Union Berlin beim Torjubel gegen Mainz 05 (imago images/Matthias Koch)
Bild: imago images/Matthias Koch

Zwischenfazit Union Berlin - Ein anderes Eisern

Vor der Saison setzte bei Union Berlin der große Umbruch ein, gleich elf neue Spieler kamen. Sportlich lief es trotzdem gleich wieder rund. Abseits des Rasens stimmt das nur eingeschränkt. Von Ilja Behnisch

Was gut läuft:

Sportlich gesehen verlief der Saisonstart nahezu optimal. Gut, das 1:3 im ersten Heimspiel gegen den FC Augsburg kam so überraschend wie es enttäuschte. Zum einen, weil die Fuggerstädter zum erweiterten Kreis jener Mannschaften zählen, mit denen Union um den Klassenverbleib zu kämpfen hat. Zum anderen, weil Urs Fischer die Partie mit der eigentlich von ihm bevorzugten Viererkette begann, seine Mannschaft mit diesem Abwehrverbund aber zumindest gegen Augsburg derart fremdelte, dass sich deren Stürmer fast einen steifen Nacken holten an der Alten Försterei, so luftig wurden sie gedeckt.

Immerhin: So gut wie in dieser Saison stand Union nach einem ersten Bundesliga-Spieltag noch nie da, schließlich verlor man im Premierenjahr gleich mit 0:4 gegen RB Leipzig. Und die dann folgenden sechs Punkte aus vier Spielen ohne Niederlage können sich ebenfalls sehen lassen. Auch, weil Union gegen Schalke und Freiburg dem Sieg näher war als der Gegner. Und das trotz Viererkette und mehr auf Ballbesitz und Spielkontrolle bedachter Herangehensweise.

Was schlecht läuft:

Union ist anders als andere Vereine. Historisch und zwangsläufig. Finanziell und strukturell war der Klub lange Zeit ein Außenseiter, dass er nun dennoch bereits im zweiten Jahr in der Bundesliga spielt, in einem bemerkenswerten Stadion, auf einem bemerkenswerten Vereinsgelände, liegt auch daran, dass der Verein konsequent eigene Wege gegangen ist. Und so kann es eigentlich kaum verwundern, dass ein Klub, dessen Fans erst Blut für ihn spenden, um dann mit den eigenen Händen das Stadion neu zu bauen, auch beim Thema Corona eigene Wege geht.

Weil es in der DNA dieses Vereins eingeschrieben steht, nach Auswegen zu suchen, wo andere Sackgassen proklamieren. Das stete Bestreben Unions allerdings, so schnell wie möglich wieder so viele Fans wie möglich ins Stadion zu bekommen und das am besten, ohne dass diese Masken tragen oder Abstand zueinander halten müssen, stieß auf so viel Erklärungsbedarf, dass eine verständnisvollere, ausdauerndere Kommunikation seitens des Vereins gut getan hätte. So wirkten die Eisernen teilweise trotzig bis unbelehrbar, obwohl die reinen Tatsachen gar keine Grundlage für diese Gefühlslage boten.

Neuzugänge:

Robin Knoche, Max Kruse, Andreas Luthe, Joel Pohjanpalo und mit Abstrichen Nico Schlotterbeck und Taiwo Awoniyi: sechs von elf Neuzugängen haben sofort Spielzeit erhalten. Insbesondere Knoche und Kruse haben dabei ihr gehobenes Bundesliga-Format nachgewiesen. Bei den den fünf weiteren Neuen (Sebastian Griesbeck, Niko Gießelmann, Keita Endo, Cedric Teuchert, Loris Karius) erlaubt die derzeit gute sportliche Lage, mit einem Urteil noch abwarten zu können. Obwohl in den Testspielen und Kurzeinsätzen ausnahmslos erkennbar war, dass auch sie die Kaderqualität Unions erhöhen. Das wohl größte Kompliment, das man den Köpenickern machen darf, lautet allerdings: Zumindest nach Spieltag fünf sind die Phantomschmerzen ob des Verlusts von Sturmtank Sebastian Andersson marginal bis gar nicht vorhanden.

Auch, weil sich manche Spieler nochmals (Marvin Friedrich) oder gar enorm (Sheraldo Becker) verbessert haben und die bisher acht Saisontreffer von sieben Spielern erzielt wurden. Zum Vergleich: In der Vorsaison kam Union nach fünf Spieltagen auf lediglich zwei verschiedene Torschützen (Sebastian Andersson, Marius Bülter).

Stimmung im Klub:

Die Mitbestimmung durch die Fans, der Austausch mit ihnen ist keine hohle Phrase, sondern Realität beim 1. FC Union Berlin. Der Klub ist für die Menschen da, besteht nicht nebenher sondern wegen der Menschen, die es mit ihm halten. Auch deshalb sind Vereinshandeln und Fanseele zumeist im Einklang. Klingt fast esoterisch, aber der Fußball ist schließlich nicht umsonst wahlweise Ersatz-Droge oder -Religion. Und während das Ringen um ein möglichst volles Stadion trotz Corona bei vielen Außenstehenden also längst zu reflexartigem Widerstand gegen alles Eiserne geführt hat, hat sich in Köpenick umso mehr eine Wagenburgmentalität entwickelt. Wir gegen die. Und wenn man so will, geht es im Fußball doch genau darum.

Prognose:

Der Kader ist sowohl qualitativ wie quantitativ gut aufgestellt. Der Trainer verfolgt einen klaren Plan, dem die Spieler bereitwillig folgen. Und selbst Negativ-Ergebnisse zogen den Klub in der jüngeren Vergangenheit nicht in die Abwärtsspirale. Gelingt Union die spielerische Weiterentwicklung, die gegen Mainz, Schalke und Freiburg bereits zu erkennen war und bleiben Unterschied-Spieler wie Max Kruse fit, scheint für die Eisernen sogar der Kampf um einen einstelligen Tabellenplatz realistisch. Mit dem (direkten) Abstieg sollte die Mannschaft aber so oder so nichts zu tun haben.

Sendung: rbb UM6, 27.10.2020, 18:15 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Berlin braucht zwei Bundesligisten. War Tasmania, TeBe und Bla Weiß nicht geschafft haben, scheint Union zu gelingen. Gut so.

  2. 3.

    Wenn Union trotzig und unbelehrbar auf manche wirkt,die scheinbar nicht richtig in der Lage sind zuzuhören,zu lesen oder generell alles falsch verstehen wollen,ist das völlig egal.

  3. 2.

    Vielen Dank für den tollen Artikel und der sachlichen Kritik.

  4. 1.

    Wenn die Fan´s aller Vereine nun auch keine Fernsehquoten erzielen (durch nicht einschalten), solange bis nur noch am Sonnabend gespielt wird, die Champions- u. Europa League nur an einem Mittwoch ausgetragen wird und alles im Free-TV als Grundrecht gesendet wird, ja dann haben die Eisernen die ganze Fußballwelt gesundet. Schade, das die Fan´s anderer Vereine die alte Försterei nicht erleben können.

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