Fans in der Ostkurve von Hertha BSC. Quelle: imago images/Nordphoto
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Interview | Fanforscher Jonas Gabler - "Das ist nicht das Erlebnis, was man sich vom Fußball erhofft"

Die Corona-Pandemie hat die Fußballfans aus den Arenen getrieben. Für viele Anhänger, die Woche für Woche ins Stadion gegangen sind, ist das ein schwerer Schritt. Fanforscher Jonas Gabler glaubt allerdings, dass es auch eine langfristige Entfremdung geben könnte.

rbb|24: Jonas Gabler, die Corona-Infektionszahlen steigen aktuell wieder. In viele Fußball-Stadien dürfen erneut keine oder nur noch wenige Fans. Was macht das mit den Anhängern?

Jonas Gabler: Pauschal ist das schwer zu beantworten. Gerade in der Anfangszeit war es für viele Fans aber sicherlich eine erhebliche Umstellung - zunächst gab es gar keine Spiele, dann Geisterspiele, jetzt Partien mit wenig Publikum. Das ist schon eine große Veränderung. Die meisten Menschen verfolgen Fußball nicht allein, sondern mit Freunden im Stadion oder vor dem Fernseher. Das ist ein sehr wichtiges gesellschaftliches Ereignis. Mit der Zeit sind die Menschen dann unterschiedlich mit der Umstellung umgegangen. Manche sehnen sich immer noch danach, dass die Stadien wieder regulär öffnen, andere haben sich aber an die Situation gewöhnt und vielleicht in der aktuellen Diskussion um den Profifußball in der Corona-Krise auch von dem Sport entfremdet. Ich halte es für möglich, dass sich in dieser Zeit manche Leute vom Fußball abgewendet haben.

Für die von Ihnen angesprochene Entwöhnung gab es zuletzt verschiedene Indikatoren. Die TV-Einschaltquoten bei der deutschen Nationalmannschaft gingen zurück, viele Bundesligavereine, wie zum Beispiel Hertha BSC, haben Probleme ihr begrenztes Ticket-Kontingent überhaupt an den Fan zu bringen. Liegt das an der momentan unsicheren Lage oder ist das ein Problem, das die Klubs auch langfristig beschäftigen könnte?

Das ist schon eine verrückte Situation, wenn man bedenkt, welch große Nachfrage es vor der Corona-Pandemie für Fußball-Tickets gab. An manchen Bundesliga-Standorten warten Fans schon seit vielen Jahren auf Dauerkarten. Insofern ist das also schon sehr beachtlich. Dafür gibt es aber bestimmt verschiedene Gründe. Zum einen fühlen sich einige Menschen nicht wohl, an einer solchen Massenveranstaltung teilzunehmen. Hinzu kommt, dass es einfach nicht das normale Stadionerlebnis ist. Man kann eben nicht mit seinem Freundeskreis eng zusammenstehen oder sich bei einem Tor jubelnd in den Armen liegen. Das ist nicht das Erlebnis, was man sich vom Fußball erhofft und erwünscht. Die Stimmung ist eine komplett andere: Es gibt nicht die sonst übliche Form von Support, in Berlin gibt es sogar die Auflage, dass nicht gesungen werden darf. Ein weiterer Grund kann aber eben auch die schon angesprochene Entfremdung der Menschen vom Fußball sein.

Viele aktive Fan- und Ultraszenen sind in der Corona-Krise durch soziale Hilfsaktionen aufgefallen. Es gab Lob in den Medien und der breiten Bevölkerung. Dabei sind solche Aktionen gerade in den Ultraszenen nicht ungewöhnlich. Ist es den Szenen gelungen, ihr teils schlechtes Image in der Öffentlichkeit aufzubessern?

Es war mal wieder die Gelegenheit für Fußballfans und Ultras einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie für mehr stehen, als nur das Auftreten in den Stadien. Und dass sie für mehr verantwortlich sind als für problematische Verhaltensweisen in den Fankurven. Da wird ihnen immer wieder viel zugeschrieben. Es geht eben auch um gesellschaftliches Engagement und Zusammenhalt. Ob sich das aber dauerhaft in der Öffentlichkeit festsetzt, ist schwer zu beurteilen. Es gibt immer wieder Ausschläge in die eine oder die andere Richtung. Es ist aber definitiv eine Debatte stärker in den Vordergrund gerückt, die Fan- und Ultraszenen schon lange Zeit führen: die Kritik am Profifußball, der zu stark an ökonomischen Prinzipien orientiert ist und wo Fans zu sehr in den Hintergrund rücken.

Unterstützung und Zuspruch in der Krise: Union-Fans wenden sich mit einem Spruchband an Mitarbeiter in systemrelevanten Berufen. Quelle: imago images/Matthias Koch
Unterstützung und Zuspruch in der Krise: Union-Fans wenden sich mit einem Spruchband an Mitarbeiter in systemrelevanten Berufen.Bild: imago images/Matthias Koch

Ein etwas anderes Thema: In Berlin gab es große Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen, auch in anderen Städten wurde gegen die Politik in Deutschland während der Pandemie protestiert. Dabei sind teilweise auch rechte Hooligans mitgelaufen. Gibt es da Überschneidungen mit dem Fußball-Milieu?

Ich glaube nicht, dass das ein flächendeckendes Phänomen ist. Dass also die Fußball-Fanszenen, über die wir zuvor auch schon gesprochen haben, auf solchen Demos auftreten. Dafür gibt es keine Anzeichen. Im Gegenteil: Das schon erwähnte Engagement der Szenen in der Krise ist ein Zeichen dafür, dass diese Menschen die Pandemie sehr ernst nehmen und damit sehr verantwortungsvoll umgehen. Bestärkt wird das im Übrigen dadurch, dass große Versammlungen vor den Stadien bei Geisterspielen und auch jetzt noch, die anfänglich befürchtet wurden, ausgeblieben sind.

Dennoch waren Leute in Vereinskleidung auf diesen Demos zu sehen ...

Es stimmt, dass es aus dem Hooligan-Spektrum - und da speziell aus dem extrem rechten Milieu - von einigen Gruppen und Klubs Menschen gab, die zu diesen Demos gekommen sind und sich dort mit ihren Fußball-Klamotten zu erkennen gegeben haben. Das hat aber auch mit der generellen Überschneidung des extrem rechten Milieu mit den Corona-Leugner-Demos und dem Hooligan-Spektrum zu tun. Dass sich das auch bei Fußballspielen bemerkbar gemacht hat, war in der Masse nicht beobachtbar. Aber es gab auch dort den einen oder anderen Vorfall, bei dem Spruchbänder oder Transparente, die bei Demos gezeigt wurden, auch in Stadien aufgetaucht sind. So war ein Transparent mit der Aufschrift "Corona-Wahnsinn stoppen!", das Cottbuser Hooligans beim Auswärtsspiel in Groß Gaglow zeigten, auch auf der großen Corona-Demo am 29. August in Berlin zu sehen. Insgesamt ist es aber ein zahlenmäßig kleines Phänomen, das man trotzdem ernstnehmen muss. Es ist aber wichtig noch mal zu betonen, dass die große Mehrheit der aktiven Fans sich eher in die andere Richtung engagiert hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jonas Bürgener, rbb sport.

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