Unions Torjubel bei Schalke 04 (imago images)
Audio: Inforadio | 19.10.2020 | Burkhard Hupe | Bild: imago images

Wie Union auf Schalke überraschte - Kontrollierte Freiheit

Dass so mancher Unioner nach dem 1:1 auf Schalke das Gefühl hatte, es wäre mehr drin gewesen, zeugt vom gewachsenen Selbstverständnis der Eisernen. Passend dazu wächst auch die Aufgabenstellung, mit der Urs Fischer seine Mannschaft auf den Platz schickt. Von Ilja Behnisch

Wer dem 1. FC Union Berlin am Sonntagabend dabei zusah, 1:1 auf Schalke zu spielen, hätte leicht philosophisch werden können. Zum Beispiel über die Frage, ob die vermeintlichen Gegensätze Freiheit und Kontrolle sich nicht eigentlich bedingen.

Zumindest gab es reichlich Zeit, sich Gedanken zu machen. Bei einer Partie, die über weite Strecken so chancenreich war wie ein Schachspiel, das einzig aus Bauern besteht. Die kurzen Ballbesitzphasen wechselten lieblos hin und her, so als ob beide Teams sich immer wieder gegenseitig ermahnten, jetzt doch auch mal den Karren zu ziehen. Auch in Qualität und Quantität der teils haarsträubenden Fehlpässe nahmen sich Schalke und Union wenig und es fehlte nur noch ein "Nimm Du ihn, ich hab ihn sicher." Torraumszenen blieben dementsprechend Mangelware.

Urs Fischer jubiliert

Und trotzdem schien Unions Trainer Urs Fischer in der 35. Minute urplötzlich ganz beseelt vom Treiben der Seinen auf dem Feld. Klatschend stand er am Spielfeldrand und jubilierte über die Kontrolle, die die Eisernen in diesem Moment über das Geschehen erlangt hatten.

Fischer, der gelernte Bankkaufmann, der früher als Abwehrchef des FC Zürich schon auch mal als harter Knochen verschrien war, liebt die Kontrolle. Und es ist ja ein Irrglauben, dass die Erfolgsformel des so sensationellen ersten Bundesligajahres von Union Berlin nur auf "eklig sein" beruhte. Denn tatsächlich waren die eher defensiv ausgerichtete Spielform, die Fünferabwehrkette und Standardstärke genau die Form der Kontrolle, die Union angesichts der eigenen Kaderqualitäten überhaupt nur erringen konnte.

Max Kruse zu sehr auf sich allein gestellt

In dieser Saison nun wagt man die Weiterentwicklung in Köpenick. Schon am ersten Spieltag gegen den 1. FC Augsburg (1:3) lief die Mannschaft mit einer Viererkette auf, die als die eigentlich von Fischer bevorzugte taktische Variante gilt. Und wurde bestraft. Gegen Mönchengladbach (1:1) und Mainz (4:0) kehrte man zur alten Formation und damit zum Erfolg zurück.

Es durfte also durchaus als Überraschung gewertet werden, dass Union ausgerechnet gegen Schalke 04, so etwas wie ein Synonym für Formschwäche, wieder alles ummodelte und mit einem 4-4-2-System begann. Niemals solle man schließlich ein siegreiches Team verändern, sagt eine alte Fußballweisheit. Andererseits: Wenn die Weiterentwicklung des eigenen Fußballs schon gegen den Tabellenletzten der Bundesliga nicht zum Erfolg führt, gegen wen dann?

Also versuchte sich Union auf Schalke im kontrollierten Spielaufbau, begegnete den königsblauen Pressingversuchen eben nicht mit Langholz, sondern mit Kurzpassfolgen und spielte auch mal hinten rum. Dass die zunächst besten Chancen durch die eher mit Sicherungsaufgaben betrauten, zentralen Mittelfeldspieler Grischa Prömel (21. Minute) und Robert Andrich (22.) verwirkt wurden, zeigt dann aber auch das Dilemma und die Schwere der Aufgabe.

Denn ist die Kontrolle erstmal errungen, braucht es den Ausbruch aus der Starre, die gedankliche Freiheit Einzelner, um Zählbares zu erreichen. Jemanden wie Max Kruse zum Beispiel, der sich auf Schalke zwar wie so oft (auch im Leben) überall herumtrieb und jede Menge zu initiieren versuchte, der am Ende mit der Bürde zur Gestaltung aber doch zu sehr auf sich allein gestellt war.

Jungbrunnen für Vedad Ibisevic

Auch, weil Schalke es zumindest defensiv ordentlich und dabei fast ebenso wie Union machte. Aufmerksam verschoben sich die einzelnen Mannschaftsteile mit- und zueinander, so dass kaum Räume entstanden, in denen Gefahr hätte aufkommen können. Und in vorderster Reihe lief sich der inzwischen 36-jährige Ex-Herthaner Vedad Ibisevic durch eine Art Jungbrunnen. Schließlich musste ihn die eher reaktionäre Spielweise seiner Mannschaft doch sehr an seine Zeit unter Hertha-Coach Pal Dardai erinnert haben.

Dass die Gäste aus Berlin in der 55. Minute dennoch und ausgerechnet durch den Ex-Schalker Marvin Friedrich in Führung gingen, lag dann auch eher an weniger kontrollierbaren Faktoren. Schalkes Omar Mascarell verlor Unions Chef-Flankengeber Christopher Trimmel aus den Augen und Torwart Frederik Rönnow rechnete entgegen der Lehrinhalte seines Berufs offenbar nicht mit einem Kopfball in die kurze Ecke.

Gute Karten im Abstiegskampf

Dass Unions Torhüter Andreas Luthe, der aus "sportlichen Gründen", wie Urs Fischer vor der Partie gegenüber dem TV-Sender Sky sagte, den Vorzug vor Loris Karius erhielt, beim Ausgleich durch Gonzalo Pacienca in der 69. Minute sich ebenfalls in der kurzen Ecke überlisten ließ, passte nur ins Bild dieses Spiels.

Danach passierte nicht mehr viel. Aus Unions Sicht darf das allerdings getrost als Erfolg gewertet werden. Schließlich verloren die Gäste zu keiner Zeit die Kontrolle über die Partie. In Zahlen umgerechnet ergeben sich so fünf Punkte nach vier Spielen und Tabellenplatz zehn. Und zumindest in Sachen Abstiegskampf bedeutet das auch ohne große Philosophie: eiserne Freiheit.

Sendung: rbb UM6, 18.10.2020, 18:15 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

1 Kommentar

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  1. 1.


    Haben Sie gut gemacht.

    Ich gehe davon aus, dass der Klassenerhalt wieder geschafft wird

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