Sabine Seidel (links) während eines Spiels (Quelle: privat)
Video: rbb UM6 | 30.10.2020 | Torsten Michels | Bild: privat

DDR-Fußballerin Sabine Seidel - Bescheidener Star und Pionierin

Vor 50 Jahren hat der DFB sein Frauenfußball-Verbot aufgehoben und die Sportart offiziell in seine Satzung aufgenommen. In der DDR durften die Damen dagegen immer kicken. Sabine Seidel war Stürmerin bei Turbine Postdam - und Pionierin im Osten. Von Stephanie Baczyk

Das Bild könnte so auch auf einem Berliner Hipster-Flohmarkt ganz vorne am Stand in der Wühl-Fotokiste liegen. Es ist schwarz-weiß, eine junge Frau mit kurzen dunklen Haaren und den für die 1980er Jahre typischen kurzen Sportbuchsen setzt zum Sprint an - vor sich einen Ball, links die Gegenspielerin, die sie gleich links stehen lassen wird. Ihre athletische Haltung lässt erahnen: die kann den Turbo zünden auf dem Platz. Und Sabine Seidel war schnell. Sehr schnell.

"Die Mannschaften standen damals ziemlich eng", sagt Seidel und lacht. "Mal ein Doppelpass und dann links oder rechts vorbeigehen." So lief das bei ihr. Die heute 64-Jährige ist in Dresden geboren und kommt eigentlich aus der Leichtathletik, aber viel wichtiger: Sie ist eine der Pionierinnen des Frauenfußballs in der DDR. Eines der Gesichter bei Turbine Potsdam aus dieser Zeit.

Kicken gegen Handballteams

Das mit dem Kicken geht schon früher los bei ihr. Ende 1969 "hat meine Mutti mir in der Zeitung ne Annonce gezeigt". Von der Betriebssportgemeinschaft des Zentralinstituts für Kernforschung Rossendorf, einem kleinen Verein nahe ihrer Heimatstadt. "Dann bin ich, weil es etwas außerhalb von Dresden war, über ne Stunde gefahren - drei Mal umgestiegen", erinnert sie sich. "Mit 13! Heute ist das kaum noch denkbar, heute werden die Kinder vor die Tür gefahren. Ich habe schon Angst, dass die manchmal reinfahren wollen."

Sie trainiert in einem bunt zusammengewürfelten Team. Im Gegensatz zur BRD ist der Frauenfußball in der DDR vom Deutschen Fußballverband (DFV) aus erlaubt - groß gefördert wird er aber nicht. "Da hat überhaupt keiner drüber nachgedacht, dass das verboten werden könnte oder irgendwie nicht gerne gesehen ist - wir haben einfach Sport gemacht", sagt Seidel. "Dann haben wir Gegner gesucht, meist Handballmannschaften." Die ersten Frauenfußball-Abteilungen und Damenfußball-Vereine werden da gerade erst gegründet.

Zwetkow und der Frauenfußball in Dresden

In Sachsen wird der bulgarische Student Wladimir Zwetkow 1968 bei der Leitung der BSG Empor Dresden-Mitte vorstellig - mit dem Ziel, ein Frauenteam aufzubauen. "Ganz einfach war das nicht", erzählt er im Nachhinein dem MDR. "Ich habe das vorgetragen, da haben die mich als erstes ausgelacht." Zwetkow bekommt schließlich das 'Go', auch von der SED-Bezirksleitung.

Auch Sabine Seidel trainiert zeitweise unter ihm. "Er war ein Pionier zu DDR-Zeiten", sagt Bernd Schröder, langjähriger Coach von Turbine Potsdam und mittlerweile Ehren-Präsident des Klubs. Schröder gilt als harter Hund, ist einer, der sich bis heute für den Frauenfußball stark macht - und das auch damals zu Ost-Zeiten getan hat. Die Anerkennung, so sagt er, "war zu DDR-Zeiten von vorne rein gegeben. Es gab die Gleichberechtigung der Frauen."

Sabine Seidel (Quelle: privat)Bis 2014 war Sabine Seidel Vorsitzende des Frauen- und Mädchenfußballausschusses im Fußball-Landesverband Brandenburg.

Verbot aufgehoben? "Dann jetzt erst recht!"

Im Westen läuft das etwas anders. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verbietet den Frauen von 1955 an das Spielen unter seinem Dach. Der Fußball "widerspricht der weiblichen Natur", geben Ärzte allen Ernstes zu Protokoll. Vereinen, die den Damen Obdach und Plätze zum Kicken gewähren, werden Strafen angedroht. Die Folge: Frauen gründen wilde Mannschaften, trainieren auf Wiesen, waschen sich nach den Einheiten - kein Scherz - teils in alten, ausrangierten Viehtrögen hinter der Scheune.

Erst 1970 lenkt der DFB ein, nimmt den Frauenfußball offiziell in seine Satzung auf - aber erst, als ihm zu Ohren kommt, dass Manager einen eigenen Verband gründen wollen. "Das war in allen Medien", erinnert sich Hannelore Ratzeburg, heute DFB-Vizepräsidentin, damals Studentin und selbst Fußballerin. "Aber alles auch mit schlechten Bemerkungen. Da haben wir gesagt: jetzt erst recht. Wir wollen in die Halle, damit uns keiner sieht, und trainieren. Und dann wollen wir mal sehen, wie sich das entwickelt."

Seidels Weg von der Handelsmarine zu Turbine

"Wir wussten ja nicht, wie die drüben sind, weil wir ja faktisch ein bisschen Abstand hatten", sagt Bernd Schröder mit einem Schmunzeln. "Wir hatten ja überschaubares Spielermaterial in der DDR, waren ein kleines Land, haben auch wenig Mädels gehabt, wo man gedacht hat: Die sind gut." Sabine Seidel fällt ihm damals sofort auf, mit ihrer Schnelligkeit und Torgefährlichkeit. Bei einem Freundschaftsspiel in Bautzen spricht er sie an.

"Aber damals lief schon meine Bewerbung für die Handelsmarine", erinnert sich die damalige Flügelstürmerin. "Und da habe ich ihm gesagt: Wenn dann mal Meisterschaften kommen, würde ich das machen und melde mich dann einfach." 1979 packt sie ihre Sachen und zieht nach Potsdam. "Und dann kamen die Trainingseinheiten und die Art von Herrn Schröder war ja immer so, denen, die neu kamen, so richtig zu zeigen, wie es in Potsdam abgeht."

Turbine gewinnt 1986 die Bestenermittlung der DDR. (Quelle: privat)
Sabine Seidel bejubelt 1986 den Gewinn der Deutschen Meisterschaft. | Bild: privat

"Ich bin zu Hause rückwärts die Treppen runtergegangen!"

Die BSG Turbine Potsdam verfolgt im Vergleich zu vielen anderen Teams schon damals das Prinzip "leistungsorientiert", hat folglich Schwierigkeiten, gute Gegnerinnen zu finden, die Truppe spielt oft gegen Männermannschaften. Und Schröder fordert die Frauen im Training. "Ich bin zwar zu Hause rückwärts die Treppen runtergegangen, aber habe hier gelächelt vor Schmerz", so Seidel. "Aber das war eben seine Art. Gerade, wenn jemand neu kam."

Die Erfolge kommen, etwas später. In den Achtzigern gewinnt Seidel mit Turbine fünf Mal die DDR-Bestenermittlung, die inoffizielle DDR-Meisterschaft - schießt Tore am Fließband, wird als Star des DDR-Frauenfußballs betitelt. "Star ist schon ein bisschen hochgegriffen", sagt sie heute bescheiden. "Aber man war schon bekannt wegen der Schnelligkeit und Gefährlichkeit - und Turbine Potsdam als Name sowieso."

"Mannweib" als gängige Bezeichnung

Klar hat auch Seidel gegen Klischees kämpfen müssen, "Mannweib" war eine gängige Bezeichnung für die Fußballerinnen. Aber sie hat sich nie aus dem Konzept bringen lassen, schon während ihrer aktiven Zeit Jungs- und Mädchenteams trainiert und mit aufgebaut. 1989 beendet sie verletzungsbedingt ihre Karriere - nach knapp 500 Spielen und 350 Buden. Ihre Entscheidung, die Mädchen in einem eigenen Bereich zu fördern, hilft dem Klub nach der Wende, "weil nicht mehr so viele zu Turbine gekommen sind."

Seidel engagiert sich weiter, arbeitet bis zum November 2019 17 Jahre lang als Zeugwartin der weiblichen U19- und U20-Nationalmannschaften des DFB - nur eine ihrer zahlreichen Tätigkeiten. "Also es war ein Leben für den Fußball, aber es hat Spaß gemacht, das alles aufzubauen", sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen, im Büro sitzend - hinter sich eine Wand voller Fußball-Wimpel. Dieselbe kurze Friese wie damals auf dem Fußballplatz.

Sendung: rbbUM6, 30.10.2020

Beitrag von Stephanie Baczyk

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ein schöner Artikel, liebe Stephanie Baczyk. Sehr witzig ist das Foto auf dem Bernd Schröder samt Pokal in die 'Höhe gestemmt' wird. ;-)

  2. 1.

    Mal so ein ganz anderer Artikel, danke dafür!

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