Thomas Popiesch ist Trainer der Fischtown Pinguins Bremerhaven (Quelle: imago images/Eibner)
Video: Mittagsmagazin | 05.10.2020 | Michael Maske | Bild: imago images/Eibner

Berliner Eishockey-Trainer Thomas Popiesch - Aus dem DDR-Gefängnis zum Trainer des Jahres

Er war angehender Eishockey-Profi in Ost-Berlin, wagte mit 17 Jahren die Flucht in die Bundesrepublik, wurde geschnappt und landete im Gefängnis. Heute ist Thomas Popiesch einer der erfolgreichsten Eishockey-Trainer Deutschlands - und fordert auf, niemals zu vergessen. Von Uri Zahavi

Thomas Popiesch ist 17 Jahre alt, als er einen folgenschweren Entschluss fasst: Er will fliehen. Fliehen aus der DDR. Der Sehnsuchtsort: Die Bundesrepublik Deutschland. Wir schreiben das Jahr 1982 und Popiesch ist einer der talentiertesten Nachwuchs-Eishockeyspieler beim SC Dynamo Berlin - und auf dem Sprung zu den Profis. Er durchläuft seit der frühen Jugend das Sportfördersystem der DDR. "Das Ziel war immer, hier oben in der ersten Mannschaft anzukommen und hier auch später in der Nationalmannschaft zu spielen", lässt der heute 55-Jährige die Anfänge seiner Karriere im Osten Revue passieren.

Doch schon als Teenager eckt er an, ist im diktatorischen Regime kein Ja-Sager. "Die Leute reden positiv über alte Zeiten. Es ist auch verständlich. Aber man darf eben diese andere Seite nicht vergessen." Auf eine behütete Kindheit im Osten Berlins folgt der Wunsch nach Mehr - mehr Freiheit.

Der erste Fluchtversuch scheitert - und endet im Gefängnis

Im Oktober '82 wagen Popiesch und ein Freund über die CSSR und Österreich erstmals die Flucht. In einer dramatischen Aktion werden sie an der entscheidenden Grenze erwischt und festgenommen. Sie landen in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin. Die Strafe für einen 17-Jährigen drakonisch: Drei Jahre und sechs Monate Gefängnis. "Das war eigentlich ein bisschen das System", erinnert sich der heutige Trainer der Fishtown Pinguins Bremerhaven. "Es wurde versucht, die Leute zu brechen und müde zu machen, dass sie ihren Elan und Kampfgeist verlieren."

Endlich angekommen in der Bundesrepublik

Das absolute Gegenteil ist bei Popiesch der Fall. Im berühmten und vor allem berüchtigten Stasi-Gefängnis Bautzen sitzt er seine Haftstrafe ab. Statt sich mit seiner Situation in der DDR abzufinden, unternimmt der damals 24-Jährige 1989 einen weiteren Anlauf - diesmal über Ungarn. Und es klappt. "Ich will noch nicht mal sagen, dass es auf einmal so eine riesige Freude war", berichtet Popiesch heute. "Das war so eine Erleichterung, wo man sagt: Wow, jetzt ist man durch, man hat es geschafft."

Thomas Popiesch als Spieler für die Moskitos Essen (Quelle: imago images/Fishing 4)Thomas Popiesch war nach der Wende noch über 15 Jahre als Stürmer aktiv und beendete 2006 be den Moskitos Essen seine Karriere.

Nach sieben Jahren ohne Leistungssport nochmal nach ganz oben

Es ist eine faszinierende Geschichte, die einen fast schon wundersamen Verlauf nimmt. Popiesch hält sich während der gesamten Zeit eigenständig fit, trainiert nach den alten Plänen aus seiner Zeit bei Dynamo Berlin. Nach sieben Jahren ohne professionellen Eishockey bekommt er einen Vertrag in Duisburg. Er schafft es tatsächlich nochmal in Deutschlands höchste Spielklasse - und schießt dabei knapp 50 Tore.

Es ist eine ganz besondere deutsch-deutsche Geschichte, die ihren bisherigen emotionalen Höhepunkt im Jahr 2018 findet. Als Popiesch nach der aktiven Karriere Trainer wird, übernimmt er 2016 die Fishtown Pinguins Bremerhaven. Er macht aus dem ständigen Underdog einen guten DEL-Klub und wird zwei Jahre nach Amtsantritt zum Trainer des Jahres gewählt. Obwohl sein Blick stetig in die Zukunft geht, wird es Popiesch immer wichtig bleiben, über seine Vergangenheit zu sprechen. "Die Motivation davon zu erzählen entsteht, weil ich das Gefühl habe, dass irgendwo etwas in Vergessenheit gerät." Und das soll nie wieder passieren.

Sendung: Mittagsmagazin, 05.10.2020, 13 Uhr

Beitrag von Uri Zahavi

3 Kommentare

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  1. 3.

    Ein Mann, der trotz aller Widrigkeiten nie aufgegeben hat. Großer Respekt an Thomas Popiesch!

    Der NDR hat eine gute Doku zu Popiesch produziert: https://youtu.be/s3-8Bt4Ysgc

  2. 2.

    in der ddr hätte er eh niemals profi-sportler werden können, einfach weil es in der ddr keinen profi - sport gab.

  3. 1.

    Diese Geschichte ist ein Grund mehr nicht zu Dynamo/Eisbären zu gehen. Die Anhängerschaft feiert die Vopo- und Stasihistorie des Clubs ja heute noch ab.

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