzbeauftragten im Verein integrieren wollen.

Die beiden Säulen ihrer Arbeit sind Prävention und Intervention. Wenn ersteres fehlschlägt, wie sollen sich Eltern oder Vereinsmitglieder bei einem Verdachtsfall verhalten?

Zunächst würde ich noch ergänzen: Die dritte wichtige Säule ist sicherlich die Aufarbeitung. Das greift alles ineinander. Der Sport hat sich in letzter Zeit sehr auf Prävention und Intervention fokussiert, die Aufarbeitung ist ein Thema, das nach und nach kommt. Wenn Eltern Situationen merkwürdig finden oder Kinder zu Hause etwas erzählen, wäre es wichtig, dass die Eltern die Strukturen kennen. Dass sie also wissen, dass sie die Kinderschutzbeauftragte ansprechen können oder aber eine Vertrauensperson zum Beispiel im Vereinsvorstand. Diese Person kann sich dann im besten Fall an eine geschulte Kinderschutzbeauftragte wenden, die dann mit den Eltern zusammen ins Gespräch kommen und reagieren kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Uri Zahavi, rbb Sport. Es handelt sich um eine gekürzte Fassung.

Sendung: Inforadio, 13.10.20, 10:15 Uhr

2 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 2.

    Wenn man dem Link im Kasten folgt, findet man in dem Artikel die Aussage "Diese Zahl ist wirklich erstaunlich gering. Und daraus schließe ich tatsächlich, dass nicht wirklich sehr viele Menschen im Sport von dieser Befragung oder dieser Möglichkeit erfahren haben", sagt die Diplom-Psychologin Julia von Weiler..."
    Knapp 100 Betroffene haben sich gemeldet, das ist der Psychologin zu wenig! Vielleicht liegt es daran, dass sexualisierter Kindesmissbrauch in den Sportvereinen nicht so verbreitet ist, wie die Psychologin annimmt? Ich will nichts verharmlosen, jeder Fall von Kindesmissbrauch ist ein Verbrechen! Aber in mir sträubt sich alles, wenn alle fleißigen ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Vereinen unter Generalverdacht gestellt werden.

  2. 1.

    Die sozialen Bindungen des Vereinswesens und die Leibesertüchtigung und das Freizeitvergnügen für Kinder scheinen ein Dorn im Auge der Politik zu sein. Will man die Kinder entsprechend der Scholzschen Doktrin von der Lufthoheit über den Kinderbetten lieber in der FFF-Jugend sehen?
    Lasst den Kindern und Erwachsenen doch ihren Spaß. Die Kinder auf dem Bild (Karate wie es aussieht) sind jedenfalls mit Begeisterung dabei.

Das könnte Sie auch interessieren

Tennis Borussia-Trainer Markus (Quelle: imago images/opokupix)
imago images/opokupix

Tennis Borussia gegen den BFC Dynamo - Flutlicht-Derby im Livestream

Tennis Borussia gegen den BFC Dynamo: Dieses Duell gab es früher regelmäßig. Erstmals seit fast zehn Jahren treffen beide Teams nun wieder in einem Punktspiel aufeinander. Ein brisantes Duell unter Flutlicht.

 

rbb|24 zeigt das Spiel am Freitag ab 18:55 Uhr im Livestream.