Union-Spieler beim Torjubel (imago images/O.Behrendt)
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Unions Offensive nach dem Abgang von Sebastian Andersson - Urs Fischers Qual der Wahl

Nach Sebastian Anderssons Abgang muss sich Union Berlins Offensive neu erfinden. Gegen Mönchengladbach und Mainz deuteten Urs Fischers Spieler an, wie das gelingen könnte. Der Kader bietet dem Trainer zahlreiche Optionen für taktischen Fortschritt. Von Till Oppermann

Ein Pass zurück, ein Pass in die Tiefe, ein Sprint, eine Flanke, ein Kopfball: Vor dem Führungstor in der 13. Minute der letzten Bundesligapartie des 1. FC Union Berlin spielten die Köpenicker ihre Gegner aus Mainz schwindelig. Torschütze Max Kruse lobte später: "Gut dass Sheraldo den Ball so gut auf den zweiten Pfosten bekommt."

Doch nicht nur Sheraldo Beckers Flanke ist erwähnenswert. Man habe generell sehr gut Fußball gespielt, bilanzierte Kruse, denn: "Wir sind in den Positionen geblieben und haben umgesetzt, was der Trainer uns gesagt hat." Ein berechtigtes Lob für Urs Fischer, der in der Offensive plötzlich vor der Qual der Wahl steht. Beklagte er nach den ersten beiden Pflichtspielen noch, Union habe ohne Stürmer antreten müssen, sagt er jetzt augenzwinkernd: "Spaß macht das nicht, denn am liebsten würde ich alle gerne spielen lassen."

Fischer bieten sich viele Möglichkeiten

Denn nach dem Abgang von Sebastian Andersson haben gleich mehrere Spieler aus dem Kader Ansprüche auf seinen Platz in der Spitze angemeldet. Auf das gute Debüt des Neuzugangs Taiwo Awoniyi vorletzte Woche in Mönchengladbach, folgte Kruses Premierentor gegen Mainz. Im selben Spiel gelang auch Joker Joel Pohjanpalo ein Tor bei seinem Debüt. Am Donnerstag legte dann Cedric Teuchert mit einem Doppelpack im Testspiel gegen Hannover nach. Gerade rechtzeitig, denn das spielfreudige neue Personal muss eine große Lücke füllen.

Mit 13 Toren war Andersson in der vergangenen Spielzeit der beste Torschütze der Unioner. Zusätzlich war er der mit Abstand kopfball- und zweikampfstärkste Spieler der Bundesliga. In einer Mannschaft, die über die Hälfte der 41 Tore nach ruhenden Bällen erzielte, waren lange Bälle auf den Schweden oft das einzige Mittel im Aufbauspiel. Laut der Datenbank von fbref.com führte er 444 Kopfballduelle, über 100 mehr als der zweite Spieler in der Liste.

Über die Flügel statt durch die Mitte

Dass die Eisernen ihr Angriffsspiel umstellen müssen, ist seit Anderssons Abgang klar. Gegen Mainz und Mönchengladbach deutete die Fischer-Elf an, wie das gelingen könnte. Anstelle der langen Bälle auf Andersson als Fixpunkt im Zentrum versucht die Mannschaft sich nun vermehrt, flach über die Außenbahn nach vorne zu kombinieren.

Im 3-4-3-System sollen die Innenverteidiger und der defensive Mittelfeldspieler Andrich den Ball auf die Schienenspieler Christopher Lenz und Christopher Trimmel spielen. Diese versuchen dann entweder direkt oder im Zusammenspiel mit dem zweiten zentralen Mittelfeldmann Grischa Prömel die Flügelstürmer einzusetzen, die mit Tiefenläufen hinter die Abwehr starten. Gerade Becker gelang es mit seinem Tempo immer wieder Lücken für seine nachrückenden Mitspieler zu reißen, oder selbst in gefährliche Flankenpositionen zu gelangen. Bisher erzielten die Köpenicker jedes Tor aus dem Spiel nach einer Flanke.

Kruse ist der Anti-Andersson

Selbst Kruse muss darüber lachen, dass eine davon ihn fand: "Kopfballtore sind bei mir eher selten, umso schöner, dass es heute geklappt hat", sagte er nach dem Spiel gegen Mainz. Einer von vielen Punkten, in denen er sich statistisch von Andersson unterscheidet. Im Gegensatz zum Schweden hat der Deutsche seine Stärken klar am Boden.

Während Andersson beispielsweise mehr Kopfballduelle gewann als 98 Prozent der Stürmer aus den Top-5-Ligen in Europa, rangierte Kruse in seiner letzten Bundesligasaison 2018/19 in Bremen in dieser Kategorie unter ferner liefen. Im Gegensatz dazu gelangen ihm pro Spiel mehr erfolgreiche Dribblings als 95 Prozent der gleichen Vergleichsgruppe. Hier war Andersson abgeschlagen. Noch besser: Kruse spielte mehr Pässe in den Strafraum als 97 Prozent der Angreifer in den besten Ligen. Besondere Fähigkeiten, die seinen Coach Fischer schwärmen lassen. "Er ist ein Kreativspieler", der das Tempo bestimmen könne. "Damit tut er unserem Team extrem gut."

 

Die Flügelspieler profitieren

Weil die Mannschaft nach den langen Bällen auf Andersson in der letzten Saison häufig erstmal nachrücken musste, fehlte den Angriffen teilweise das Tempo. Mit ihren Tiefenläufen hinter die gegnerische Abwehr nahmen die Flügelspieler in den letzten Partien deutlich mehr Geschwindigkeit auf. Davon profitierte bisher in erster Linie Sheraldo Becker, der nach seiner durchwachsenen Premierensaison wie ausgewechselt spielt. Neben ihm ist die Auswahl groß.

Mit Marius Bülter, Marcus Ingvartsen, Akaki Gogia und Neuzugang Keita Endo stehen mehrere flinke und zum Teil technisch beschlagene Alternativen bereit. Wegen der Gefahr, dass die Unioner mit den Tiefenläufen über die Flügel zu Chancen kommen, müssen die Gegner automatisch tiefer stehen. Das wird Kruse in einigen Spiel viel Platz im Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld eröffnen. Der Zone, in der er seine Stärken im Dribbling und als Kreativspieler optimal nutzen kann.

Im Sturm herrscht Gedränge

Vielleicht auch mit einem Sturmpartner wie dem finnischen Nationalspieler Pohjanpalo. Mit ihm habe man einen zusätzlichen Stürmer bekommen, den das Team brauchte, so Fischer. Ein Zusammenspiel mit Kruse könne er sich "logisch" vorstellen. Bei seinem Tor nach nur 35 Sekunden zeigte der Blondschopf, was er dem Team geben kann: Präsenz im Strafraum. "Genau da ist er gefährlich", lobt sein Coach.

Sollte Fischer sein Team im 4-4-2 aufstellen, bieten sich ihm neben Pohjanpalo mit Awoniyi, Teuchert und Anthony Ujah noch drei weitere Optionen. Gerade Awoniyi bewies bereits gegen Gladbach, dass seine Körperlichkeit gegen den Ball helfen kann, das Aufbauspiel der Topteams der Liga zu zerstören.

Den Beweis, dass sie eine Saison für Union so konstant bestreiten können wie Andersson, müssen die Neuen noch antreten. Insbesondere Anderssons Fähigkeit, jeden Ball festzumachen, die Gegner in Zweikämpfe zu zwingen und so für Entlastung zu sorgen, wird fehlen. Nachdem sich die Offensive in der vergangenen Saison von allein aufstellte, ist Fischers Qual der Wahl jedoch ein gutes Zeichen. Wie gut sein Plan funktionieren kann, bewies das Spiel gegen Mainz.

Sendung: rbb UM6, 10.10.2020, 18:15 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

4 Kommentare

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  1. 4.

    Ich sehe die Mannschaft gut aufgestellt, das aktuelle Team hat mehr Qualität als in der Saison 19/20. Wenn der Zusammenhalt so wie in der vergangenen Saison funktioniert und jeder für jeden kämpft, woran ich keine Zweifel habe, dürfte der Klassenerhalt sehr gut möglich sein. Auf gehts Unioner . . .

  2. 3.

    Um die ist sich bereits gekümmert.
    Vielleicht sollten Sie nicht der Meinung sein hier jeden Artikel kommentieren zu müssen.
    Hochachtungsvoll Olaf

  3. 2.

    Also mich interessiert es, ansonsten hätte ich den Artikel auch gar nicht gelesen.
    Der Buchstabe F beim 1. FC Union Berlin steht übrigens für Fußball und genau darum geht es in dem Beitrag.

  4. 1.

    Und wem intressiert daß Union soll sich erstmal um seine Hygiene Regeln im Stadion kümmern dies wäre besser.
    Hochachtungsvoll Stoll Karl-Heinz

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