Christoph Biermann im Gespräch mit Union-Trainer Urs Fischer (Quelle: imago images/Matthias Koch)
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Interview | Union-Buchautor Christoph Biermann - "Fischer hat ein hochentwickeltes Sensorium für Menschen"

Über die komplette Bundesliga-Saison 2019/20 hinweg hat der Autor Christoph Biermann einen exklusiven Zugang hinter die Kulissen des Bundesligisten Union Berlin erhalten. Im Interview erzählt er, warum er dabei sogar singen musste.

rbb|24: Herr Biermann, Sie sind Fan des VfL Bochum. Warum haben Sie sich für Ihr Buchprojekt ausgerechnet den 1. FC Union ausgesucht?

Christoph Biermann: Das hat zwei Gründe. Der eine ist, dass ich in Berlin lebe und für mich mit diesem Projekt immer verbunden war, dass ich bei dem Verein viel Zeit verbringe. Der andere war, dass es für den 1. FC Union eine ganz besondere Saison gewesen ist, nämlich die erste in der Bundesliga in der Vereinsgeschichte. Also nicht irgendeine 27. Saison, sondern eine historische.

Wie lange hat es gedauert, den Klub zu überreden?

Es hat sich schon ein paar Wochen hingezogen. Ich bin drei Tage nach dem Aufstieg zu Christian Arbeit, dem Mediendirektor bei Union, gegangen und habe ihn gefragt. Er fand die Idee gut - auch, weil er selbst ein passionierter Leser ist. Anschließend habe ich mit Vereinspräsident Dirk Zingler gesprochen. Der schien das auch irgendwie gut zu finden, hat mich allerdings an Trainer Urs Fischer und Manager Oliver Ruhnert verwiesen. Die wiederum haben gesagt, sie müssten das mal mit den Spielern besprechen. Nach und nach sind so alle Lichter auf grün gestellt worden und dann war ich etwa zehn Tage vor Saisonbeginn dabei.

Welcher der Entscheider war denn der härteste Brocken?

Ich weiß gar nicht, wie hart die Brocken letztendlich gewesen sind. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass ich die irgendwie bequatschen könnte. Ich glaube, die mussten das Gefühl entwickeln, dass das mit mir gehen könnte. Und - ich glaube, dass war ganz wichtig - wir hatten eine Vereinbarung getroffen, dass sie mich quasi jederzeit wieder rauswerfen konnten.

Man hat ja gewisse Vorstellungen, bevor man so ein Projekt angeht. Welche hat sich überhaupt nicht bewahrheitet? Und was hat Sie im Rückblick am meisten überrascht?

Ich habe mir vorher gar nicht so viele Vorstellungen gemacht, weil ich einfach gucken wollte, was da auf mich zukommt. Ich beschäftige mich ja schon relativ lange mit Fußball und schreibe seit fast 30 Jahren darüber. Was sich anders angefühlt hat war, wenn man den Alltag so einer Mannschaft mitgeht und mitbekommt, wie schlecht die Laune nach Niederlagen sein kann oder wie euphorisch sie nach guten Spielen und Siegen sein kann. Was ich auch sehr interessant fand und viel besser verstanden habe ist, was für ein Leben Fußballprofis führen. Wie extrem die Belastung durch Spiele und Training, den dauernden Konkurrenzkampf untereinander und den "Überlebenskampf" in der Bundesliga ist und wie groß das Erholungs- und Ruhebedürfnis da war. Man fragt sich ja immer, warum die so viel rumdaddeln oder so wenig machen, aber das muss quasi so sein. Das ist mir in der Form vorher nicht so klar gewesen.

Sie waren auch bei Gesprächen zwischen Trainer Urs Fischer und den Spielern dabei, haben auch immer wieder mit ihm selbst reden können. Der Öffentlichkeit gegenüber gilt er ja eher als verschlossen. Was für ein Typ Trainer ist er denn?

Ich glaube, dass er ein ganz hochentwickeltes Sensorium für Menschen hat. Wie er sein Trainerteam führt, wie er Spieler führt und beobachtet: Ich würde sagen, dass er da sehr aufmerksam ist. Ich glaube, was häufig unterschätzt wird ist, was für ein großer Fußballfachmann er ist. Denn dieser Fußball, den Union Berlin spielen lässt und der ja nach außen hin immer ein bisschen als einfach bewertet wird, ist letztendlich mit hohem taktisch-strategisch-organisatorischem Aufwand verbunden ist. Dazu bringt er sehr großen Sachverstand mit.

Im Wintertrainingslager haben sie wie jeder Neuzugang vor versammelter Mannschaft ein Lied singen müssen. Wie war das?

Das Schöne ist, wenn man ein bisschen älter wird, sind einem die Sachen nicht mehr so peinlich. Auf einem Stuhl zu stehen und vor so einer Gruppe zu singen, ist trotzdem nicht der allergrößte Spaß. Ich war da auch nicht richtig drauf vorbereitet und habe das Lied genommen, was den maximal kurzen Text hatte, den ich noch einigermaßen im Sinn hatte. Den Jungs hat es dann doch ganz gut gefallen. Es ist mir sogar vorgeworfen worden, dass ich das gerne gemacht hätte. (lacht)

Wenn Sie jemandem nach einem Jahr "Inside Union Berlin" beschreiben sollten, was diesen Klub ausmacht, was würden Sie sagen?

Ich fand, dass es zumindest in der letzten Saison gelungen ist, dass das, was der Klub gerne ausstrahlt, dass wenn man zusammenhält und sich unterstützt, sich das auch im Sport abbildet. Diese Mannschaft ist nicht deshalb in der Bundesliga geblieben, weil sie die besten Spieler hatte, sondern, weil sie auch einen sehr guten Zusammenhalt hat. Dieser Zusammenhalt ist auch jeden Tag wieder neu hergestellt worden. Das ist vielleicht etwas, was in der letzten Saison das Erfolgsrezept des Klubs war. Ich würde sagen, wenn der Klub sich in den nächsten Jahren in der Bundesliga etablieren möchte, wird er sicherlich nicht darum herumkommen, das immer wieder zu reproduzieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lisa Surkamp, rbb Sport. Es handelt sich um eine leicht redigierte Fassung.

Sendung: rbb UM6, 08.10.2020, 18 Uhr

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