Hertha-Trainer Bruno Labbadia (Quelle: imago images/Nordphoto)
Audio: Inforadio | 24.10.2020 | Simon Wenzel | Bild: imago images/Nordphoto

Vor dem Auswärtsspiel in Leipzig - Hertha hat Personalsorgen und "hundert Sachen" zu bearbeiten

Vor dem Spiel bei Spitzenreiter RB Leipzig steht Hertha schlecht da: Zu wenig Punkte, eine schwache Abwehr und Formschwankungen. Trainer Bruno Labbadia hat einiges zu tun und muss noch dazu um den Einsatz mehrerer Stammspieler bangen. Von Simon Wenzel

Personal

Das hatte sich Bruno Labbadia sicher anders vorgestellt: Statt mit möglichst vielen Spielern an den zahlreichen Problemen seiner Mannschaft zu arbeiten, muss Herthas Trainer vor dem Auswärtsspiel in Leipzig um vier potenzielle Stammspieler bangen. Matthew Leckie, Jhon Cordoba, Deyovaisio Zeefuik und Peter Pekarik konnten zuletzt nicht mit der Mannschaft trainieren, erst am Freitag soll sich ihr Einsatz klären.

Fallen in Zeefuik und Pekarik beide von Labbadia bevorzugte Rechtsverteidiger aus, könnte plötzlich Lukas Klünter wieder eine Rolle spielen. Der hatte unter Labbadia schon in der Vorsaison seinen Stammplatz verloren und spielte seitdem keine Rolle mehr, vorsorglich baute der Trainer ihn nun schonmal auf: "Dadurch, dass er bei fast allen Trainingseinheiten dabei ist, traue ich ihm das auf jeden Fall zu."

Es fehlen: Jordan Torunarigha (Syndesmosebandanriss), Santiago Ascacibar (Oberschenkelverletzung), Matteo Guendouzi (Quarantäne)

Die Form

... schwankt. Das ist Herthas Problem. Das beste Spiel der letzten Wochen machten die Blau-Weißen ausgerechnet gegen Bayern und das reichte dann trotzdem nicht zu Punkten, weil, naja, Bayern eben. Gegen Stuttgart präsentierte sich Labbadias Team dann wieder schwach und unterlag so verdient zu Hause gegen den Aufsteiger. Dabei enttäuschte auch die zuletzt so oft gelobte Offensive. Schlechtes Timing könnte man sagen, denn so finden sich die guten Auftritte der Berliner und die Formschwankungen kaum in der Statistik wieder.

Acht der letzten zehn Spiele (inklusive Pokal) gingen saisonübergreifend verloren, Hertha beging die meisten Fouls der Liga (60), kassierte in dieser Saison die meisten Gegentore nach Standards (fünf) und steht nach vier Spieltagen auf Platz 15. Faktisch sieht es schlecht aus. Entsprechend viel ist zu tun. "Ich könnte ihnen hundert Sachen sagen, die ich sehe, die wir jetzt bearbeiten können, aber jetzt müssen wir uns erstmal auf die wesentlichen Dinge beschränken", sagte Bruno Labbadia auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen RB. Neben der Fehleranalyse sei es in dieser Woche deshalb darum gegangen, "eine gewisse Spielfreude auch reinzubringen", erklärte der Trainer.

Der Gegner

RB Leipzig ist makellos in die Saison gestartet. Erst ein Mal musste der Tabellenführer Punkte abgeben, beim 1:1 in Leverkusen am zweiten Spieltag. Auch in der Champions League unter der Woche erledigte Leipzig seine Aufgabe souverän, gewann mit 2:0 gegen Basaksehir. Bisher scheint RB den Verlust seiner beiden Top-Torjäger der Vorsaison (Timo Werner und Patrick Schick) gut zu verkraften. Bruno Labbadia beobachtete vor dem direkten Duell, dass das Team von Julian Nagelsmann sogar "variabler" und deshalb "noch besser als im Jahr davor" sei.

Dass die Leipziger Offensive schon wieder so gut funktioniert, liegt auch an Emil Forsberg. Der Schwede hat nach einer schwachen Saison seine Form wieder gefunden und zählte an den ersten Spieltagen zu den besten Leipzigern. Auch Yusuff Poulsen zeigt sich als Stoßstürmer bisher treffsicher. Hoffnungen, dass Leipzig nach dem Champions-League-Auftakt am Dienstag einige Stars schonen könnte, macht sich Labbadia nicht. "Ich glaube nicht, dass sie Spieler schonen werden, sie haben [gegen Basaksehir] schon relativ früh ausgewechselt, damit sie die Spieler schonen", erklärte er. Mut macht Hertha das letzte Spiel in Leipzig im Mai. Damals erkämpften sich die Blau-Weißen beim 2:2 einen verdienten Punkt.

Herthaner im Fokus

Hier eine klare Personalie zu benennen, ist in dieser Woche gar nicht so leicht. Fallen die zuletzt angeschlagenen Stammspieler aus, dann könnte Herthas zweite Reihe unerwartet in den Fokus rücken. Können Zeefuik und Pekarik nicht spielen, dann darf der einzig verbliebene Rechtsverteidiger, Lukas Klünter, auf seinen ersten Einsatz seit Juni hoffen. Auch Krzysztof Piatek spielte zuletzt nicht mehr von Beginn an und wird sich Chancen ausrechnen. Er wäre ein möglicher Ersatz, wenn Jhon Cordoba ausfällt.

Ein besonderes Spiel wird es für den gesetzten Matheus Cunha. Der Brasilianer trifft in Leipzig zum zweiten Mal auf sein ehemaliges Team - eine dieser Geschichten, die im Fußball gerne erzählt werden. Trainer Bruno Labbadia spielte die Bedeutung des Wiedersehens aber herunter: "Beim ersten Mal ist es immer etwas Besonderes. Bei Matheus ist es jetzt schon das zweite Mal, von daher glaube ich, dass das etwas entspannter ist." Beim letzten Aufeinandertreffen spielte Cunha übrigens stark auf und steuerte eine Torvorlage bei.

Besonderheiten

Am Tag nach dem Spiel wartet auf Team, Trainer und Manager die Mitgliederversammlung, unter freiem Himmel in der Ostkurve. Wie warm der Empfang im herbstlich frischen Olympiastadion am Sonntagvormittag wird, hängt wohl auch von dem Auftritt gegen Leipzig ab. Zeigt sich das Team deutlich verbessert und nimmt sogar einen oder gar drei Punkte vom Gastspiel mit, dann haben die Verantwortlichen ein gutes Argument mehr in ihrem Werben um Geduld bei der Entwicklung.

Sollte Hertha deutlich verlieren und damit erst einmal im Tabellenkeller feststecken, dann dürfte die Stimmung ähnlich angespannt sein, wie vor fast einem Jahr. Damals gingen die Berliner mit einer 2:4-Niederlage gegen Leipzig in die Mitgliederversammlung und Manager Michael Preetz musste viele Fragen der frustrierten Fans beantworten, Trainer war damals noch Ante Covic.

 

Sendung: rbb UM6, 23.10.2020, 18 Uhr

Beitrag von Simon Wenzel

3 Kommentare

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  1. 3.

    Sehr gut geschrieben, Thomas! Dem ist nicht viel hinzu zu fügen. Man sagt ja, der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken. Je eher das (nicht nur erkannt, sondern auch) umgesetzt wird, desto eher sehe ich eine grüne Zweigfarbe für die Hertha. Solange das alles nicht klappt, sollte man Aussagen zum Big City Club erstmal außen vor lassen. Dass was passieren wird, steht also außer Frage, ich bin gespannt, wann´s los geht...

  2. 2.

    Vier Spiele, ein Sieg. Aus im DFB-Pokal. Die ersten Häufchen Sägespäne sind unterm Trainerstuhl. Gegen Leipzig erwartet sicher niemand einen Sieg, aber eine Klatsche wäre fatal. Sollte Labbadia scheitern, dann steht die gesamte Führungsetage zur Disposition. Das wird und kann sich kein Investor lange anschauen. Irgendwann muss man sich fragen, ist diese Führungsriege geeignet, aus einer grauen Maus das herauszuholen, was man mit dem Einsatz von dreistelligen Millionensummen erwarten darf und muß! Lehmann kommt von Klubs wie Dortmund, AC Mailand und Arsenal. Die Denke in diesen Klubs ist sicher eine andere, als die von Gegenbauer, Schiller und Preetz. Ich prognostiziere das bei Hertha noch viel passiert.

  3. 1.

    Es reicht nicht,dass man viel Geld hat, man muss
    es auch klug anlegen. Man muss Spieler aussu hen, die zusammen passen und die sich auch
    sprachlich verstehen. 11 verschiedene Nationa-
    litaeten machen das nicht gerade einfach und
    ein Sack voll Individualisten ergibt keine Mann
    schaft. Gibt es heute keine Scouts mehr?
    Man kann nur hoffen, dass sich die Spieler noch
    Fangen, große Sprünge sind nicht zu erwarten
    oder es müsste ein Wunder geschehen.


    P

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