Robert Lewandowski beim Elfmeter (imago images)
Audio: Inforadio | 05.10.2020 | Jakob Rüger | Bild: imago images

Herthas Niederlage bei den Bayern - Wahrscheinlich glücklich

Einen Zwei-Tore-Rückstand aufgeholt, drei Treffer in der Allianz-Arena erzielt und dennoch verloren. Herthas Gastspiel bei Bayern München hatte viel zu bieten. Von einer guten Idee bis hin zu Grundsatzfragen. Von Ilja Behnisch

Es war ein außergewöhnliches Spiel, dieses 4:3 des FC Bayern über Hertha BSC. So außergewöhnlich, dass es fast möglich schien, Hildegard Knef hätte bereits 1967 darüber gesungen: "Das Glück kennt nur Minuten, der Rest ist Warteraum".

Stoisch durchlebte die Mannschaft von Trainer Bruno Labbadia die etwas mehr als 90 Minuten in der Allianz-Arena, die sich dabei auch von Rückschlägen nicht aus der Zen-artigen Grundhaltung locken ließ und überproportional belohnt wurde dafür, nur um am Ende doch mit leeren Händen dazustehen.

Herthas gute Idee

Tief in der eigenen Hälfte warteten Herthas Mannen um Kapitän Dedryck Boyata auf die Angriffe der Bayern, ließen deren Denker und Lenker Joshua Kimmich nahezu ungestört walten. Und fast schien es, der "Big City Club in the making" berufe sich beim Ziel, den Wolkenkratzer "Auswärtssieg beim FC Bayern" zu errichten, auf einen berühmt-berüchtigten Grundsatz des Baugewerbes, nach dem Kranplätze verdichtet werden müssen. Hertha mörtelte das Zentrum zu, zwei offenbare Ziele im Hinterkopf: bloß nicht von langen Bällen überspielt werden, sowie Räume und Abstände klein halten.

Es stellte sich schnell heraus, dass das eine ziemlich gute Idee war. Auch weil Hertha auf der rechten Außenbahn die defensiv geschulte Doppellösung Pekarik/Zeefuik ins Rennen schickte und sich auf der linken Außenbahn selbst Offensivgeist Dodi Lukebakio für keinen Laufweg zu schade war. Kimmichs öffnenden Bällen wurde so schlicht der Lebensraum genommen. Zusätzlich half, dass Bayern-Trainer Hansi Flick sich wiederholt für die Gesundheit seiner überspielten Profis und somit gegen Weltmeister Benjamin Pavard entschied. Für ihn rechtsverteidigte die eigentlich als Innenverteidiger ausgebildete Nachwuchskraft Chris Richards. Dieser kam gegen die Hertha zu seinem ersten Startelfeinsatz in der Bundesliga und fiel dabei zwar nicht negativ auf, vor allem offensiv allerdings auch nicht sonderlich positiv.

Zunehmend ungenauer

Hertha also igelte sich ein, ließ den Gegner gewähren und suchte bei Ballbesitz schnellstmöglich nach den Wegen von Startelf-Debütant Jhon Cordoba. Und hätte dieser in der 13. Minute den mitgelaufenen Matheus Cunha erblickt und ihm den Ball in die Füße gespielt oder in der 15. Minute nicht um einen Hauch im Abseits gestanden, Hertha wäre wohl in Führung gegangen, ohne dass man es unverdient hätte nennen müssen.

Stattdessen fiel das Tor auf der Gegenseite, in der 40. Minute durch Robert Lewandowski. Es war sein 100. Heimspieltor für den FC Bayern und dass Herthas Rekordtorschütze Michael Preetz auf insgesamt 84 Bundesligatreffer für die Alte Dame kommt, zeigt allein schon, wie besonders das ist. Unbedingt abgezeichnet hatte sich dieses 1:0 allerdings nicht, eher war es von Minute zu Minute wahrscheinlicher geworden, da Hertha in seinen Umschaltmomenten mit Ball zunehmend ungenauer geworden war. Den dann kürzeren Weg zum gegnerischen Tor nutzten die Bayern gnadenlos aus.

Gegen jede Wahrscheinlichkeit

Und spätestens als Robert Lewandowski in der 51. das 2:0 folgen ließ, schien das Spiel reif dafür, abgehakt zu werden. Die Bayern ließen gekonnt den Ball laufen, denn der schwitzt bekanntlich nicht. Und Hertha? Schwitzte ganz gehörig, blieb dennoch cool beim ursprünglichen Plan und wurde belohnt. Ein maßgeschneiderter Mittelstädt-Freistoß auf den Schädel von Jhon Cordoba (59.) und ein Matheus-Cunha-Flipperball-Dusel-Solo inklusive feinstem Piatek-Doppelpass (71.) und schon stand es 2:2.

Glaubt man der Wahrscheinlichkeit, hätte es dazu nicht kommen dürfen, schließlich lag der Exptected-Goals-Wert, der angesichts der Qualität der Torchancen einer Partie eine Trefferwahrscheinlichkeit wiedergibt, nach 90 Minuten bei 3,0 zu 0,7 für die Bayern. Und dennoch ging es immer so weiter. Helden wurden geboren, um sogleich wieder zu sterben und das nur, damit das Epos, das Robert Lewandowskis Karriere ist, weitergeschrieben werden konnte: 3:2 durch den Polen in der 85. Minute, gekontert durch den Sekunden zuvor eingewechselten Jessic Ngankam (88.), dessen Tor übrigens laut des TV-Senders Sky eine Erfolgschance von sechs Prozent hatte. Es zählte dennoch, ebenso wie Bayerns Elfmetertor durch wiederum Robert Lewandowski in der dritten Minute der Nachspielzeit.

Qualitätsfrage oder Findungsphase?

Und so gewannen die Bayern ein Spiel, das Hertha nicht verlieren musste, und dennoch nur mit viel Glück fast nicht verloren hätte. Die Mannschaft zeigte über weite Strecken ihr gehobenes Niveau, paarte taktisches mit technischem Geschick und kühlem Kopf bei zugleich hohem Eifer. Und doch muss sie sich ankreiden lassen, drei Tore in der Allianz-Arena erzielt zu haben und dennoch ohne Punkte nach Hause zu fahren. Für mehr war schlicht die Fehlerquote zu hoch, so gut der eigene Plan über weite Strecken des Spiels auch funktionierte.

Es könnte zu dem Gradmesser dieser Hertha-Saison werden, ob die hohe Fehlerquote die Qualität dieser Mannschaft widerspiegelt oder aber Teil eines Findungsprozesses ist. Denn sollte sie aus ihren Fehlern lernen, könnte sich die Niederlage an diesem 3. Spieltag im Rückblick noch als wertvoll erweisen. Oder um es mit Hildegard Knef zu sagen: "Aber schön war es doch."

Sendung: rbb UM6, 05.10.2020, 18:15 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

10 Kommentare

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  1. 10.

    Das sehe ich genau so. Speziell bei angeblichen Fouls lag er meistens total daneben. Ein waschechter Heimschiri. Schade

  2. 9.

    Die Schuld immer bei anderen suchen... ich liebe es ;-) ... ach diesmal stimmts... der Lewandowski war schuld...

    Sechs Tore in der regulären Spielzeit, dazu 2x5 Auswechselmöglichkeiten... nunja, da sind vier Minuten Nachspielzeit eher niedrig angesetzt. Jetz kommt bestimmt wieder ein Windbeutel und beschuldigt den Schiedsrichter, die GmbH & Co.KGaA um die Möglichkeit des Ausgleichs in einer noch längeren Nachspielzeit betrogen zu haben.

  3. 8.

    Was heißt hier "Bayern-Bonus"? Hertha hätte die Nachspielzeit ja genauso nutzen können.

  4. 7.

    Es wird Zeit, dass wie bei allen großen Ball-/Puck-/usw-Sportarten eine Nettozeit eingeführt wird.
    2 mal 30 Minuten, herunter tickend auf der Anzeigentafel, bei jedem Pfiff angehalten - und die Nachspielzeitfrage erübrigt sich. Und die armen Fußballer können dann so lange wie sie wollen über den Rasen kugeln, im Falle eines Falles....

  5. 6.

    Eins muss klar gesagt werden, ohne diesen Schiedsrichter hätte Hertha mindestens ein Unentschieden mitgenommen.
    Schlimm dass sowas Bundesliga pfeifen darf, scheint wohl von DFB DFL besondere Order zu geben, die Bayern immer gewinnen zu lassen.

  6. 5.

    Bei 5 Toren, 6 Auswechslungen und "unzähligen" Fouls sind 4 Minuten keine ungewöhnliche Nachspielzeit.

    Aber diese Diskussion ist völlig sinnlos, denn der Elfmeterpfiff ertönte in der 2. Minute der Nachspielzeit.

  7. 4.

    Aber Ihr könnt stolz sein:nicht jede Bundesligamannschaft bekommt 4 Stück von „Europas Fussballer des Jahres“ eingeschenkt.
    Gegen Wolfsburg waren es 5 in 12 Minuten.
    Gestern waren es 4 in 91(!) Minuten..

  8. 3.

    Schade , dass Hertha nicht wenigstens ein Punkt mitgenommen hat. Dieses "Big City" gerede kann jetzt ruhig mal aufhören. Klinsi ist nicht mehr da. Die aktuelle Arbeit bei Hertha macht gerade ein unaufgeregten Eindruck, trotz Herr Windhorst.

  9. 2.

    Habe das Spiel Live gesehen und frage mich immer wieder, warum 4 Minuten Nachspielzeit...... Typisch Bayernbonus. Hauptsache die Bayern gewinnen Zuhause.

  10. 1.

    Die Mannschaft zeigte meiner Meinung nach, dass sie offensiv top besetzt und sogar bereits gut eingespielt ist und auch, dass sie die Taktik gut umgesetzt hat. Was noch fehlt ist defensive Stabilität. Dafür muss man wahrscheinlich noch Spieler holen, auch einen erfahrenen Routinier. Martinez wäre top gewesen, aber ist wohl nicht zu kriegen.
    Weitere Offensivkräfte, die defensiv kaum mitarbeiten (deren Namen in den letzten Tagen ständig genannt werden) braucht die Hertha meiner Meinung nach nicht.

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